Weihnachtsgrüße

Mit dem Motorrad die Anden überquert

24.12.2018, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Alicia Grupp schickt ein fröhliches „Feliz Navidad“ aus Chile – Ihr Studium in Santiago bietet viele neue Erfahrungen und sei es auch nur der Kampf mit der Sprache

Zurzeit befinde ich in dem ersten meiner beiden Auslandssemester in Santiago de Chile und freue mich, dass langsam, aber sicher endlich der Sommer kommt. Durch die Wärme kommt bei mir nicht wirklich Weihnachtsstimmung auf. Obwohl dies mein zweites warmes Weihnachten nach Südostasien 2016 ist, fällt es mir immer noch schwer, ohne Weihnachtsmarkt, kalte Füße und Glühwein in Weihnachtsstimmung zu kommen.

In Chile ist Alicia Grupp oft mit dem Motorrad unterwegs (hier ein Bild von der ersten Ausfahrt, die von Santiago nach Illapel führte).
In Chile ist Alicia Grupp oft mit dem Motorrad unterwegs (hier ein Bild von der ersten Ausfahrt, die von Santiago nach Illapel führte).

Das Einzige, was einen immer wieder an Weihnachten erinnert, sind die Dekoartikel im Supermarkt oder die überdimensionierten Plastikweihnachtsbaume in den Shoppingmalls. Dekoration in den Häusern oder Vorgärten habe ich bisher noch nicht gesehen. Aber mal schauen – vielleicht tut sich da ja noch was.

Seit Ende Juli wohne ich hier in Santiago in einer 26er-Studenten-WG mit Studenten aus insgesamt zehn verschiedenen Nationen. Hier ist also immer was los, darauf kann man sich verlassen. Von gemeinsamen Reisen über die eine oder andere Party und bis hin zu unseren internationalen Kochabenden ist alles dabei.

Seit drei Monaten besteht unsere Tradition darin, dass jeden Dienstag eine andere Nationalität für das ganze Haus kocht. Habt ihr schon mal für über 20 Leute auf fünf Herdplatten gekocht? Wir waren mit Einkaufen und Kochen knapp zehn Stunden beschäftigt! Unser deutsches Menü bestand aus selbstgemachten Butterbrezeln (ja, mit Natronlauge und allem Drum und Dran), Semmelknödeln und Spätzle mit Pilzrahmgeschnetzeltem und zum Nachtisch gab es Himbeertraum. Dafür haben wir es uns die Wochen darauf gutgehen lassen und wurden beispielsweise von den Franzosen mit Quiche Lorraine und Muscheln in Weißweinsud bekocht, wir konnten eine finnische Sommersuppe genießen oder bei Tequila und Tacos ein bisschen Mexiko ins Haus holen.

Da wir aber alle auf unterschiedliche Unis gehen und viele schon Ende November fertig sind, löst sich unsere WG langsam auf, da viele noch reisen gehen. Ich studiere an der Universidad de Chile, der größten Universität hier und einer der acht öffentlichen Universitäten in Chile. Es ist auch eine der Unis, in der die Studentenschaft politisch sehr aktiv ist. Aufgrund von mehrmonatigen Streiks im letzten Semester hat sich das Semester hier sehr nach hinten verschoben und wir haben ein viel längeres Semester als die anderen Studenten an den privaten Unis.

Die Uni hier ist ganz anders als in Deutschland. Man hat hier fast jede Woche eine Präsentation, eine Prüfung oder ein Essay, das man abgeben muss. Nachdem ich in Deutschland gerade mal ein Jahr Spanisch gelernt habe und hier an der Uni ausnahmslos alle Kurse auf Spanisch sind, kämpfe ich manchmal noch etwas mit den Vorlesungen, die hier unglaubliche drei Stunden lang sind – mit nur zehn Minuten Pause zwischendrin.

