Paulas Nachrichten

Für Paula ist das Rollen gar nicht so leicht

05.05.2018, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Hallo, liebe Kinder,

in dieser Woche habe ich den Andreas in der Stadt getroffen. Es war noch ganz früh am Morgen. Da schläft er eigentlich noch. Ich habe zu ihm gesagt: „He, bist du aus dem Bett gefallen?“

Der Andreas musste lachen. „Nein, ich bin schon absichtlich so früh aufgestanden. Ich muss in die Bücherei. Ich lese da Kindern aus einem Buch vor.“

„Ah“, habe ich gemeint, „das ist ja toll! Und aus was für einem Buch liest du den Kindern vor? Aus unserem Buch mit meinen Abenteuern?“

Der Andreas hat den Kopf geschüttelt. „Nein, liebe Paula“, hat er geantwortet. „Diesmal geht es um Inklusion.“

Ich habe ihn nicht richtig verstanden. „Um was?“, habe ich geschnattert, „um eine Explosion? Das ist doch sehr gefährlich!“

Der Andreas hat mich ganz ernst angeguckt und gesagt: „Nein, Paula. Zuerst bringe ich dich zum Ohrenarzt. Denn es geht nicht um eine Explosion. Es geht um Inklusion. Die Wörter hören nur gleich auf.“

„Ah ja“, habe ich gesagt, „ich versuche halt immer, auf das richtige Wort zu kommen und alles richtig zu verstehen. Aber ich frage dich ja dann auch!“

„Ist schon gut“, hat der Andreas geantwortet, „Also, Explosion und Inklusion klingen ähnlich. Beide Wörter kommen von Römerwörtern. Explosion kommt vom Wort ,explosio‘. Das heißt eigentlich ,Herausklatschen‘. Bei einer Explosion klatscht ja etwas so richtig heraus. Ein Ding zerplatzt. Und das ist sehr laut. Inklusion ist etwas ganz anders. Inklusion kommt vom Römerwort ,Inclusio‘. Das heißt eigentlich ,Einschließung‘. Also bedeutet es auch: Etwas oder jemand gehört zu etwas dazu.“

„Ah“, habe ich gemeint, ohne ihn ganz verstehen. „Und darüber liest du den Kindern etwas vor? Na ja ... Aber jeder gehört doch irgendwo dazu. Oder?“

„Aber du weißt doch, Paula: Manche Wörter hören sich nur komisch oder kompliziert an. Oder auch ganz einfach. Denn es ist ja klar: Jeder sollte irgendwo dazugehören. Aber für manche Menschen ist das gar nicht so einfach . . . Stell dir mal vor, du würdest nichts sehen.“

„Oh je“, habe ich gemeint, „dann könnte ich gar nicht die Zeitung lesen. Und ich lese doch auch so gern ein Buch . . .“, habe ich gemeint.

„Zum Beispiel“, hat der Andreas geantwortet. „Lesen wird dann sehr schwer. Zum Glück gibt es die Blindenschrift. Unsere Zeitung gibt es zwar nicht in Blindenschrift. Das wäre zu schwer zu machen jeden Tag. Aber es gibt Bücher in Blindenschrift.“

„Äh“, habe ich gemeint, „und was nützt den Blinden eine Schrift? Die können die doch gar nicht sehen.“

„Ja, aber die Blinden können diese Schrift fühlen. Die besteht nämlich aus vielen kleinen Punkten. Die sind höher als der Rest der Seite. Und so können die Blinden sie ertasten“, hat mir der Andreas erklärt,

Und dann hat er weitergesprochen: „Aber das mit dem Lesen wäre nicht dein schlimmstes Problem, Paula. Du musst ja auch durch die Gegend watscheln. Und das ist schwer, wenn man nichts sieht. Stell dir das mal vor!“

Ich habe die Augen zugemacht. Dann bin ich ein paar Schritte gewatschelt. Ganz langsam. Aber trotzdem bin ich irgendwann gegen einen Tisch gewatschelt. „Aua“, habe ich geschnattert. „Das ist echt blöd.“

„Ja“, hat der Andreas gesagt, „aber man kann lernen, das besser zu machen. Mit einem Stock zum Beispiel. Aber es gibt auch noch andere Behinderungen. Stelle dir mal vor, du könntest nicht watscheln oder fliegen. Gar nicht.“

Ich habe auf meine schönen orangenen Entenbeine runtergeguckt Das ist ja nur schwer vorzustellen. Ich habe ganz schüchtern gesagt: „Dann müsstest du mich immer tragen . . .“

„Ja, aber das ist nicht so toll. Oder? Und es geht ja auch nicht immer“, hat der Andreas geantwortet. „Dann brauchst du einen Rollstuhl.“

„Einen Rollstuhl?“, habe ich gesagt.

„Ja, hat der Andreas gemeint, „ein Stuhl mit Rollen dran. Mit dem kann man durch die Gegend rollen. Willst du das mal ausprobieren?“

Wir sind dann in ein Geschäft gefahren. Dort kann man solche Rollstühle kaufen. Ich durfte das mal ausprobieren.

Der Andreas hat gesagt: „Morgen, am Sonntag also, können alle Kinder das mal ausprobieren. Beim Fest ,Nürtingen spielt‘ vor der Stadthalle ab 13 Uhr. Dann versteht man die Menschen mit Behinderung einfach besser.“

„Hm“, habe ich zum Andreas gesagt, „das ist gut. Man muss echt schauen, dass die Menschen mit Behinderung es einfacher haben und dazugehören.“

„Genau“, hat der Andreas gesagt, „und dabei gibt es ja noch viele andere Dinge, die Menschen behindern. manche verstehen Sachen einfach nicht so schnell zum Beispiel. Menschen sind einfach alle unterschiedlich. Aber alle sollten zusammenhalten.“

Das stimmt, liebe Kinder! Eure Paula

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