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Höflichkeit ist wie Fahrradfahren

22.06.2019 00:00, Von Christina Spitzmüller, dpa — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Inzwischen gibt es in vielen Städten auch Benimm-Kurse für Kinder

Gerade sitzen, nicht mit vollem Mund sprechen und nicht zappeln: Benimmregeln klingen anstrengend. Trotzdem macht Raphael bei einem Benimm-Kurs mit. Am Ende weiß er sogar mehr als sein Papa.

Junge Teilnehmer am Tischmanieren-Kurs lernen in einem Restaurant in Trier Tischmanieren. Ordentlich sitzen ist manchmal anstrengend.  Foto: Harald Tittel
Junge Teilnehmer am Tischmanieren-Kurs lernen in einem Restaurant in Trier Tischmanieren. Ordentlich sitzen ist manchmal anstrengend. Foto: Harald Tittel

BERLIN. Vivien und Raphael sollen sich begrüßen. Unsicher stehen der Erstklässler und die Fünftklässlerin voreinander. So richtig bekommt keiner ein „Hallo“ heraus. „Ihr seid aufgeregt und ein bisschen schüchtern, oder?“, fragt Jacqueline Schröder. Sie bringt anderen bei, wie man sich gut benimmt. Vivien und Raphael sind dafür bei einem Benimm-Kurs für Kinder in der Stadt Berlin.

„Versucht einfach mal, eure Schüchternheit nicht zu zeigen. Schauspielert!“, sagt Frau Schröder. Und schon klappt es: Vivien und Raphael gehen aufeinander zu. „Guten Tag, ich bin Raphael.“ – „Guten Tag, ich bin Vivien.“ Vivien reicht Raphael die Hand.

Das mag auf manche etwas steif wirken. Sie würden vielleicht einfach nur „Hallo“ zur Begrüßung sagen. Fachleute aber meinen: Wer sich gut benimmt, zeigt anderen, dass sie ihm nicht egal sind. Und das kommt gut an. Sechs Kinder sind deshalb heute in dem Benimm-Kurs dabei.

Mit dem guten Benehmen sei es wie mit dem Radfahren, sagt die Trainerin. Wenn man es einmal gelernt hat, klappt es danach von alleine. Trotzdem: Für Kinder sind die Regeln oft anstrengend, das weiß Frau Schröder. Wenn die Erwachsenen am Tisch sitzen und reden, ist das oft langweilig. Dann fängt man an zu zappeln. Manchmal fällt dabei ein Glas um. „Was passiert dann normalerweise?“, fragt Frau Schröder. „Dann wird ganz doll geschimpft“, sagt Raphael. Aber das muss nicht so sein, findet Frau Schröder: „Entschuldigt euch. Sagt: Entschuldigung, Papa, ich habe das nicht gewollt.“

Dann kommt endlich der Moment, auf den sich alle Kinder gefreut haben: das Essen. Zuerst gibt es Salat mit kleinen Tomaten. Wie spießt man die auf, ohne dass es spritzt? Raphael probiert es aus. Schwierig. Aber es gibt einen Trick: Mit dem Messer von hinten gegen die Tomate drücken, dann vorsichtig mit der Gabel hineinpiksen.

Dann der Hauptgang: Es gibt Spaghetti, aber keine Löffel zum Essen. Klein schneiden soll man sie auch nicht. „In Italien gibt es auch keine Löffel zum Spaghetti-Essen“, weiß eines der Mädchen. Frau Schröder zeigt, wie es richtig geht: Die Nudeln mit der Gabel aufrollen und das, was übersteht, mit dem Messer abschneiden.

Nach dem Essen holen die Eltern die Kinder wieder ab. Es gibt für alle noch etwas zu trinken. Raphael ist erschöpft. Der Kurs hat ihm Spaß gemacht, aber es war auch anstrengend. „Das Essen war schwierig, da gibt es so viele Regeln“, sagt er. Trotzdem: Er will jetzt darauf achten, sich am Tisch richtig zu benehmen. Und seinen Papa auch mal darauf hinweisen, wenn der etwas falsch macht – der hat ihn nämlich in dem Kurs angemeldet.

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