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Kennenlernen über Gartenzäune hinweg

15.05.2021 05:30, Von Anneliese Lieb — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

NÜRTINGEN. Mit Postkarten in den Briefkästen fällt in der Braike der Startschuss für ein Stadtteilprojekt, das Menschen miteinander ins Gespräch bringen soll. Kommunikation ist in Zeiten der Pandemie sehr schwierig. Davon lassen sich indes die Initiatoren des Stadtteil-Projekts „Unsere Braike“ nicht entmutigen. Ihr Ziel: die Menschen wieder näher zusammenrücken lassen.

Das ist die Braikegrafik
Das ist die Braikegrafik

Die Braike ist ein Wohnquartier, das in der Nachkriegszeit entstanden ist. Kleine Siedlungshäuser mit Gärtle, Reihenhäuser, Mehrfamilienhäuser und neuere Einfamilienhäuser prägen den Stadtteil. Ältere Menschen, junge Familien, Studenten und Menschen mit Migrationshintergrund bestimmen das Bild. Für sie alle ist die Braike ihr Zuhause. Lebensmittelpunkt. Aber nicht unbedingt auch der Ort, an dem man die Gemeinschaft pflegt. Und in Zeiten wie der Pandemie, wo die Menschen gezwungenermaßen Abstand halten sollen, da geht der Blick nicht unbedingt über den Gartenzaun.

Sehr hilfreich, um die Braike-Bewohner auf ihrem Weg zu mehr Nachbarschaft zu unterstützen, war das Förderprogramm „Nachbarschaftsgespräche. Zusammenleben – aber wie?“, vom Staatsministerium Baden-Württemberg und dem Ministerium für Soziales und Integration Baden-Württemberg aufgelegt. Kommunen und Landkreise erhalten bis zu 15 000 Euro Unterstützung. Voraussetzung: Der Antragsteller muss bei der Bewerbung einen oder mehrere Partner aus dem zivilgesellschaftlichen Bereich angeben, mit dem das Nachbarschaftsgespräch durchgeführt wird. Pfarrer Markus Frank war von Anfang an begeistert. Dass „Integration von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund“ Teil des Nachbarschaftsgesprächs sein muss, war keine Hürde, sondern vielmehr willkommener Grund, die Aktivitäten auf eine breite Basis zu stellen.

Weitere Voraussetzung, so Evgenia Frank vom Integrationsbüro der Stadt Nürtingen: Zur Konzepterarbeitung des Nachbarschaftsgesprächs sollte ein Berater hinzugezogen werden. Dieser darf für den zivilgesellschaftlichen Kooperationspartner tätig, nicht aber bei der antragstellenden Kommune beschäftigt sein. Engagiert wurde Anni Schlumberger, sie ist Geschäftsführerin von Human IT Service und berät und begleitet Kommunen und interkommunale Einrichtungen, aber auch private Organisationen bei der Durchführung sachorientierter Dialogprozesse vor Ort und im Netz. Besonderes Anliegen dabei ist, mithilfe innovativer Methoden und Formate möglichst allen Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit zu geben, sich aktiv einzubringen und ihren Stadtteil mitzugestalten. Die Allianz für Beteiligung, ist ein Netzwerk, das sich für die Stärkung von Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung in Baden-Württemberg einsetzt und auch das Projekt in der Braike begleitet.

Mit diesen Partnern an der Seite haben sich eine ganze Reihe interessierte Menschen trotz der Pandemie auf den Weg gemacht, um das Miteinander im Stadtteil zu verstärken. Nach der Renovierung des Gemeindezentrums der Versöhnungskirche, an das auch eine große Freifläche (Wiese und Spielplatz) angrenzt, war schnell ein zentraler Ort gefunden, der auch bisher schon Begegnungen im Quartier auf vielfältige Weise – über soziale und religiöse Schranken hinweg – ermöglicht. Aufbauend auf den guten Erfahrungen des jährlichen Ferienlagers und der „Jungen Kirche“ (NOVA) soll der Ort zu einer Anlaufstelle werden, an der niederschwellig Kontakte geknüpft, ehrenamtliches Engagement gefördert und nachbarschaftliche Fäden geknüpft werden können. „Wir sind gerne Gastgeber und freuen uns über einen regen Austausch“, sagt Pfarrer Markus Frank.

Gerne bereit, die Aktivitäten zu unterstützen, ist auch Dr. Ellen Fetzer von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt. Entworfen wurden Postkarten, die ab 17. Mai, an alle Haushalte in der Braike verteilt werden. In fünf verschiedenen Sprachen werden die Menschen eingeladen, ihre Ideen einzubringen und mit Bildern, persönlichen Geschichten oder Videobotschaften ihren Blick auf die Braike festzuhalten.

„Die Bürger sollen uns ihr Bild von der Braike mitteilen“, sagt Bärbel Kehl-Maurer, die ebenfalls im Team mitschafft. Malte Siegmund, Abiturient und Jugendrat, hofft, dass es gelingt, neue Kontakte zu knüpfen. Auch Ute Altenburger, die ihre Kindheit in der Braike verbrachte, später im Wörth und dann in Oberboihingen lebte und jetzt in der Kirchheimer Vorstadt zuhause ist, hat den Bezug zum Stadtteil nie verloren. Als es darum ging, sich einzubringen, war sie gleich Feuer und Flamme

Die Gestaltung der Karten und Plakate hat Dietmar Faiss übernommen. Ein Grafikdesigner, der in der Braike wohnt und sich einbringt. Er arbeitet auch an der Website. „Wir sind auf einem wunderbaren Weg, das Projekt öffentlich zu machen“, freut sich Pfarrer Frank zusammen mit den Akteuren auf die Resonanz unter den rund 4000 Stadtteilbewohnern. Die Postkarten kann man digital oder analog ausfüllen. In drei Briefkästen, die im Stadtteil eigens dafür aufgestellt werden, beim Café Bäckerei Mayer, bei der Braike Apotheke und an der Bushaltestelle am Rotenbergplatz, kann man die Karten einwerfen.

Ziel ist, möglichst viele Menschen aus dem Quartier auf der Basis niederschwelliger Beteiligungsangebote zu erreichen und zu aktivieren. Hemmschwellen zwischen Alteingesessenen und neu Hinzugezogenen will man abbauen. Unterschiedliche soziale und kulturelle Hintergründe sollen neugierig machen und ein Kennenlernen über bestehende Grenzen hinweg ermöglichen.

Das Gemeindezentrum Versöhnungskirche will man als Begegnungsort für den Stadtteil etablieren. Dort wird im September eine Ausstellung stattfinden, die all die Ideen und Anregungen aus der Postkartenaktion widerspiegelt.

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