Schwerpunkte

Paulas Nachrichten

Verschwinden zwischen vielen Punkten

23.07.2021 05:30, Von Kirsten Haake — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Meist betrachtet man Bilder einfach. Die Kunst von Yayoi Kusama ist anders: In ihre Welt kann man eintreten.

Punkt, Punkt, Punkt . . . Versuch mal, so viele rote Punkte wie möglich auf ein Blatt zu malen. Am Schluss sind es wahrscheinlich so viele, dass man sie kaum zählen kann.

Das kennt wahrscheinlich auch die Künstlerin Yayoi Kusama. Sie hat in ihrem Leben vermutlich schon Hunderttausende Punkte gemalt. Punkte finden sich bei ihr eigentlich überall. Sie bemalt damit nicht nur Leinwände und Gegenstände. Sie füllt auch Räume damit.

„Yayoi Kusama möchte alles mit ihren Punkten überziehen“, erklärt die Expertin Stephanie Rosenthal. Sie hat gerade in der Stadt Berlin eine große Ausstellung über die Künstlerin aus dem Land Japan gestaltet.

Gleich am Eingang ragen riesige rosa Tentakel mehrere Meter hoch in die Halle. Natürlich tragen die Krakenarme Punkte. Das Tolle ist: In dieses Kunstwerk kann man hineingehen, die Tentakel umrunden, unter ihnen durchgehen und sie sogar anfassen.

Die Punktewelt von Yayoi Kusama habe aber nicht nur etwas Positives, erklärt Stephanie Rosenthal. Die Kunstwerke könnten beim Ansehen auch verwirren. Manchmal fragt man sich: „Falle ich gerade oder schwebe ich?“ Die Punkte verwandeln sich für manche Menschen auch in unendlich viele Augen, die zurückgucken.

Ein gutes Beispiel für Verwirrung ist ein Raum mit Spiegeln in der Ausstellung. Am Boden liegen massenweise gepunktete Gebilde, die sich durch die Spiegel unendlich oft wiederholen. Tritt man hinein, wird man ein Teil davon. Darüber sagte Yayoi Kusama mal: Sie wollte zeigen, dass jeder von uns ein Punkt zwischen Milliarden und Milliarden von Punkten im Universum ist.

Mit dem Mal-Training angefangen hatte Yayoi Kusama schon als Kind, obwohl ihre Eltern das nicht unterstützten. Schon damals hatte die Künstlerin Halluzinationen. So nennt man Wahrnehmungen wie etwa Bilder, Geräusche und Gerüche, die nicht in Wirklichkeit da sind, sondern nur im Kopf. Solche Halluzinationen hat Yayoi Kusama bis heute. Sie liefern ihr teilweise auch Ideen.

Allerdings können solche Wahrnehmungen auch schwierig und anstrengend sein. Deshalb lebt die Künstlerin seit vielen Jahren in einem Krankenhaus. Das sei eine Art Schutzraum, erklärt Stephanie Rosenthal. Yayoi Kusama ist schon 92 Jahre alt. Noch immer malt sie richtig viel!

Schließlich ist eine ihrer wichtigsten Ideen: Sie möchte völlig von Kunst umgeben sein und eigentlich in ihr verschwinden. Alle, die das anschauen, können das auch versuchen.

Paulas Nachrichten