Paulas Nachrichten

Ein Junge überlebt in Kabul

22.08.2009, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Wenn Obaidullah aus der Schule kommt, kann er nicht spielen gehen. Der Vater des Viertklässlers ist schon lange tot. Deswegen muss Obaidullah als Schuhputzer und Zeitungsverkäufer in Kabul arbeiten. Die Mutter, die beiden Brüder und die zwei Schwestern des Zwölfjährigen haben sonst nicht genügend Geld zum Überleben. Kabul ist die Hauptstadt Afghanistans. In dem Land herrschen seit fast 30 Jahren Krieg und Gewalt. Viele Menschen sind sehr arm. Obaidullah sagt: „Das Leben ist hart.“

Obaidullah wartet am Massoud-Kreisverkehr in der Stadtmitte auf Kunden, die sich die Schuhe putzen lassen wollen. Oder die ihm eine Zeitung abkaufen. „An einem guten Tag verdiene ich 150 Afghani“, sagt der Junge. Das sind etwas mehr als zwei Euro. In dieser Woche läuft das Geschäft sehr schlecht. Obaidullah verdient nicht genug Geld. Kaum jemand ist auf der Straße. Weil es in Kabul in den letzten Tagen wieder Bombenanschläge und Raketenangriffe gab, verlassen viele Menschen ihre Häuser nur, wenn sie wirklich müssen. Niemand geht einfach so spazieren, weil das zu gefährlich ist.

Für die Anschläge ist eine Gruppe verantwortlich, deren Kämpfer sich Taliban nennen. Das Wort heißt eigentlich so etwas wie Schüler. Viele der Taliban besuchten früher Koranschulen. Die Taliban haben Afghanistan bis vor acht Jahren regiert. Sie haben den Koran, das heilige Buch der Muslime, sehr streng ausgelegt – zu streng, fanden auch Muslime in anderen Ländern. So ließen die Taliban zum Beispiel Männer und Frauen steinigen, die zusammen waren, ohne davor geheiratet zu haben. Die Taliban wollen wieder an die Macht und kämpfen deswegen gegen die Regierung von Präsident Hamid Karsai.

Obaidullah wirkt für sein Alter sehr erwachsen – vielleicht deswegen, weil er wie ein Erwachsener arbeiten muss. Ein bisschen kennt er sich auch schon mit Politik aus. Am Donnerstag haben die Afghanen einen neuen Präsidenten gewählt. Das Wahlergebnis gibt es erst in ein paar Tagen, weil die Stimmen noch gezählt werden mussten. „Karsai ist als Präsident schlecht“, sagt Obaidullah. „Er hat nichts für die Armen gemacht.“ Der Junge hofft, dass ein anderer Politiker neuer Präsident Afghanistans wird. Er heißt Abdullah Abdullah. „Wenn Abdullah gewinnt, dann gibt es Hoffnung. Er wird den Armen helfen.“ Wenn Obaidullah nicht in der Schule ist, keine Schuhe putzen muss und seine Zeitungen verkauft hat, dann spielt er gern Fußball. Oder er übt Skateboard-Fahren. Eine Gruppe junger Ausländer hat Skateboards nach Kabul gebracht, damit afghanische Kinder den Sport ausprobieren können. Obaidullah macht Skateboard-Fahren Spaß.

Bei den Ausländern lernt er auch, wie man einen Computer benutzt und im Internet surft. Seine Familie hat keinen Fernseher, weil sie zu arm ist. Manchmal darf Obaidullah aber beim Nachbarn schauen. Besonders gut gefallen ihm Serien aus Indien, die meistens sehr kitschig sind. Und dann muss Obaidullah wieder als Schuhputzer arbeiten. Eigentlich will er Pilot werden.

Vor ein paar Tagen hat ein Erwachsener Mitleid mit ihm gehabt und ihm 500 Afghani zugesteckt. Das sind ungefähr sieben Euro – mehr, als Obaidullah an drei Tagen verdienen kann. Er konnte sich nur kurz freuen. „Andere Jungen haben gesehen, wie ich das Geld bekam“, sagt er. „Sie haben angefangen, sich mit mir zu prügeln, und haben mir das Geld wieder weggenommen.“

An dem Kreisverkehr, wo Obaidullah arbeitet, stehen Polizisten mit Gewehren. Hier haben die Taliban schon Bomben in die Luft gesprengt. Obaidullah sagt aber, er fürchte sich nicht. Er meint: „Als Mann darf man doch keine Angst haben.“

Obaidullah vor dem Massoud-Kreisverkehr in Kabul in Afghanistan. Der Zwölfjährige lebt in Kabul – das ist die Hauptstadt Afghanistans. In dem Land herrschen seit fast 30 Jahren Krieg und Gewalt.

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