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Paula besucht den wilden Mann

10.03.2012 00:00, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Hallo, liebe Kinder,

diese Woche wollte ich den Andreas in der Redaktion besuchen. Ich habe ihn schon durch die geschlossene Tür gehört. Er war sehr laut. Er hat sich nämlich über irgendetwas sehr aufgeregt. Ich bin mal ganz vorsichtig näher gewatschelt. Ein Kollege vom Andreas hat mich begrüßt: „Hallo, Paula! Keine Angst! Der spielt nur den wilden Mann! Das ist gleich wieder vorbei!“

Ich habe den Andreas ganz ängstlich angeschaut und gemeint: „Du bist der wilde Mann? Was soll das denn sein?“

Jetzt hat er wieder gelächelt und halbwegs normal geantwortet: „Der wilde Mann? So ein Quatsch! Ich habe mich nur ein bisschen aufgeregt. Das gehört manchmal zu unserem Beruf. Aber deswegen bin ich doch kein wilder Mann! So einen kannst du in der Redaktion nicht finden. Da musst du schon ins Rathaus watscheln!“

Ich habe ihn angeguckt wie ein Auto. Das habe ich nämlich gar nicht verstanden. Ich habe gesagt: „Ins Rathaus? Da ist doch der Bürgermeister! Ist der jetzt ein wilder Mann?“

Der Andreas musste laut lachen. Seine Kollegen auch. Dann hat der Andreas gemeint: „Natürlich ist der Bürgermeister nicht der wilde Mann. Der wilde Mann steht unten direkt nach der Eingangstür mit seiner Holzkeule.“

Jetzt habe ich mich aber ganz schön aufgeregt. Ich habe geschnattert: „Der steht da mit einer Keule direkt hinter der Tür? Und ich soll da hin? Und wenn der mir mit seiner Keule auf den Kopf haut?“

Der Andreas hat weitergelacht und gemeint: „Tja, du bist ja ganz schön ängstlich. Dann solltest du aber in der Fußgängerzone auch lieber vorsichtig sein. Da steht nämlich auf dem Lammbrunnen auch ein wilder Mann. Und der hat sogar eine Steinkeule dabei!“

Das hat sich ja noch viel schrecklicher angehört. Das ist ja eine schlimme Stadt geworden, habe ich mir gedacht. „Da stehen jetzt überall so Typen mit Keulen rum und lauern friedlichen Zeitungsenten auf?“, habe ich den Andreas ganz empört gefragt.

Der Andreas hat dann langsam aufgehört zu lachen. „Aber Paula! In Nürtingen gibt es natürlich nicht lauter wilde Männer, die dich hauen wollen. Die zwei wilden Männer sind nur Figuren. Die im Rathaus ist aus Holz und hat deshalb auch eine hölzerne Keule dabei. Und die auf dem Brunnen ist aus Stein und hat deshalb natürlich eine Steinkeule dabei.

Da konnte ich natürlich erst einmal richtig durchschnaufen. Aber seltsam ist mir diese Geschichte schon vorgekommen. Deshalb habe ich den Andreas gefragt: „Wieso stellt man sich denn so einen Typen ins Rathaus?“

„Das ist eine uralte Geschichte“, hat der Andreas mir erklärt. „Wilde Männer gibt es in vielen Städten und Ländern. Die halten oft die Wappen von einem Land oder einer Stadt zum Beispiel. Der wilde Mann steht für die wilde und gefährliche Natur. Darum hat er auch ganz viele Haare, einen langen Bart und überall Pflanzen am Körper.“

„Das ist ja komisch. Was wollen die Nürtinger dann damit sagen? Dass sie wild und gefährlich sind?“, habe ich nachgefragt.

„Natürlich nicht, Paula“, hat der Andreas gemeint. „Du kennst doch die lieben Nürtinger. Der wilde Mann bedeutet eigentlich eher das Gegenteil. Er kommt in vielen Sagen und Märchen vor. Da leben sie im Wald und sind superstark. Ein schlauer Mensch kann sie aber meistens besiegen. Später dann haben die wilden Männer in den Geschichten die Bodenschätze bewacht. Sie haben also in wilden Bergen und anderen gefährlichen Gegenden auf wertvolle Metalle wie Gold, Silber oder auch Erz aufgepasst. Nach der Ritterzeit sind mutige Menschen dann in diese Gegenden gegangen. Sie haben sich die wertvollen Metalle geholt. Viele Städte sind dadurch reich geworden. Die wilden Männer halten dann also die Schilde mit den Wappen dieser Städte. Damit sind sie ein Zeichen für den Reichtum dieser Städte.“

„Ach“, habe ich mir überlegt, „dann ist unser Nürtingen also eine reiche Stadt?“

Der Andreas musste lächeln. Er hat gemeint: „Naja, auch in Nürtingen müssen wir kräftig sparen. Aber es geht uns ja hier eigentlich immer noch sehr gut. Oder Paula?“

Da musste ich dem Andreas recht geben. Und dann bin ich ganz mutig zuerst zu dem Brunnenmann und dann zum wilden Mann ins Rathaus gewatschelt. Der war wirklich ganz friedlich. Ihr könnt ihn ruhig auch einmal besuchen! Eure Paula

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