Nürtingen

„Eine kleine Naturkatastrophe“

14.11.2018, Von Barbara Gosson — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Anglerverein „Petri Heil“ aus Neckarhausen beklagt ein Fischsterben – Die Sommerhitze wird als Ursache vermutet

Der ungewöhnlich heiße Sommer ist an den Gewässern der Region nicht spurlos vorübergegangen. Sie alle haben einen für die Jahreszeit ungewöhnlich niedrigen Wasserstand. Am härtesten hat es vielleicht den Inselesee bei Neckarhausen getroffen. Hier kam es zu einem Massensterben an Fischen.

Der Anglerverein "Petri Heil" beklagt ein großes Fischsterben in seinem Hausgewässer, dem Inselsee bei Neckarhausen. Riesige Welse und Karpfen konnten nur noch tot aus dem See geholt werden. Eine äußere Ursache konnte nicht gefunden werden, was aber kein Grund zur Beruhigung ist. Foto: Holzwarth

NT-NECKARHAUSEN. Der kleine Inselesee an der B 297 kurz nach dem Ortsausgang Neckarhausen Richtung Neckartailfingen ist das Hausgewässer des Anglervereins „Petri Heil“ Neckarhausen. Dort steht das Vereinsheim, dort werden seit vielen Jahren zwei Mal pro Jahr Fische wie Karpfen oder, Zander eingesetzt. Ab Mitte Oktober beobachteten die Angler ein großes Fischsterben. Schnell wurde die Polizei, namentlich der Arbeitsbereich Gewerbe und Umwelt, eingeschaltet, auch das Amt für Wasserwirtschaft und Bodenschutz am Esslinger Landratsamt bekam sofort Bescheid. Gemeinsam machten sich alle daran, die Ursache für das massenhafte Fischsterben zu finden und gleichzeitig die noch lebenden Fische zu retten.

Auf rund 10 000 Euro ...

„Es ist eine kleine Naturkatastrophe. Wir sind unendlich traurig“, so der Vorsitzende des Anglervereins Uwe Bierbaum. Er schätzt den Schaden auf über 10 000 Euro. Denn ein Karpfen brauche bis zu 30 Jahre, bis er zu seiner vollen Größe herangewachsen ist, ein Wels bis zu 40 Jahre.

Wasserproben wurden entnommen und tote Fische ans Chemische und Veterinäruntersuchungsamt in Fellbach geschickt. Die gute oder vielmehr schlechte Nachricht war, dass keinerlei Gifte gefunden wurden und die Wasserqualität gut ist. Also hatte das große Fischsterben eine natürliche Ursache. „Es gibt keine Anhaltspunkte für einen Schadstoffeintrag“, so die Auskunft der Polizeipressestelle. Der See sei ein Grundwassersee ohne externen Zufluss. Die Angler vermuten, dass zu viel Schlamm und zu wenig Wasser im See ist. Sie sind verzweifelt, weil das Fischsterben nicht rechtzeitig aufgehalten werden konnte.

Der Leiter des Amtes für Wasserwirtschaft und Bodenschutz, Benjamin Heemeier, beschreibt, was unternommen wurde: „Zunächst hatte die örtliche Feuerwehr eingegriffen, um den Sauerstoffgehalt im Wasser mittels Pumpen zu erhöhen und zu stabilisieren.“ Das Landratsamt habe dann vorgeschlagen, Wasser aus dem benachbarten Tiefenlochsee in den Inselesee zu pumpen.

... schätzt der Anglerverein ...

Der Inselesee ist einen Hektar groß und maximal 1,20 Meter tief. Der Tiefenlochsee ist zehn Hektar groß und bis zu zwei Meter tief, so der Anglervereinsvorsitzende Bierbaum. Wird Wasser herübergepumpt, steigt der Spiegel des kleineren Sees um 30 Zentimeter, während der des anderen nur um drei Zentimeter sinkt. In den letzten Oktobertagen wurde für zwei Tage gepumpt, so Heemeier.

