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„Wir müssen als Kirche zu den Menschen gehen“

15.05.2021 05:30, Von Manuela Pfann — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Den letzten großen Aufbruch in dieser Diözese gab es 1985/86, Sie waren bei der Diözesan-Synode dabei. Die Delegierten haben damals gemeinsam mit Bischof Georg Moser ein Votum nach Rom gegeben, das den Diakonat der Frau gefordert hat. Das ist 35 Jahre her! Was ist daraus geworden?

Wir wissen es nicht. Wir haben nie eine Antwort aus Rom erhalten. Ebenso wenig wie die Würzburger Synode, die bereits 1975 dasselbe Votum nach Rom geschickt hatte. Wir waren damals weiter als heute. Auch was die Mitbestimmung anging: Bischof Moser hatte dafür gesorgt, dass in dieser Synode Priester und Laien, also Nicht-Geweihte, gleichberechtigt abstimmten.

Dekan Paul Magino feierte kürzlich seinen 70. Geburtstag. Foto: Pfann
Dekan Paul Magino feierte kürzlich seinen 70. Geburtstag. Foto: Pfann

Sind Sie trotz allem noch immer gerne Pfarrer in genau dieser Kirche?

Ich bin gerne Pfarrer. Vor allem in diesen Kirchengemeinden in Wendlingen und Köngen und auch in dieser Diözese. Aber gleichzeitig stelle ich mir jedes Jahr am Tag der Diakonin (29. April) die Frage: Lohnt es sich noch? Können wir noch etwas bewegen?

Und wie ist Ihre Antwort?

Ja, trotz allem. Weil mir bewusst ist, dass in der Kirchengeschichte noch keine Reform von oben gekommen ist.

Wie können Sie denn hier, von unten, als Gemeindepfarrer, etwas bewegen?

Ich bin der Überzeugung, dass Frauen und Männer in der Kirche grundsätzlich dieselben Rechte haben – aufgrund derselben Würde. Und das formuliere ich; bei Veranstaltungen, in der Predigt und auch beim Bischof.

Woran machen Sie diese Aussage theologisch fest?

Meine Position ergibt sich ganz stark aus der Auferstehungserzählung. Es waren die Frauen, die zum Grab aufgebrochen sind und anschließend die Jünger wieder auf die Beine gebracht haben. Jesus hat anschließend allen den Auftrag gegeben, das Evangelium zu verkünden, nicht nur den Männern. Für mich hat Papst Franziskus genau das bestätigt, indem er Maria Magdalena zur Mit-Apostelin gemacht hat.

Sind Sie ebenso klar bei der Frage nach der Segnung homosexueller Partnerschaften, die ja durch ein „Nein“ aus Rom vor Kurzem heftig diskutiert wurde?

Das bin ich – wobei ich mir sicher bin, dass dieses Schreiben aus dem Vatikan von deutschen Bischöfen auf den Weg gebracht worden ist. Ich teile die Sorge vieler Mitbrüder nicht, die in dieser Segnung eine Gefahr für die sakramentale Ehe zwischen Mann und Frau sehen. Ich würde jederzeit einem homosexuellen Paar den Segen Gottes zusprechen. Wichtig dabei ist für mich, dass in dieser Lebensgemeinschaft Werte wie Sorge und Verantwortung eine Rolle spielen. Ein Segen ist für mich zwar etwas anderes als ein Sakrament. Für mich hat aber jede Form ihren eigenen, hohen Wert.

Sind das die entscheidenden Punkte für eine gute Zukunft der katholischen Kirche – Frauenfrage und Gleichberechtigung?

Das ist zumindest die Grundvoraussetzung, damit wir überhaupt erst wieder glaubwürdig sind und Angebote angenommen werden können. Kirche kann an der Rechtsgestalt der Gesellschaft nicht vorbeigehen. Aber in der Frauen-Frage tut sie genau das.

Es gibt die Prognose, dass die Kirchen nach Corona noch leerer werden. Das ist aber nicht nur ein Struktur-Thema. Viele haben während der Pandemie gemerkt, dass ihnen diese Kirche gar nicht fehlt. Was braucht es, damit Menschen wieder in die Kirchekommen?

Die Erwartungshaltung, dass die Menschen zu uns kommen, die müssen wir endgültig ablegen. Wir müssen als Kirche viel mehr zu den Menschen gehen und ihre Situation aufmerksam wahrnehmen.

Brauchen die Menschen Kirche denn überhaupt noch oder was brauchen Menschen heute?

Ich denke, Menschen brauchen eine Art Lebensbegleitung – nach Corona ist der Bedarf ganz bestimmt nicht kleiner. Aufgabe von Kirche ist es, den Menschen zu ihrem Leben zu verhelfen und sie bei ihren Fragen zu begleiten.

Wie kann das gelingen? Kirche scheint heute doch oft fern von der Lebenswelt, vor allem junger Menschen, zu sein. Und die Kirchengemeinde vor Ort kennt nur die wenigsten ihrer Mitglieder.

Genau das ist die große Herausforderung an uns. Ich kann mir vorstellen, dass wir mehr und mehr wegkommen von der aktuellen Territorialgemeinde hin zu einer Personalgemeinde. Damit meine ich: wir organisieren uns in kleineren Gemeinschaften, die sich nicht an geografischen Orten orientieren, sondern sich um thematische Schwerpunkte sammeln. In einer Personalgemeinde ist es einfacher, einander wahrzunehmen und Beziehungen zu knüpfen. Und das ist genau das, was trägt – Beziehungen.

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