Paulas Nachrichten

Gut sortierte Geheimnisse: Auf dem Rangierbahnhof

23.05.2009, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

So weit ich schauen kann – nichts als Schienen, Schwellen, Züge und Waggons. Viele Gleise liegen hier dicht an dicht nebeneinander. Ordentlich in Nord-Süd-Richtung. Ich bin auf einem Rangierbahnhof in Maschen bei Hamburg und schaue mich mal um.

Es ist der größte Rangierbahnhof in Europa. Wollte ich von einem Ende des Bahnhofs zum anderen laufen, wäre ich etwa anderthalb Stunden unterwegs. Überall stehen Container. Darin sind Bananen, Ersatzteile für Autos, Teddybären, Fußbälle – bestimmt ist alles dabei. Leider kann ich davon nichts sehen. Denn die Container sind verschlossen.

Mit Zügen kommen sie hier an. Viele davon haben erst einen kurzen Weg auf dem Zug hinter sich. Sie kommen vom Hamburger Hafen, wo Schiffe sie abgeladen haben. Hier auf dem Rangierbahnhof werden die Waren neu sortiert und verteilt.

Schließlich sollen sie alle woanders hin: Die Autoteile vielleicht in ein Werk in Bayern und die Bananen zu einem Großhandel in Mecklenburg. Dafür braucht es viele Schienen. Jedes Gleis steht dabei für ein bestimmtes Ziel.

Erik Bentzel arbeitet hier und erklärt es genauer: „Die Waggons durchlaufen sechs Stationen, dann können sie wieder auf die Reise“, sagt er. „Spätestens nach einem Tag rollen die Wagen los zu ihrem Bestimmungsort.“ Viele Leute helfen mit. Zuerst betreut ein sogenannter Disponent die Waggons. Er erfasst, wo der Waggon steht und wohin die Container auf ihm sollen – alles am Computer. Draußen auf dem Bahnhof löst ein Rangierer am Zug die Wagen voneinander. Er muss schwere Kupplungsbügel aus Metall über Haken wuchten. Dann ist der Lokrangierführer an der Reihe. Er fährt den Zug mit den Einzelwaggons vor eine Bergkuppe. Dort hat der Bergmeister das Sagen: Gibt er grünes Licht, werden die Waggons angeschoben und rollen allein weiter.

Sie kullern den sogenannten Ablaufberg hinab. Und weil per Computer alle Weichen richtig gestellt werden, gleitet jeder Wagen in das korrekte Richtungsgleis. Einer nach dem anderen kommt so auf dem Gleis an. Nach und nach entstehen neue Züge.

Innerhalb der Gleise sorgen starke Gummibremsen dafür, dass die Gefährte nicht voll ineinander krachen. Manchmal, zum Beispiel bei Gegenwind, bleiben die Waggons auf halber Strecke einfach stehen. Dann klinken sich kleine Fördermaschinen ein. Sie laufen innerhalb der Schienenstränge wie emsige Ameisen und schieben die Wagen zusammen. Zum Schluss hängt ein Rangierer mit mächtigen Eisenösen die Wagen wieder aneinander. Dann prüft noch ein Wagenmeister, ob alles in Ordnung ist. Wenn das grüne Ausfahrsignal leuchtet, kann der neue Zug auf die Reise gehen. Welche Sachen und Geheimnisse er auch immer transportiert – er bringt sie genau dorthin, wohin sie sollen.

Eigentlich können Frauen die meisten Jobs auf einem Rangierbahnhof genauso gut erledigen wie Männer. Trotzdem ist dort kaum eine Frau zu sehen. Nur wenige Mädchen entscheiden sich für diese Ausbildung. Warum das so ist – darüber rätseln auch manche Bahnleute. Und die Bahn versucht zum Beispiel zum Girls’ Day, Mädels die Jobs schmackhaft zu machen. Eine Sprecherin erzählt, dass auf dem Rangierbahnhof in Maschen auch eine Lokrangierführerin arbeitet. Es gebe ein paar Mechatronikerinnen bei der Bahn. Und es kämen immer mehr Lokführerinnen dazu.

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