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Als die Wikinger kamen

25.05.2013 00:00, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Vor mehr als 1000 Jahren eroberten kriegerische Seefahrer aus dem Norden große Teile Europas

Sie segelten mit ihren Schiffen über die Meere. Wo sie hinkamen, sorgten sie für Schrecken: die Wikinger. Über die Seefahrer aus dem Norden erzählt man viele Geschichten. Aber was stimmt?

Wenn ihre Segel am Horizont auftauchten, war das oft ein Alarmzeichen. Gefahr! Die Wikinger galten lange Zeit als Schrecken Europas. Als brutale Seefahrer, die aus dem hohen Norden kamen. Als Piraten, die mit ihren schnellen Schiffen über die Meere fegten und an Land gnadenlos Menschen ausraubten. Und die Helme mit zwei Hörnern trugen. Aber sind diese Geschichten richtig?

Wie das Leben zur Wikingerzeit vor rund 1000 Jahren möglicherweise aussah, ist bei einem Ausflug in den fast nördlichsten Zipfel Deutschlands zu spüren: im Wikingermuseum Haithabu. An dem Ort, nahe der Ostsee, gab es früher die Wikingersiedlung Haithabu. Vor einiger Zeit haben Experten einen Teil davon wieder aufgebaut. Die Häuser sind aus Holz und Lehm, die Dächer mit Reet gedeckt. So nennt man Pflanzenteile von Schilfrohr. Einige Leute spielen hier das Leben von früher nach, zum Beispiel Reinhard Erichsen. Er trägt Klamotten im Stil der alten Zeit: Hemd und Hose sind aus Wolle, auch eine Art Poncho mit Kapuze. Reinhard Erichsen hat einen Zopf – und ein freundliches Gesicht. „Der Irrtum vieler Leute ist, dass die Menschen in der Wikingerzeit dauernd gekämpft haben, mit dem Messer zwischen den Zähnen rumliefen oder Bier tranken“, sagt er. „Die meisten waren normale Bauern, Handwerker und Händler.“ Auch deshalb ist der Name Wikinger umstritten. Das Wort könnte von dem Begriff für „raubende Seefahrer“ abgeleitet sein. „Es ist kein Name für ein Volk“, sagt Ute Drews. Sie ist die Leiterin des Wikingermuseums. „Seepiraten gab es natürlich. Aber aus Nordeuropa stammten auch viele clevere Kaufleute. Sie errichteten durch ihre Schiffsreisen ein riesiges Handelsnetz.“ Haithabu war ein wichtiger Ort darin.

Wer das beste Wasserfahrzeug besaß, hatte die Nase vorn

Kaufleute aus dem Norden oder Osten brachten ihre Waren dorthin. Händler aus dem Süden oder Westen kauften sie und belieferten ihre Kunden damit. Und umgekehrt genauso. „Kessel aus norwegischem Speckstein galten zum Beispiel als Luxuskochtöpfe der damaligen Zeit. Die waren begehrt“, erzählt Ute Drews. Zu den wertvollsten Waren aus dem Norden gehörten außerdem die Zähne von Walrössern. Daraus machte man etwa Schmuck.

Spuren dieser Vergangenheit fand man in Haithabu im Hafenbecken und in der Erde. Eine Sache war allerdings nicht dabei: der angeblich typische Wikingerhelm mit Hörnern. „Kein Wunder. Das ist wohl der größte Irrtum. Solche Helme gab es gar nicht“, sagt Reinhard Erichsen. „Die Helme hatten keine Hörner. Sonst hätte man sie beim Schwertkampf schnell vom Kopf schlagen können. Sehr unpraktisch.“ Wie die Menschen in der Wikingerzeit lebten, weiß niemand genau. Selbst Fachleute nicht. „Es hat ja damals leider niemand alles für uns mitgeschrieben“, sagt Ute Drews lächelnd. Und natürlich existieren auch keine Fotos oder Filme aus der Zeit vor rund 1000 Jahren.

Immerhin sind Forscher bei Grabungen auf Spuren und Gegenstände gestoßen. Außerdem fanden sie in alten Abbildungen und Texten wie Reiseberichten wichtige Hinweise. „Aus alldem versuchen wir uns eine Vorstellung zu machen“, erklärt die Museumsleiterin. „Wir sehen ungefähr so viel wie jemand, der durch ein Schlüsselloch in dieses ferne Leben guckt. Viele Fragen bleiben unbeantwortet.“ Einiges weiß man immerhin über die Schiffe der Wikinger. Sie hießen „Wolf des Meeres“ oder „Schwan des Meergottes“. In Gedichten lobten sie die Schönheit und Schnelligkeit ihrer Boote, vor allem der Kriegsschiffe. Viele Experten meinen: Die Schiffe der Wikinger waren das Geheimnis ihrer Macht und Überlegenheit. „Sie gelten als die besten Bootsbauer der damaligen Zeit“, erzählt Ute Drews. Die Schiffe waren aus Holz, hatten viele Ruder, große Segel und konnten sehr schnell sein. „Solche Schiffe waren damals ein riesiger Vorteil. Denn das Reisen über Land war extrem mühsam“, sagt Ute Drews. Es gab weder Autos noch Züge und weniger Straßen als heute. Der ideale Reiseweg führte daher über Flüsse und Meere. Wer dafür das beste Fahrzeug besaß, hatte die Nase vorn. (dpa)

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