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Ein Gebäude verschwindet unter Stoff

19.06.2020 05:30, Von Stefanie Paul — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Zwei Künstler verpackten Gebäude, Brücken und Landschaften

Vor genau 25 Jahren passierte in der Stadt Berlin etwas total Abgefahrenes. Die Künstler Christo und Jeanne-Claude verhüllten mit riesigen Stoffbahnen das Reichstagsgebäude. Das Jubiläum erleben beide aber nicht mehr. Sie sind bereits gestorben.

Mit einer Postkarte fing vor rund 50 Jahren alles an. Ein Freund hatte sie geschickt. Auf der Vorderseite war das Reichstagsgebäude in der Stadt Berlin zu sehen. Auf der Rückseite hatte der Absender eine Idee notiert: Ob Christo nicht Lust hätte, dieses Gebäude zu verhüllen? Der Künstler und seine Frau hatten Lust.

Vor 25 Jahren verhüllten das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude den Reichstag mit Stoff.  Foto: Andreas Gora/dpa
Vor 25 Jahren verhüllten das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude den Reichstag mit Stoff. Foto: Andreas Gora/dpa

Allerdings sollte es ziemlich lange dauern, bis aus der Idee Wirklichkeit wurde. Rund 23 Jahre mussten Christo und seine Mitstreiter für ihr Vorhaben kämpfen: Mit riesigen Stoffbahnen wollte das Künstlerpaar das Reichstagsgebäude einhüllen – und zwar komplett, von oben bis unten.

Solche Kunstprojekte machten Christo und seine Frau weltberühmt. Sie hüllten nicht nur Gebäude ein, sondern auch Brücken, Inseln oder Landschaften. Oft werden sie deshalb als Verhüllungskünstler bezeichnet.

Beim Vorhaben mit dem Reichstag gab es ein großes Problem: Die Künstler brauchten das Okay der Politiker der damaligen Bundesrepublik. Immerhin wollte das Paar jenes Gebäude verhüllen, in dem früher das Parlament getagt hatte. Die Politiker befürchteten, mit der Verhüllung werde das Ansehen des Hauses beschädigt. Sie sagten deshalb Nein.

Die Stimmung änderte sich jedoch mit der Wiedervereinigung. 1990 schlossen sich die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik zu einem gemeinsamen Land zusammen. Es entstand das Deutschland, wie wir es heute kennen. Berlin sollte wieder Hauptstadt werden und im Reichstag sollte wieder das Parlament tagen.

Dazu musste das Gebäude umgebaut und saniert werden. Das war die Chance für Christo und Jeanne-Claude! Die Politiker stimmten noch mal ab – und dieses Mal sagten sie: Ja. Viele glaubten nun, die Verhüllung des Reichstags sei ein tolles Zeichen des Neubeginns und eine prima Werbung für Deutschland.

Der Reichstag wurde für zwei Wochen verhüllt

Im Juni 1995 ging es los. Die ersten Stoffbahnen wurden am Reichstagsgebäude entrollt. Für das Künstlerduo gehörte schon der Aufbau mit zum Kunstwerk. Deshalb durften keine Kräne und Maschinen zum Einsatz kommen. Stattdessen brachten Kletterer die riesigen, silbrig-glänzenden Stoffbahnen an. Zusammen waren die Bahnen so groß wie etwa 14 Fußballfelder! Mit einem irre langen blauen Seil wurde das Ganze dann verschnürt.

Rund zwei Wochen war das Reichstagsgebäude verhüllt. Über fünf Millionen Menschen sollen sich das Kunstwerk angesehen haben. Viele brachten ein Picknick mit und setzten sich auf die Wiese vor dem Gebäude. Das war das Tolle an den Kunstwerken von Christo und Jeanne-Claude: Sie waren für jeden zugänglich und kosteten keinen Eintritt.

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