Paulas Nachrichten

Paula kann nicht stricken

13.11.2010, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Hallo, liebe Kinder,

gestern hat der Wind ganz schön durch mein Zeitungsgefieder geblasen. Ich habe an den lieben heilige Martin gedacht. Diese Woche war doch sein Namenstag. Ihr wisst doch: Der war ein römischer Soldat und hat seinen Mantel mit einem Bettler geteilt. Ein toller Typ! Vor allem, wenn es damals so gewindet hat wie bei uns in dieser Woche!

Ich habe den Martin gelobt, als ich mit dem Andreas gesprochen habe. Und ich habe zu ihm gesagt: „Zum Glück ist es noch nicht so richtig kalt. Zum Wind auch noch Kälte, das wäre jetzt zu viel für mich.“

Der Andreas hat gelacht: „Kein Problem, Paula. Dann musst du dir halt einen dicken Pullover stricken.“

„Ich kann aber gar nicht stricken“, habe ich geantwortet. „Du kannst es mir ja mal zeigen.“

Der Andreas hat nicht gleich geantwortet. Wahrscheinlich kann er selber nicht stricken! Ich habe gemeint: „Stricken ist bestimmt nichtso einfach. Sonst würden sich die meisten Menschen nicht einfach einen Pullover kaufen und lieber selber einen stricken.“

Der Andreas hat überlegt: „Naja, es ist wirklich nicht so einfach. Es dauert auch eine ganze Weile. Viele Menschen haben gar nicht so lange Zeit. Und so ein Pullover muss ja gar nicht so teuer sein. Aber weißt du, dass früher in Nürtingen ganz viele Menschen gestrickt haben?“

Das habe ich nicht verstanden. „Hat denen das so viel Spaß gemacht?“, wollte ich wissen.

„Das weiß ich nicht“, hat der Andreas geantwortet. „Sie haben das für Geld gemacht. Als Arbeit. Nürtingen wurde sogar früher ,Stadt der guten Strickwaren genannt. Und die Bewohner von Nürtingen hat man sogar aus Spaß ,Stricknadeln‘ genannt. Fast die Hälfte der Menschen hier in der Gegend hat in der Textilindustrie gearbeitet.“

„Textwas?“, habe ich geschnattert. „Was haben denn Texte mit Strickwaren zu tun?“

Der Andreas hat gelacht. Dann hat er mir erklärt: „Also, da sind wieder einmal die alten Römer schuld. ,Text‘ kommt vom lateinischen ,textus‘. Und das heißt eigentlich ,Gewebe‘ oder ,Geflecht‘. So ein Gewebe ist ein Kleidungsstück, ein Stück Stoff. Das wird ja aus lauter kleinen Fäden gewoben. Und ein Text ist eben ein großes Ganzes, das aus vielen Buchstaben und Worten gewoben ist.“

Ich habe noch einmal kurz nachgedacht. Dann hatte ich das verstanden. „Aber jetzt muss du mir bitte noch das mit Nürtingen erzählen“, habe ich gebeten.

„Aber natürlich“, hat der Andreas gemeint. „Vor beinahe 200 Jahren wurde die erste Textilfabrik in Nürtingen gegründet. Das war die Firma Otto. Die gibt es heute noch in Wendlingen. Die nannte man damals Spinnerei.“

„Was? Haben die die Menschen alle für Spinner gehalten?“, habe ich geschnattert.

„Nein, nein“, hat mich der Andreas beruhigt. „Mit spinnen ist da nicht gemeint, dass jemand ein bisschen verrückt ist. Spinnen heißt: Man macht aus kleinen Fasern einen dickeren Faden. Aus den Fäden macht man dann die Kleider. In Nürtingen und in der Gegend gab es bald viele Textilfirmen. Das waren ein paar Jahre nach dem letzten großen Krieg über 70 Firmen. Zum Beispiel die Firma Melchior. Die steht unten am Neckar. Direkt neben der Stadtbrücke. Da steht auch so ein großer Schornstein daneben. Denn früher wurden die Spinn-, Web- und Strickmaschinen mit Dampfkraft angetrieben. Heute ist da aber die FKN drin, das ist die Freie Kunstakademie Nürtingen.“

„So, machen die denn auch Kleider?“, wollte ich wissen.

„Nein, nein, Paula“, hat der Andreas geantwortet. „Dort lernen Studenten zum Beispiel eher malen und zeichnen. Oder Figuren zu formen. Die Schüler dort wollen Künstler werden.“

„Hm“, habe ich überlegt. „Warum gibt es denn die Strickfabriken hier in der Gegend nicht mehr?“

„Das ist ganz einfach“, hat der Andreas erklärt. „Die Textilien konnten in anderen Ländern billiger hergestellt werden. Deshalb mussten die Firmen zugemacht werden. Aber eine große Textilfirma gibt es noch in Nürtingen. Die gibt es seit 140 Jahren! Die heißt Hauber. Die wird vom Urenkel des Firmengründers geführt. Dort wird natürlich alles ganz modern hergestellt. Wenn du aber mal sehen willst, wie man früher gesponnen, gewoben und gestrickt hat, musst du nur mal in unser Stadtmuseum gehen. Dort sieht man noch richtig alte Maschinen. Und alles wird erklärt!“

Das habe ich mir nicht zweimal sagen lassen. Ich bin gleich mal ins Stadtmuseum gewatschelt. Das war interessant. Und zum Glück war es auch warm. Denn einen Pullover hätte ich mir mit so einer Maschine nicht stricken können! Eure Paula

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