Das trug zu einer Verbesserung der Wasserqualität bei, reichte jedoch nicht aus. „Der Angelverein Neckarhausen hat um eine weitere Überleitung von Wasser aus dem Tiefenlochsee oder dem Neckar gebeten“, so Heemeier. Das Landratsamt Esslingen sei mit beiden Varianten – Überleitung aus dem Tiefenlochsee oder dem Neckar – einverstanden. Allerdings sei die Entnahme aus dem Tiefenlochsee aufgrund der räumlichen Nähe einfacher umzusetzen. Weiterhin wäre auch die Entnahme aus dem Neckar denkbar. Hier sei allerdings die Niedrigwasserführung und die Wasserqualität zu beachten. Das Regierungspräsidium Stuttgart habe zu einer möglichen Überleitung aus dem Neckar grundsätzlich seine Zustimmung signalisiert.

Widerspruch kommt allerdings vom Anglerverein Neckartailfingen, dem Pächter des Tiefenlochsees, der auch der Filderwasserversorgung als Speicher dient. Sein Vorsitzender Arnd Hemmen verweigert die Zustimmung, nochmals Wasser aus dem Tiefenlochsee zu entnehmen. Er fürchtet um sein eigenes Gewässer. In diesem Jahr liege der Wasserspiegel 70 Zentimeter tiefer als sonst, womit ein Drittel des Wassers fehlt. „Wenn jetzt ein trockener kalter Winter kommt, ist das nächste Fischsterben vorprogrammiert.“ Dann bleibt den Fischen unter der Eisdecke nicht mehr genügend Lebensraum.

... den Verlust an Fischen. Fotos: Petri Heil

Es ist nicht genügend Wasser in Flüssen und Seen

Zwar gebe es einen Schieber zwischen dem Tiefenlochsee und dem Neckar, über den man den Spiegel des Sees wieder heben kann. Das Problem ist, dass auch der Neckar Niedrigwasser hat. „Der führt praktisch nur, was aus den Kläranlagen kommt“, sagt Hemmen. Das Wasser, das in den Inselesee gepumpt werde, versickere sofort wieder im Grundwasser. „Ich würde den einen See retten und den anderen ins Verderben stürzen“, sagt er.

Das Fischesterben im Inselesee ist nur ein Symptom eines viel gravierenderen Problems. „Durch ausbleibende Niederschläge ist überall Niedrigwasser“, so Heemeier. Den Inselesee hat es von allen Gewässern im Kreis am schlimmsten erwischt. Aber auch im Tobelweiher in Beuren und im Bissinger See gab es Fischsterben, die auf den trockenen Sommer zurückgeführt werden. Im Aileswasen und in Bissingen gab es zudem Badewarnungen wegen Blaualgen. Heemeier wundert sich, dass nicht noch mehr Fische gestorben sind. Er vermutet, sie hätten sich an die Trockenheit gewöhnt. Genaueres zu den Auswirkungen des trockenen Sommers auf das gesamte Gewässer müsste eine wissenschaftliche Untersuchung ergründen. „Je kleiner das Volumen des Gewässers, desto schlechter verträgt es die Hitze“, sagt Heemeier.

Erste Hilfe kommt dann von der Feuerwehr, die die Seen mit Pumpen belüftet. Sie kann jedoch nichts dagegen tun, dass der Porengrundwasserleiter ebenfalls Niedrigwasser führt. Das macht sich laut Heemeier bereits an den Wasserfassungen der Kommunen bemerkbar, aus den Brunnen sprudelt es nicht wie sonst. Dank der Landeswasserversorgung und dem Bodensee müsse sich jedoch vorerst niemand Sorgen ums Trinkwasser machen.

Ob im Inselesee mit Neckarwasser noch etwas zu retten ist, kann Bierbaum nicht sagen. Seit Tagen hat er keinen lebenden Fisch mehr gesehen, nicht einmal Luftblasen: „Vielleicht ist unser ganzer Fischbestand tot“, sagt er. Die Hoffnung aller liegt nun auf ordentlich Regen im Winter, damit Flüsse und Seen wieder ausreichend Wasser haben.

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