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„Wie ein Schmetterling“ Spannende Berufe: Timo Brunke ist Poet und Sprachvermittler

13.07.2013 00:00, Von Melanie Maier — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Herr Brunke, was genau macht ein Dichter und Poet? Tun Sie jeden Tag das Gleiche?

Es gibt schon eine gewisse Routine, aber jede Woche sieht natürlich anders aus. Ich trete in Schulen, auf Literaturbühnen, im Kabarett und in Büchereien auf. In der restlichen Zeit schreibe ich neue Gedichte.

Wo schreiben Sie am liebsten?

Ich schreibe gerne im Zug – in einem halb leeren oder einem ganz leeren, nicht in einem vollen Zug. Das lenkt mich sonst zu sehr ab. Ich mag den Takt der Schienen, die bequemen Sitze und die Geschwindigkeit, in der die Landschaft an einem vorbeifliegt. Aber ich schreibe auch gerne draußen im Garten. Dort ist man mitten im Geschehen: Es fliegt, es krabbelt und der Wind pfeift einem um die Ohren. Ich finde die Natur sehr inspirierend.

War Ihnen Sprache schon immer wichtig?

Ja, schon als Kind habe ich viel gelesen und klassische Musik gehört: Ich mochte Opern wie den „Freischütz“ von Carl Maria von Weber. Zudem habe ich gerne Gedichte auswendig gelernt, zum Beispiel wenn ich mich im Chemie-Unterricht gelangweilt habe.

Wie wurden Sie eigentlich Dichter?

Ab der fünften Klasse machte ich bei der Theater-AG an meiner Schule mit. Meinen ersten Auftritt mit einem eigenen Gedicht hatte ich aber erst in der achten Klasse. An einem „Kulturabend“ führten Schüler und Lehrer gegenseitig kleine Musikstücke und Sketche vor. Ich sagte ein selbst erfundenes Witzgedicht auf, es hieß „Die Versuchung des heiligen Antonius“. Mit 17 Jahren gründete ich dann eine Kabarett-Gruppe mit zwei Freunden. Wir nannten uns „Die echten Dilettanten“ und imitierten die Komik von Helge Schneider, der damals noch ein Geheimtipp war. Mein erstes Solo-Programm folgte, als ich 20 Jahre alt war.

Was genau bedeutet Sprache für Sie?

Sprache ist etwas Lebendiges, sie ist wie ein Schmetterling, der sich ständig bewegt. Und sie ist ein Lebenselixier: Sie soll das Leben intensivieren. Wenn ich eine Sprache gut beherrsche, muss ich zum Beispiel nicht auf die Malediven reisen – ein Ausflug um die Hausecke reicht. Mit etwas Fantasie und einem guten Wahrnehmungsvermögen ist das fast wie in den Urlaub zu fliegen.

Was fasziniert Sie an der deutschen Sprache?

Ich mag Deutsch. Es klingt vielleicht nicht ganz so cool wie Englisch und nicht ganz so melodisch wie Italienisch, aber im Deutschen braucht man ein Wort nur richtig in den Mund zu nehmen und schon ist es ganz gegenwärtig. Das ist vielleicht das Beste an der deutschen Sprache: Mit ihrem Klang zeigt sie uns auch die Dinge, die sie beschreibt. Bei Wörtern wie „rumpeln“, „glitzern“ oder „hübsch“ merkt man, dass Sprachen die Welt abbilden. Ein Wort wie „Wind“ ist im Grunde ja schon ein Gedicht.

Haben Sie denn auch ein Lieblingswort?

Ja, eines meiner Lieblingswörter ist „Topf“. Auch das ist sehr bildlich: In dem Laut „T“ steckt der Deckel, das „O“ steht für das Gefäß selbst und das „Pf“ am Ende klingt wie der Dampf, der aus dem Kessel zischt.

Was möchten Sie mit Ihrer Arbeit bewirken?

Ich möchte die Lebendigkeit der Sprache erhalten. Im Moment habe ich das Gefühl, dass die deutsche Sprache verroht und verarmt. Deshalb bin ich kämpferisch. Eine Sprache muss verästeln, sie muss blühen und man muss Neues mit ihr denken können. Durch meine Auftritte und meine Bücher möchte ich erreichen, dass die Vielfalt unserer Sprache genutzt wird und man kreativ mit ihr umgeht. Denn nur wer eine Sprache richtig nutzt, hat auch gute Zukunftschancen.

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