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Paula denkt jetzt auch an die kaputte Mauer

02.10.2020 05:30, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

 Paulas Thema heute:  Wie war das mit der  deutschen Einheit?

Hallo, liebe Kinder,

mein Freund Andreas und ich planen ja immer unsere Seiten. Dafür überlegen wir uns spannende Themen. Und dann sprechen wir darüber. Zu so einem Gespräch kann man auch Konferenz sagen. Das ist natürlich ein altes Römerwort. Das hat mir der Andreas schon erklärt. Das kommt vom Wort ,conferre‘. Und das bedeutet einfach ,zusammentragen‘ oder ,vergleichen‘. Man trägt also seine Ideen zusammen und vergleicht sie im Gespräch.

Bei unserer Konferenz hat der Andreas am Montag zu mir gesagt: „Also, liebe Kollegin Paula, diese Woche muss dein Brief an die Kinder schon am Freitag erscheinen. Am Samstag ist nämlich Feiertag. Da gibt es keine Zeitung!“

„In Ordnung“, habe ich gemeint. „Was feiern wir denn? Sind deine Fußballer vielleicht Meister geworden?“

Damit wollte ich ihn nur ein bisschen ärgern. Denn seine Lieblingsmannschaft vom VfB ist erst wieder in die Bundesliga aufgestiegen. So schnell werden die nicht gleich Meister. Wenn überhaupt mal wieder irgendwann . . .

Der Andreas hat denn auch gleich losgeschnattert, äh, losgeschimpft: „So ein Quatsch, Paula! Du weißt doch: Am Samstag ist der 3. Oktober. Da wird die deutsche Einheit gefeiert. Die Vereinigung ist jetzt 30 Jahre her.“

„Ja, klar“, habe ich gemeint, „das weiß ich doch. Ich wollte dich doch nur ärgern. Vielleicht sollten wir den Kinder dazu etwas berichten und erzählen. Die waren ja damals noch gar nicht auf der Welt. So wie ich. Hihihi, du aber schon, gell? Kannst du uns dann noch etwas von dem 3. Oktober vor 30 Jahren erzählen? Weißt du da noch etwas von dir selber? Was hast du denn da gemacht an dem Tag? Oder ist das schon zu lange her?“

Der Andreas hat erst einmal gemeint: „Also, erst einmal brauchst du da gar nicht so lachen, gell, liebe Paula. Natürlich war ich da schon auf der Welt. Trotzdem bin ich noch nicht sooo alt!“

Dann hat er aber eine Weile überlegt. „Hm, der 3. Oktober 1990 . . . Was habe ich da gemacht . . . Warte mal . . .  hm . . . so genau weiß ich das nicht mehr. Hm, wenn ich ehrlich bin: Ich weiß das gar nicht mehr!“

„Oh“, habe ich da nur gemeint.

Und der Andreas hat weiter gesprochen: „Na ja, da gibt es natürlich auch einen Grund dafür. Da muss man sich die ganze Geschichte davor mal angucken. Nach dem letzten großen Krieg in Europa war Deutschland geteilt. Mitten durch das Land ging die Grenze. Und in Berlin, das ja heute wieder die deutsche Hauptstadt ist, stand auf der Grenze eine Mauer. Die trennte die Menschen voneinander. Die Menschen hier lebten westlich der Mauer. Die Mensch östlich von der Mauer wollten das nicht mehr. Denn ihnen ging es nicht sehr gut. Aber auch die Menschen hier wollten die Vereinigung von Deutschland. Denn stell dir mal vor: Durch Nürtingen würde plötzlich eine Mauer gehen. Und du wärst auf der einen Seite und ich auf der anderen.“

Ich habe ganz traurig geguckt. Das wollt ich mir lieber gar nicht vorstellen. Der Andreas hat weitererzählt: „So richtig geglaubt haben wir nie an das Verschwinden der Mauer. Das Land war ja schon bei meiner Geburt geteilt. Das war eben so. Dann aber haben sich die Menschen im Osten immer mehr gewehrt und immer mehr protestiert. Und am 9. November 1989 mussten die Politik-Chefs von denen dann die Mauer öffnen. Die wurde richtig kaputt gemacht. Das war ein richtig bewegender, aufregender und toller Tag.“

„Ah“, habe ich gleich gefragt. „Kannst du dich dann an diesen Tag so richtig erinnern?“

„Ja, klar“, hat der Andreas geantwortet und richtig lieb gelächelt und gestrahlt dabei. „Und stell dir vor: Das hat auch was mit Fußball zu tun.“

Jetzt habe ich ein bisschen die Augen verdreht. „Du und dein Fußball“, habe ich gemeint.

Aber der Andreas hat gleich weitererzählt: „Ja, aber das war wirklich toll. An diesem Abend war ich mit Freunden im Fußballstadion. Der VfB hat gegen die Bayern gespielt. Und sie haben klar gewonnen. Mit 3:0!“

„Echt?“, habe ich gefragt, „das gibt es doch gar nicht.“

„Doch“, hat der Andreas geantwortet. „Früher haben die Bayern wirklich noch öfter verloren. Auch gegen den VfB. Aber das Unglaublichste ist ja an dem Abend erst viel später passiert. Ich habe mit meinen Freunden erst noch gefeiert. Ich bin spät nach Hause gekommen. Meine Mutter hat aber noch Fernsehen geschaut. Und sie hat geweint dabei. Ich hatte gleich Angst. Ich habe gesagt: ,Oh je, was ist denn passiert?‘ Und sie hat geantwortet: ,Nix Schlimmes. Im Gegenteil. Guck doch mal, die Mauer ist offen.‘ Wir haben uns beide sehr gefreut. Das werde ich nie vergessen!“

„Das verstehe ich“, habe ich gemeint. „Schade, dass ich das nicht miterlebt habe.“

„Ja“, hat der Andreas geantwortet. „Aber ich kann dir ein schönes Andenken daran zeigen.“

Er hat dann aus seinem Schrank etwas geholt. Das war ein Stein in einer durchsichtigen Box mit einem kleinen Auto drauf. Er hat gesagt: „Das ist ein Stück von der Berliner Mauer. Das Autole ist ein Trabant. So ein Auto hatten viele Menschen in Ostdeutschland. Mit denen sind dann viele nach dem Mauerfall erst einmal in das Deutschland im Westen gefahren. Dieses Andenken habe ich mir später mal in Berlin gekauft.“

Das fand ich sehr interessant. Und in Zukunft werde ich an diesem Einheitstag auch immer an die Erinnerungen vom Andreas denken. Eure Paula

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