Leserbriefe

Das ist nationaler Egoismus

17.04.2015, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Peter Reinhardt, Neckartenzlingen. Zu den Leserbriefen „Macht sich doppelt erpressbar“ und „Werden Grundsätze zur reinen Phrase?“ vom 10. April. Es gibt offensichtlich Leute, die gerne vergessen. Kaum ein Volk der Welt hat so viel Unglück über die Welt gebracht wie das deutsche – mit dem Zweiten Weltkrieg. Und das sollen wir einfach vergessen, weil es schon 70 Jahre her ist? Was verstehen wir angesichts dieser Tatsache unter „deutscher Kultur“ – auch diesen wüsten Krieg? Im Ausland sind die Leiden – verständlicherweise – lebendiger in Erinnerung als bei einigen „guten Deutschen“.

Dass die Siegermächte – das war die halbe Welt – nach dem Krieg auf so gut wie alle Wiedergutmachungen verzichteten, war und ist ein ungeheurer großes Geschenk gewesen. Hätte Deutschland die Verwüstungen, die es verursacht hatte, wiedergutmachen sollen – es wäre nie wieder hochgekommen. Da sollten wir wohl nachhaltig dankbar sein. Heute ist Deutschland eines der wirtschaftlich und politisch stabilsten Länder Europas. Das ist zum großen Teil dem deutschen Fleiß zu danken, klar; aber zu einem erheblichen Teil auch den Ausländern, die unter verschiedenen Bezeichnungen zu uns kamen. Und überall kann man lesen, dass Deutschland in Zukunft weitere Einwanderungen dringend braucht, will es einen Wohlstand auf Dauer erhalten.

Dass das zunächst auch etwas kostet, ist klar: Unterbringung und Sprachkurse natürlich. Aber es scheint im deutschen Lande Menschen zu geben, die in einem engen nationalen Egoismus verharren und nur die augenblicklichen Kosten und die Schwierigkeiten sehen, die mit diesen Zuwanderern natürlich verbunden sind. Sie schüren Ablehnung, gegebenenfalls sogar Hass auf die Zugewanderten, das sollte nicht sein! Es ist nun mal nicht einfach, von einer Landeskultur in eine andere – hier: die deutsche – überzuwechseln. Wie kann man dagegen polemisieren? Die Leserbriefschreiber tun so, als stünde der Untergang Europas, oder zumindest der Untergang Deutschlands, unmittelbar bevor, wenn das reich gewordene Deutschland jetzt Flüchtlinge aufnimmt und dafür Geld ausgibt. Einen kurzfristigeren nationalen Egoismus kann man sich kaum vorstellen.

Es sind Menschen wie wir, die da zu uns kommen und bei uns Hilfe suchen. Als wenn Deutsche nie Hilfe gebraucht hätten. Und: nahezu alle, die da zu uns kommen, wollen hier arbeiten und zum allgemeinen Wohlstand beitragen – und brav Steuern zahlen. Kurzfristige Probleme gibt es natürlich, wie sollte es anders sein. Aber sollten die für ein so tüchtiges und reiches Land wie Deutschland nicht zu meistern sein? Man muss es nur wollen.

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