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Wenn Schmetterlinge Tränen schlürfen

03.09.2008 00:00, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Es war nachts im Wald auf der Insel Madagaskar bei Afrika. Da ist Roland Hilgartner geglückt, was sich viele Forscher wünschen. Er hat etwas Überraschendes, Neues gesehen: Nachtfalter, die die Tränen schlafender Vögel trinken. Dass es Falter gibt, die Tränen von Tieren trinken, wussten die Forscher. Aber vorher dachten Schmetterlings-Experten, dass die Falter an eher ruhigen Tieren wie Elefanten und Wasserbüffeln saugen. Also oft an großen Tieren, die sich von Schmetterlingen nicht stören lassen oder die die Falter nicht leicht wegmachen können. Aber Vögel – das war neu.

„Eigentlich lag ich wegen meiner Affenstudien auf der Lauer“, erzählt der Biologe. Denn Hilgartner ist Affenforscher. Sein Spezialgebiet ist eine bestimmte Gruppe von Affen auf Madagaskar, die Lemuren. Die Insel Madagaskar liegt im Indischen Ozean.

Als er wieder einmal mit seiner Taschenlampe durch den Wald streifte, um die nachtaktiven Äffchen zu beobachten, sah er in einer Baumkrone etwas Leuchtendes. „Zuerst dachte ich, es sind die Augen eines Geckos“, erinnert er sich. Doch da saß kein Gecko im Baum. „Ich erkannte schließlich einen schlafenden Vogel, auf dessen Kopf ein Nachtfalter saß.“ Die Schmetterlingsaugen leuchteten im Lampenlicht. Hilgartner sah erstaunt, dass der Schmetterling mit seinem Rüssel aus dem geschlossenen Vogelauge trank. Schnell griff er zur Kamera und schoss ein Foto. Das Beweisfoto von einem Schmetterling, der die Augen von Vögeln anzapft! Insektenforscher untersuchen ähnliche Schmetterlinge schon lange und haben sie Tränentrinker getauft. Mittlerweile kennen sie etwa 100 Arten. Manche von ihnen trinken nur gelegentlich Tränen und saugen sonst Fruchtsaft und Nektar.

Andere Arten ernähren sich möglicherweise ausschließlich von Tränen. Sie leben in heißen, meist trockenen Regionen in Afrika, Südamerika und Asien. „Wir vermuten, dass sie sich auf diese Weise mit Wasser und Salzen versorgen“, erklärt Hilgartner. Beides sind wichtige Stoffe, an denen es Tieren in den Inselwäldern auf Madagaskar manchmal mangelt. Eine Vermutung, die auch andere Forscher teilen.

Wie viele Tränentrinker es gibt, warum sie so gerne Tränen trinken und wie sie im Dunkeln die Tränenquellen finden, wollen die Forscher in Zukunft genauer herausfinden. Weil aber die Tränentrinker recht selten sind, werden Hilgartner und seine Kollegen wohl noch viele Nächte in Wäldern auf der Lauer liegen.

Nachts im Wald: Bei seinen Affenforschungen entdeckte Roland Hilgartner, dass manche Schmetterlinge auch bei Vögeln Tränen süffeln. Foto: Roland Hilgartner

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