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Vor dem Spielen weggerannt

26.08.2020 05:30, Von Sophia Reddig — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Nach dem Aufwachsen mit Pferden und Ponys muss Anton erst lernen, sich wie ein Esel zu benehmen

Sein Wiehern klang wie eine kaputte Tür, sagt seine Besitzerin. Kein Wunder: Schließlich ist Anton ein Esel und kein wieherndes Pferd. Das musste er aber erst lernen.

Silke Philipp-Odermatt hat mehrere Esel auf ihrem Hof.  Foto: Sophia Reddig/dpa
Silke Philipp-Odermatt hat mehrere Esel auf ihrem Hof. Foto: Sophia Reddig/dpa

ALSFELD. „Als ich Anton kennengelernt habe, dachte ich, ich sehe nicht richtig“, sagt Silke Philipp-Odermatt aus dem Bundesland Hessen. Anton ist zwar ein Esel, er ist aber mit Pferden und Ponys aufgewachsen. Dort hat er zehn Jahre lang gelernt, sich wie ein Pferd zu verhalten. Einen anderen Esel hat er in dieser Zeit nicht kennengelernt.

„Als er dann vor drei Jahren zu uns auf den Hof gekommen ist, hatte er panische Angst vor den anderen Eseln. Er wusste gar nicht, wie er sich verhalten soll“, erinnert sich Silke Philipp-Odermatt. Esel necken sich gerne, sagt sie. Wenn die Tiere miteinander spielen, könne das ziemlich ruppig wirken. Doch das konnte Anton nicht wissen. Er hatte gelernt: Wenn Pferde oder Ponys aufeinander losgehen, wird es ernst. Daher sei Anton anfangs immer weggerannt, wenn die anderen Esel mit ihm spielen wollten, erzählt die Hof-Besitzerin.

Vielleicht ist Anton da kein Einzelfall. Im Internet finden sich viele Videos, auf denen beispielsweise eine Katze wie ein Hund zu hecheln scheint oder ein Hase wie ein Meerschweinchen fiept. „Wissenschaftlich erforscht wurde dieses spezielle Thema noch nicht“, sagt die Professorin Marta Manser. Sie untersucht das Verhalten von Tieren. Es gebe aber ein paar Dinge, die Forscher bereits zu Lernprozessen bei Tieren herausgefunden hätten.

Angeborenes Verhalten

Marta Manser erklärt: „Es gibt Verhalten, das ist angeboren. Zum Beispiel wissen alle Tiere von selbst, wie man atmet. Anderes Verhalten müssen sie noch lernen.“ Im Normalfall bringen Artgenossen dem Tier bei, wie es richtig spielt, jagt oder mit anderen in Kontakt tritt. „Entscheidend sind hier die ersten Monaten oder Jahre. In dieser Phase lernen die Tiere am meisten“, sagt die Expertin.

Wenn jedoch in dieser wichtigen Zeit keine Artgenossen da sind, fehle dem Tier dieses weitergegebene Wissen. Falls es jedoch auf andere Tiere trifft, könne es deren Verhalten nachmachen und sich so anpassen. „Das kann in der Wildnis wichtig sein für das eigene Überleben. Tiere, die sonst in Gruppen zusammenleben, haben alleine weniger gute Chancen“, sagt die Expertin.

Das funktioniere aber nur, wenn sich die verschiedenen Arten ähneln. Sie erklärt: „Ein Esel würde niemals versuchen, sich wie eine Maus zu benehmen. Bei Pferden oder Ponys ist die Ähnlichkeit jedoch da.“ Entscheidend sei auch, wie lernbereit die Tierart an sich ist.

Hat das Tier erst einmal gelernt, sich wie ein Tier einer anderen Art zu verhalten, sei es gar nicht mehr so einfach, das rückgängig zu machen.

„Bei Anton hat es mehrere Jahre gedauert“, sagt Silke Philipp-Odermatt. „Aber mittlerweile sieht er nicht nur aus wie ein Esel, sondern benimmt sich auch wie einer.“

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