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Paulas Nachrichten

Paula wäre gerne eine Wahlente

17.03.2012 00:00, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Hallo, liebe Kinder,

ist das nicht ein tolles Wetter! Bei so einem Sonnenschein setze ich mich sehr, sehr gerne auf die Terrasse vom Andreas und lese die Zeitung. Diese Woche war so ein Typ vorne drauf. Der hat nett gelächelt und gewunken. Ich hätte ihm am liebsten zurückgewunken. Unter dem Bild stand irgendetwas von einer Wahl. In dem Moment tauchte auch der Andreas endlich mit einer Tasse Kaffee in der Hand auf. Also habe ich ihn gleich gefragt: „He, was ist denn das für ein Typ?“

„Tja, Paula, das ist der neue Bundespräsident. Der wird am Sonntag gewählt“, hat er mir geantwortet.

Das fand ich komisch. Ich habe geschnattert: „Schon wieder eine Wahl? Warum das denn? Und warum weißt du, dass bei der Wahl der Typ gewählt wird? Das weiß man doch immer erst nach der Wahl.“

Der Andreas wollte mir antworten. Aber ich hatte plötzlich eine schreckliche Ahnung und habe lieber gleich weitergeschnattert: „Beschummeln die vielleicht bei der Wahl? Kennst du deshalb schon den Sieger?“

Aber der Andreas hat mich beruhigt: „Nein, nein, liebe Paula, du brauchst dich nicht aufzuregen. Bei der Wahl wird nicht geschummelt. Ich erkläre dir das. Pass auf! Also: Am Sonntag wird der Bundespräsident gewählt . . .“

Da musste ich ihn gleich wieder unterbrechen. Das macht man ja eigentlich nicht. Aber ich konnte ihn einfach nicht weiterreden lassen: „Was? Die wählen schon wieder einen? Aber der alte musste doch erst zurücktreten.“

Jetzt hat mich der Andreas einmal unterbrochen: „Aber Paula: Gerade deshalb wird doch ein neuer gewählt. Man braucht doch immer einen.“

Ich habe gemeint: „Man braucht einen? Und was macht der eigentlich? Ist der der Oberchef von Deutschland?“

Der Andreas musste kurz überlegen. Dann hat er geantwortet: „Der Oberchef von Deutschland ist er eigentlich nicht. Er regiert ja gar nicht. Das macht die Bundeskanzlerin mit ihrer Regierung. Aber der Bundespräsident ist eben der ranghöchste Deutsche. Er ist das Staatsoberhaupt. Er vertritt Deutschland. Man sagt: Er repräsentiert Deutschland.“

„Ach so“, habe ich mir überlegt, „der repräsidiert. Deshalb heißt er auch Präsident. Hä? Warum heißt der dann nicht Repräsident?“

Der Andreas hat mich ganz komisch angeschaut und mit dem Kopf geschüttelt. Dann hat er gesagt: „Weißt du, Paula, manchmal glaube ich, du solltest mal zum Ohrenarzt gehen. Der repräsidiert nicht. Das Wort gibt’s nämlich überhaupt nicht. Er r-e-p-r-ä-s-e-n-t-i-e-r-t. Das kommt vom Römerwort ,repraesentare‘. Das heißt auf Deutsch einfach ,darstellen‘. Heute bedeutet das einfach oft: Jemand vertritt etwas nach außen. Er vertritt Deutschland zum Beispiel in anderen Ländern. Und das Wort Präsident wiederum kommt auch von einem alten Römerwort. Es kommt vom Wort ,praesidere‘. Das heißt einfach: Jemand hat den Vorsitz von etwas.“

Richtig zufrieden war ich natürlich noch nicht. Also habe ich gesagt: „Toll! Das habe ich jetzt verstanden. Aber warum weißt du denn, wer gewinnt? Wählst du den Typen mit der Brille auch am Sonntag? Ich darf ja eh wieder nicht wählen . . .“

Der Andreas musste lachen: „Da kann ich dich trösten, Paula. Ich darf am Sonntag auch nicht wählen! Der Präsident wird nämlich von der Bundesversammlung gewählt. Das Volk darf den nicht wählen. Zu der Versammlung gehören alle Bundestagsabgeordneten in Berlin. Diese Politiker haben wir ja schon bei der Bundestagswahl gewählt. Und dann schicken die einzelnen Bundesländer wie Baden-Württemberg oder Bayern zum Beispiel noch ihre Wahlleute dazu. Dort haben die Menschen ja auch schon jeweils die Politiker in die Landtage gewählt. Und diese Politiker haben jetzt die Wahlleute ausgesucht und ihnen gesagt, wen sie wählen sollen. Insgesamt wählen 1240 Leute den Bundespräsidenten.“

Jetzt hatte ich das kapiert. Ich habe gesagt: „Ach, die sowieso schon gewählten Politiker wählen den und schicken andere Wähler zur Wahl. Deshalb kennt man den Sieger schon!“

„Sehr gut, Paula“, hat mich der Andreas gelobt. „Die großen Parteien haben sich ihren Kandidaten ausgesucht. Und der wird jetzt auch gewählt werden. Der Typ heißt Joachim Gauck. Der kommt aus dem östlichen Teil von Deutschland. Du weißt doch: Früher gab’s einen eigenen Staat in Ostdeutschland. Das war die DDR. Von der waren wir mit einer Mauer getrennt. Die Menschen konnten nicht einfach raus. Und wir konnten nicht einfach rein zu ihnen. Der Joachim Gauck hat gegen diese Mauer gekämpft. Das war mutig. Jetzt erklärt er den Menschen oft was über die Freiheit. Deshalb mögen ihn viele Menschen.“

Das hat mir gefallen. Ich habe zu ihm gesagt: „Tja, wenn das so ist, wäre ich am Sonntag gerne eine Wahlente. Aber das klappt ja nicht. Dann bleibe ich eben mit dir zu Hause!“ Eure Paula

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