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Paula hat alte Bücher sehr gerne

20.09.2008 00:00, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Paula hat alte Bücher sehr gerne

Hallo liebe Kinder,

in dieser Woche habe ich den Andreas in seinem Arbeitszimmer besucht.

„Hast du aber viele Bücher!“, habe ich zu ihm gesagt. „Das hat doch bestimmt eine Menge Geld gekostet.“

Der Andreas hat gesagt: „Weißt du, Paula, die Bücher habe ich mir ja nicht alle auf einmal besorgt. Ich habe die im Laufe der Jahre gekauft oder geschenkt bekommen.“

Zu vielen Büchern, hat der Andreas gesagt, könnte er mir Geschichten erzählen. Wer sie ihm geschenkt hat zum Beispiel.

„Weißt du, Paula, Bücher können wie Freunde sein. Wenn man sie liest, ist es so, als würde man sich mit jemandem unterhalten. Als würde dir jemand eine Geschichte erzählen. Eine wissenswerte Geschichte. Oder eine lustige. Eine alte oder eine ganz neue Geschichte.“

Alte Geschichten finde ich spannend. Deshalb habe ich den Andreas gefragt: „Hast du auch richtig alte Bücher?“

Er hat überlegt: „Ich kenne jemanden, der hat so richtig alte Bücher. Die sind ein paar hundert Jahre alt. Er repariert so alte Bücher. Wenn du Lust hast, gehen wir ihn besuchen, Paula.“

Das war natürlich eine komische Frage. Klar habe ich Lust gehabt. Und wir sind gleich losgewatschelt. Entschuldigung: Natürlich bin nur ich gewatschelt, der Andreas ist gegangen. Sonst ist er beleidigt.

Wir waren bald in der Werkstatt von seinem Freund, dem Buchbinder. Der hat mir gleich ein Buch gezeigt.

„Das hat ein Nürtinger Pfarrer geschrieben“, hat der mir erklärt. „Vor über 250 Jahren. Da sind Predigten drin, also Geschichten, die Pfarrer sonntags in der Kirche erzählen. Das Buch haben hier viele Handwerker oder Bauern gehabt. Sie haben darin gelesen, wenn sie mal nicht in die Kirche konnten.“

Alte Nürtinger Familien haben heute noch so ein Buch, hat mir der Buchbinder erklärt. Aber oft sind die Bücher ganz schön kaputt. Er hat mir so eines gezeigt. „Das repariere ich gerade“, hat er gesagt.

Und dann hat er mir alles genau erklärt. Zuerst einmal macht er den Einband weg. Der ist bei alten Büchern nämlich oft aus Holz, das mit Schweinsleder verkleidet ist.

„In den Deckeln hat sich oft der Holzwurm breit gemacht, der mag den Leim, mit dem die Bücher zusammengeklebt sind“, hat er gesagt. „Die Würmer sind dann schon wieder weg, Paula, weil sie nicht lesen können und es ihnen deshalb im Buch langweilig wird“, hat er gelacht.

Hm, immer diese Würmer! Die Holzwürmer sind genauso doof wie die Würmer, die meinen Salat vespern, habe ich mir gedacht.

Die Holzwürmer sind aber noch viel fieser. Ihre Eier können nämlich im Holz 60 Jahre überleben, hat mir der Freund vom Andreas erklärt. Er muss deshalb die Deckel genau absuchen.

Manchmal sind die Seiten von den Büchern richtig zerfleddert. Aber auch da kann der Buchbinder helfen. Er hat mir das genau gezeigt. Er nimmt dann die einzelnen Seiten raus. Und wenn Stellen von den Seiten richtig kaputt sind, rührt er aus fein gemahlenen Papierfasern einen Brei an, hat er mir erklärt.

„Vorsicht Paula, der Brei ist aber nicht zum Essen“, hat sich der Andreas eingemischt.

„Hahaha“, habe ich geantwortet, „du und deine komischen Witze!“

Den Brei saugt der Buchbinder dann durchs Blatt an. Das Wasser geht durch, die Fasern bleiben hängen, das Blatt ist wieder heile. Er streicht die Seiten mit Kleister ein, damit sie wieder fest sind. Dann werden sie drei Tage getrocknet.

„Jetzt hat es wieder seinen hellen Papierklang“, hat der Buchbinder gesagt – und ganz stolz mit den Seiten geraschelt. Danach schaut er, dass all die reparierten Seiten wieder in die richtige Reihenfolge kommen. Wenn das passt, bindet er sie mit seinem Buchbinderzwirn, der wie eine dünne Schnur aussieht, wieder zusammen.

„Aha, deshalb bist du ein Buchbinder“, habe ich gesagt. Und der Freund vom Andreas hat mich gestreichelt und gelobt: „Richtig, Paula!“

Dann werden die Seiten auch noch am Buchrücken verleimt.

„Und jetzt hänge ich das Buch wieder ein“, hat er gesagt.

Ich habe ihn fragend angeschaut, und er hat mir erklärt: „Das nennt man so, wenn die Seiten wieder in den Einband kommen.“

„Super“, habe ich gemeint, „jetzt ist das Buch fertig“.

„Naja, nicht ganz“, hat er mich verbessert. „Jetzt kommen noch die Schließen an die Reihe. Die sind aus Messing und waren oft schön verziert. Wenn man sie zugeklappt hat, sind sie auf einem Stift eingerastet.“

„Die haben die Bücher abgeschlossen, damit sie niemand lesen kann?“, habe ich ganz entrüstet gefragt.

„Nein, nein, nur damit der Buchdeckel sich nicht verzogen hat. Und wenn man oben auf das Buch geschlagen hat, sind die Schließen einfach aufgesprungen. Deshalb sagt man heute noch, dass man ein Buch aufschlägt“, hat der Buchbinder erklärt.

Dann hat er den Ledereinband ganz zärtlich eingefettet, damit er wieder schön glänzt. Und er hat gesagt: „Weißt du Paula, früher konnten sich die Familien nur ein oder zwei Bücher leisten, die waren sehr kostbar. Und manchmal haben die Bücher auch ein richtiges Geheimnis. So wie das da“, hat der Buchbinder erklärt und auf ein anderes Buch gezeigt.

„Ein Geheimnis?“, habe ich ganz aufgeregt geschnattert. „Das musst du mir verraten!“

„Das ist eine andere Geschichte“, hat er gesagt. „Die erzähle ich dir ein anderes Mal.“

Na gut, liebe Kinder, dann besuche ich ihn nächste Woche wieder. Eure Paula

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