Aufgrund des Streiks habe ich auch keine Politikwissenschaftskurse, da diese noch später angefangen hätten, stattdessen habe ich dieses Semester Kurse in Soziologie und Anthropologie belegt. Da ich die Texte dieser Fächer wahrscheinlich nicht mal immer auf Deutsch oder Englisch verstehen würde, kann das schon mal acht Stunden dauern, bis man seine 15 Seiten Text gelesen hat. Trotz verspätetem Semesterstart werde auch ich kurz vor Weihnachten fertig sein und kann dann endlich meine Semesterferien genießen. Über die Feiertage werde ich mit meinem chilenischen Mitbewohner Will zu seiner Familie nach Iquique in Nordchile fliegen und dort zwischen Wüste und Meer mit seiner Familie Weihnachten feiern.

Da ich seine Familie noch nicht kenne und auch sonst über die chilenischen Weihnachtsbräuche noch ziemlich im Dunklen stehe, bin ich schon gespannt, wie das wird. Zwischen den Jahren geht es dann für ein paar Tage nach Uruguay und an Silvester nach Buenos Aires.

Santiago ist im Vergleich zu Leipzig, wo ich sonst studiere, viel größer und viel chaotischer. Da ich Großstädte eigentlich ganz gerne mag, macht mir das nichts aus. Und obwohl Santiago selbst jetzt nicht die schönste Stadt ist, liegt sie superschön in den Anden. Im Winter hat man die schneebedeckten Berge im Hintergrund. Wenn man sie durch die hohe Luftverschmutzung denn überhaupt sehen kann – was leider nicht immer der Fall ist. Trotz Unistress versuche ich möglichst viel zu reisen und mit meinen Mitbewohnern zu unternehmen. Da ich in der Mitte des Semesters erst mal für vier Wochen mit Pfeifferschem Drüsenfieber flach lag und mich in der Zeit hauptsächlich zwischen Krankenhaus und meinem Bett hin- und herbewegt habe, bleibt auch noch einiges aufzuholen.

Mit dem Motorrad, das ich mir hier im September gekauft habe, habe ich auch noch einige Touren geplant. Die bisher längste und abenteuerlichste Fahrt war meine Andenüberquerung von Santiago de Chile nach Mendoza in Argentinien. Während meine Mitbewohner mit dem Nachtbus nach Mendoza gefahren sind, konnte ich den Ausblick auf schneebedeckte Gipfel und steppenähnliche Landschaften genießen, während ich die 370 Kilometer mit dem Motorrad hinter mich gebracht habe. Insgesamt habe ich einen Temperaturunterschied von knapp 25 Grad durchlebt, was anfangs trotz voller Motorradmontur ziemlich kalt und später dann trotz Fahrtwind viel zu heiß war.

Im Sommer habe ich circa zwei Monate Semesterferien, aber wohin es da geht, weiß ich noch nicht. Da man mit dem Motorrad ziemlich flexibel ist, sollte sich das dann hoffentlich spontan ergeben.

Aber jetzt grüße ich erst mal alle Zuhausegebliebenen und wünsche allen frohe Weihnachten und einen guten Rutsch. Ganz besonders liebe Grüße gehen an meine Oma, die heute Geburtstag hat, ich wünsche dir alles, alles Gute zum Geburtstag, viel Gesundheit und ein gutes neues Lebensjahr. Ich freue mich schon auf Rhabarberkuchen und Sauerkraut nächstes Jahr, wenn ich wiederkomme. Meinem Opa, der vor fünf Tagen Geburtstag hatte, wünsche ich nachträglich auch noch alles Gute und viel Gesundheit für das nächste Jahr. Das Gleiche gilt für meine Schwester, die vor drei Tagen Geburtstag hatte, alles Liebe. Ganz besonders liebe Grüße gehen noch an Verena, die euch in in dieser Beilage von ihrem Weihnachten in China und Vietnam berichtet.

 

Liebe Grüße aus Chile

Alicia Grupp

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