Paulas Nachrichten

Paula braucht keinen Schlürfel für die Brezel

11.05.2019, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Hallo, liebe Kinder,

in dieser Woche bin ich zum Andreas in die Redaktion gewatschelt. Der hat gerade eine Brezel gegessen. Brezeln mag ich auch. Schließlich bin ich ja eine schwäbische Zeitungsente. Und hier gibt es die besten Brezeln.

Ich habe zum Andreas gesagt: „Mh, guten Morgen, dir geht es aber gut.“

Dabei habe ich mit meinen großen runden Entenäuglein auf die Brezel geguckt. Ich dachte mir: Vielleicht gibt er mir ja was ab . . .

Hat er aber nicht. Er hat so getan, als würde er mich nicht angucken. Dann hat er das letzte Stück einfach in seinen Mund geschoben. Schwupp und weg.

Da sind meine Entenäuglein viel kleiner geworden vor Enttäuschung. Deshalb hat er gesagt: „Ach, entschuldige, Paula. Aber die war so lecker!“

„Ja, ja“, habe ich ganz traurig gesagt.

Das hat der Andreas natürlich gemerkt und gemeint: „Komm, ich mache eine kurze Pause und wir watscheln zum Bäcker. Da kaufe ich dir eine Brezel!“

Das haben wir gemacht.

Ich wollte dann schnell nach Hause watscheln. Denn aus der Tüte hat es richtig lecker gerochen. Die Brezel war noch warm. Der Andreas hat gefragt: „Willst du sie gleich hier essen? Oder brauchst du Besteck?“

Ich habe kurz überlegt – und den Andreas angeschaut wie ein großes Auto.

„Besteck? Für eine Brezel? Aber du hast deine auch mit Fingern gegessen!“

„Genau“, hat der Andreas geantwortet, „wie die Inder. Oder viele Araber.“

„Wieso wie die Inder und Araber?“, habe ich gefragt, „haben die auch Brezeln? Schmecken die so gut wie unsere?“

„Äh“, hat er Andreas gesagt und überlegt, „nein, ich glaube nicht. Aber die essen mit der Hand. Und zwar nur mit der rechten. Die linke ist unrein. Die nehmen sie nämlich zum Popoputzen. Und dann nehmen sie sie nach dem Händewaschen auch nicht zum Essen.“

Ich wollte mir das gar nicht so genau vorstellen. Ich habe gemeint: „Ah ja. Na, ich esse die Brezel schon mit der Hand. Was soll ich da mit dem Besteck?“

„Na“, hat der Andreas gesagt, „wir überlegen uns das mal. Warte nur ab!“

Wir waren wieder in der Redaktion und sind gleich in unsere Küche gegangen. Der Andreas hat komisch gelächelt, meine Brezel auf einen Teller gelegt und die Butter aus dem Kühlschrank geholt und hingestellt. „Brauchst du echt kein Besteck?“, hat er ganz frech gefragt.

Ich habe gemeint: „Na ja, für die Butter . . . Die Inder und Araber essen halt keine Butterbrezeln. Da brauchen die kein Besteck.“

„Stimmt“, hat der Andreas gemeint, „das mit dem Besteck hängt auch immer davon ab, was man am liebsten isst. Oder was es zum Essen dort gibt.“

Gerade kam ein Kollege vom Andreas in die Küche. Der hat gemeint: „Hallo, Paula, ich war in Japan im Urlaub. Die haben Besteck. Ich zeige dir das mal.“

Er ist dann zu seinem Schreibtisch gegangen und hat etwas geholt: zwei Stäbchen. Er hat sie mir gegeben und gegrinst. Der Andreas auch.

Ich habe losgeschnattert: „Was soll das denn? Damit kann man doch keine Brezel beschmieren!“

„Klar nicht“, hat er gemeint, „die Japaner essen auch lieber Sachen mit Reis und so. Butterbrezeln haben die nicht.“

„Zum Glück haben die Schwaben unser Besteck erfunden“, habe ich gemeint.

Der Andreas hat gesagt: „Die Schwaben haben viel erfunden. Aber das Besteck nicht. Löffel gab es schon lange in Europa. Schon in der Steinzeit. Zum Suppeschlürfen braucht man halt Löffel.“

„Ah“, habe ich gelacht, „warum heißt das Teil dann nicht Schlürfel?“

„Das ist gar nicht so doof, Paula“, hat der Andreas gesagt. „,Laffen‘ war noch vor der Ritterzeit das deutsche Wort für ,schlürfen‘. Daraus wurde ,Laffan‘ und dann der ,Löffel‘.“

„Ah, und haben die Schwaben dann wenigstens das Messer erfunden? Damit sie die Brezel mit Butter bestreichen können?“, wollte ich wissen.

„Äh, nein“, hat der Andreas geantwortet, „das gibt es auch schon so lange wie den Löffel. Und meistens haben die Menschen das Messer früher zum Zerteilen von ihrer Nahrung benutzt. Zum Beispiel von gebratenen Tieren . . .“

Da habe ich jetzt richtig grätig geguckt. Denn die Menschen essen ja auch Enten. Der Andreas hat aber schnell gesagt: „Man könnte auch eine Brezel damit durchschneiden. Wenn man eine teilen möchte. Also wenn du mir die Hälfte von deiner geben möchtest . . .“

„Nein, nein“, habe ich geschnattert, „du hattest schon eine. Lass dein Messer ruhig stecken! Hm, stecken, Besteck . . . Kommt das Wort daher?“

„Klasse, Paula“, hat mich der Andreas gelobt, „das ist richtig. Man hat noch nach der Ritterzeit sein Messer und seinen Löffel in einen kleinen Sack gesteckt und an seinen Gürtel gehängt. Die Gabel kam erst später dazu. Die Franzosen haben die wohl zuerst zum Aufpiksen der Nahrung genommen. Die Deutschen haben da noch die Finger genommen.“

„Klar“, habe ich gemeint, „die Schwaben mussten die auch nicht erfinden. Denn eine Gabel braucht man fürs Brezelessen wirklich nicht.“ Eure Paula

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