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Paula kennt die Geschichte von den Maientagsbrezeln

07.06.2008 00:00, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Hallo liebe Kinder,

auf dem Maientag war echt ganz schön was los. Viele Kinder haben da ganz schön viel Geld ausgegeben. Na, man muss ja auch nicht immer sparen, hat der Andreas mir gesagt. Die Kinder haben mir erzählt, dass sie eine Brezel und zwei Euro bekommen von ihren Lehrern. Ich habe mal geschaut, ob sie da viel am Maientag machen können. Vielleicht können sie einmal Karussell oder Boxauto dafür fahren. Und die Brezel vespern sie meistens am Vortag schon in der Schule, hat mir der Andreas gesagt.

Die Kinder freuen sich sehr über das Geld und die Brezel, glaube ich. Die Klasse 2c aus der Mörikeschule hat mir auf jeden Fall geschrieben und mir schöne Bilder geschickt. Sie haben sich selbst beim Maientagsumzug gemalt. Die Kinder wollen wissen, wie der Mann heißt, der die Maientagsbrezeln bezahlt. Und sie wollen wissen, ob er noch lebt und ob er wirklich in Amerika wohnt.

Hm, wenn ich ehrlich bin, habe ich das nicht gewusst. Aber das ist ja nicht schlimm. Das weiß ich vom Andreas. Journalisten haben oft keine Ahnung – dann gehen sie los und fragen andere. Nur wer nicht fragt, ist doof, sagt der Andreas.

Also habe ich ihn – ganz neugierige Zeitungsente – gleich mal besucht.

Du, von wem sind denn die Brezeln, die es am Maientag gegeben hat?, habe ich ihn gefragt.

Er hat mir mit den Augen zugeblinzelt und gesagt: Ist doch logisch, Paula, die hat der Schreiner für dich geschnitzt!

So ein Quatsch, du willst mich wieder nur ärgern, habe ich ihm gesagt.

Richtig, hat er gemeint. Ist doch klar, dass die Brezeln der Bäcker gemacht hat!

Das war frech von ihm, denn das weiß ich selber. Ja und wer hat sie bezahlt?, habe ich ihn gleich gefragt.

Das bezahlt die Stadt, hat der Andreas gemeint.

Die Stadt?, habe ich gemeint. Aber die wohnt doch nicht in Amerika, oder?

Ach, jetzt verstehe ich, Paula! Du meinst den Robert Reiner, hat der Andreas gerufen. Naja, habe ich gedacht, das klingt aber nicht besonders amerikanisch.

Und dann hat der Andreas angefangen zu erzählen. Vor über 100 Jahren hat der Robert Reiner als Junge in Nürtingen neben dem Rathaus gewohnt. Als er groß war, ist er nach Amerika ausgewandert. Das haben ja früher viele gemacht, du weißt doch, Paula, die sind dann in Amerika von der Freiheitsstatue, dem Mädel mit der Fackel, begrüßt worden. Dort hat er eine Firma gegründet, die Kleidermaschinen verkauft hat. In Weehawken, das spricht man „Wiehoken“ aus. Stell dir vor, Paula, die Stadt liegt direkt neben New York, und dort lag auch das Hotel, in dem ich in meinem Urlaub in den letzten Ferien mit meiner Familie gewohnt habe, hat der Andreas gesagt.

Und, hast du ihn besucht?, wollte ich vom Andreas wissen. Nein, hat er geantwortet, der ist ja schon lange tot.

Und was hat der Robert Reiner dann mit den Maientagsbrezeln zu tun?, wollte ich wissen. Gibt’s in Amerika denn auch einen Maientag?

Nein, nein, Paula, hat der Andreas gemeint. Und er hat mir weiter erklärt: Der Robert Reiner ist in Amerika mit seiner Firma schnell sehr reich geworden. Aber er hat seine Heimatstadt nie vergessen. Nach dem Ersten Weltkrieg waren die Deutschen sehr, sehr arm. Da hat er den Nürtingern 24 Kühe geschenkt, damit die Kinder und die Patienten im Krankenhaus Milch haben. Er hat damals auch Geld gegeben, damit ein Freibad gebaut werden konnte. Er hat Geld für die Familien geschickt, deren Papa im Krieg gestorben war. Und er hat Geld geschickt, damit die Kinder etwas haben, das sie am Maientag ausgeben können. Er hat sich nämlich daran erinnert, wie toll er das fand, wenn er als Kind ein paar Groschen bekommen hat.

Und nach dem Zweiten Weltkrieg, als wieder in Deutschland alles kaputt war und die Menschen sehr arm waren, hat er den Nürtingern neue Kirchenglocken geschenkt. Die alten Glocken hatten Bösewichte nämlich im Krieg eingeschmolzen, um daraus Munition zu machen. Ja, und er hat Mehl geschickt, damit für die Kinder zum Maientag richtig tolle Brezeln gebacken werden. Schokolade hat er verteilen lassen und Schuhe für die Kinder geschickt, die keine hatten.

Hm, habe ich gesagt, das war ja ein lieber Kerl. Bestimmt hätte er mir auch einen Salat mitgeschickt, wenn ich damals schon in Nürtingen rumgewatschelt wäre.

Ganz bestimmt, hat der Andreas gesagt. Und schön ist es, wenn die Kinder heute an Robert Reiner denken, wenn die Stadt ihnen heute zwei Euro und eine Brezel schenkt. Dann merken sie, dass das für Kinder richtig viel sein kann. Da hat er recht. Oder, liebe Kinder? Eure Paula

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