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Paula will nicht in der Tonne leben

03.03.2012 00:00, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Hallo liebe Kinder,

in dieser Woche gab es einen wunderschönen Tag. Ich bin natürlich gleich mal zum Andreas gewatschelt. Der saß auf seiner Terrasse in der Sonne.

„Hallo, Paula“, hat er gestrahlt, „toller Frühling, was?“

Ich habe geantwortet: „Ja, du siehst richtig glücklich aus!“

„Stimmt“, hat er gemeint, „wunschlos glücklich. Im Moment zumindest.“

„Ach, und was hättest du dann doch noch für einen Wunsch?“, habe ich ganz lieb gefragt.

Er hat mich richtig frech angegrinst und gemeint: „Einen Wunsch? Na gut: Geh’ mir bitte aus der Sonne, Paula.“

Ich habe ihn angeguckt wie ein Auto. Allerdings wie ein Auto, das gleich hupen will. Ich war nämlich sauer. „He, ich habe dir doch gar nichts gemacht“, habe ich geschnattert.

Der Andreas hat gelächelt: „Na klar, das war auch nur ein Spaß. Der Spruch mit der Sonne stammt von einem uralten griechischen Philosophen. Der hieß Diogenes. Und der Diogenes hat in einer alten Tonne gewohnt.“

„In einer Tonne?“, habe ich mich gewundert. „Da würde ich nicht wohnen wollen! Ist das wegen der Euro-Krise? Sind die Griechen so arm? Müssen die jetzt schon in Tonnen wohnen?“

„Nein, nein, Paula“, hat der Andreas geantwortet. „Der Diogenes hat vor über 2000 Jahren gelebt. Lange bevor Jesus geboren wurde. Philosophie ist ein griechisches Wort. Es bedeutet ,Liebe zur Weisheit‘. Die Philosophen denken über alle möglichen Dinge nach: Wie die Welt entstanden ist. Warum wir leben. Wie wir leben sollen. Und der Diogenes hat sich überlegt: Der Mensch braucht nicht lauter teure Sachen wie schöne Kleider, ein großes Haus, leckeres Essen, ein tolles Handy . . .“ 

„Was? Ein Handy? Gab’s vor über 2000 Jahren schon Handys in Griechenland?“, habe ich mich gewundert.

„Natürlich nicht“, hat der Andreas weiter erklärt. „Das ist nur ein Beispiel. Der Diogenes würde heute zu den älteren Kindern bestimmt sagen: ,Ihr braucht doch keine Handys, Computer und Fernseher zum Glücklichsein.‘ Für ihn war die Freiheit ganz wichtig. Er wollte richtig frei sein. Und deshalb wollte er auch nicht andauernd irgendwelchen Sachen hinterher rennen. Er dachte sich: ,Man ist frei, wenn mal nicht viel braucht zum Leben.‘ Deshalb hat er als Bettler in der Tonne gelebt. Eines Tages kam der Alexander zu ihm. Der war damals der mächtigste König. Er wollte dem Diogenes einen Wunsch erfüllen. Diogenes hat sich kein Geld, kein Gold oder sonst was Teures gewünscht. Alexander sollte ihm nur aus der Sonne gehen.“

„Das war ja ein komischer Typ“, habe ich mir überlegt. „Hoffentlich war der Alexander nicht beleidigt.“

Der Andreas hat erklärt: „Nein, nein, der Alexander bewunderte den Schlaumeier. Diogenes begründete sogar eine Philosophenschule. Das waren die Kyniker.“

„Wie? Doch Könige?“, habe ich gefragt.

„Nein, das Wort heißt K-y-n-i-k-e-r. Das kommt vom griechischen Wort ,kyon‘. Das heißt ,Hund‘. Manche Menschen mochten den Bettler Diogenes nämlich nicht. Er war oft dreckig und ungepflegt. Er lebte eben wie ein Hund. In Griechenland und in anderen Ländern gibt es heute noch viele Straßenhunde. Die gehören keinem. Die streunen herum und betteln die Menschen an. Aus dem Wort ,Kyniker‘ sind dann die heutigen Zyniker geworden. Zynische Menschen verspotten andere oft ziemlich böse. Das passt dann wieder zu den Hunden. Die können ja auch bissig sein.“

Ich habe ganz ängstlich geguckt. In dem Moment ist ein Kollege vom Andreas vorbei gekommen. Der hat dann gesagt: „Du brauchst keine Angst haben. Nicht alle Hunde sind bissig, Paula. Ich habe einen ganz lieben. Willst du ihn mal besuchen? Dann komme doch einfach mit!“

Ich war mir nicht sicher. Aber der Andreas hat mir Mut gemacht. Und dann habe ich tatsächlich den Hund von seinem Kollegen besucht. Der war richtig lieb. Der ist kein bissiger Zyniker! Eure Paula

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