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Affenstarke Eisbärmutter

11.05.2013 00:00, Von Julia Lutzeyer — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Auch Tiere haben Eltern, die sie verhätscheln, erziehen oder aber sie kaum beachten

Schlechte Tiereltern, gute Tiereltern? Gibt es das überhaupt? Das weiß Ulrike Rademacher. Sie ist Zoologin in der Stuttgarter Wilhelma. Dort ist sie für einen großen Teil der Säugetiere zuständig.

Manche Giraffen säugen nicht nur die eigenen Tierkinder, sondern auch fremde Giraffenjunge
Manche Giraffen säugen nicht nur die eigenen Tierkinder, sondern auch fremde Giraffenjunge

Der Mensch ist ein seltsames Geschöpft. Allzu gern vergleicht er das Verhalten anderer Lebewesen mit dem eigenen. Etwa, wenn es um das Mutter- oder Vatersein geht. Schnell ist dann ein Urteil gefällt: „Das sind gute Eltern“ oder „das sind schlechte Eltern“. Die Fachfrau Ulrike Rademacher hält nichts von so einer vermenschlichenden Bewertung von Tieren. „Wie viel Pflege Tiereltern ihrem Nachwuchs geben, hängt von der Art ab“, erklärt die Zoologin. „Es kommt dabei darauf an, wie hoch entwickelt eine Tierart ist und wie ausgereift der Nachwuchs ist, wenn er geboren wird.“ Die Frage ist: Kann das Jungtier allein überleben, oder muss es dafür noch viel lernen? Es gibt Tiere, etwa viele Fische oder Insekten, die legen jede Menge Eier. Um die Nachkommenschaft kümmern sie sich nicht oder kaum. Dennoch pflanzen sich diese Tiere erfolgreich fort. Ihre Art bleibt erhalten. Und dann gibt es Tiere, die für die Aufzucht ihrer Jungen sehr viel leisten und sogar ihr eigenes Leben riskieren. „Eisbären zum Beispiel sind hoch entwickelte, intelligente Raubtiere“, sagt Ulrike Rademacher. „Doch die Tragzeit ist sehr kurz. Die eigentliche Entwicklung des Embryo in der Gebärmutter beträgt etwa drei Monate.“ Eisbärbabys kommen nackt auf die Welt, wiegen etwa 500 Gramm und können rein gar nichts. Deswegen hat die Eisbärmutter, die ihren Nachwuchs alleine großzieht, viel zu tun. Sobald sie trächtig ist, also ein Junges erwartet, baut sie auf dem Festland eine Wurfhöhle. „Ist das Eisbärbaby geboren, kann sie die Höhle viele Wochen nicht verlassen“, sagt die Raubtier-Expertin der Wilhelma. „Sie muss ständig bei ihrem Kind sein: Um es zu wärmen, zu säugen und vor männlichen Eisbären zu schützen.“ Haben diese Hunger, fressen sie auch mal junge Eisbären. Da die Eisbärmutter ständig über ihr Kind wacht, hat sie keine Zeit, um Robben zu jagen. „Während der Aufzucht ihrer Jungen verliert sie etwa 100 Kilogramm Körpergewicht“, sagt Ulrike Rademacher. „Und wenn sie ihren Rückzugsort verlassen kann, besteht die Gefahr, dass das Packeis schon weggetrieben ist.“ Ohne Packeis gelangen Eisbären aber nicht zu den Robben, ihrer Hauptnahrung. „Eine Eisbärmutter setzt also ihr eigenes Leben aufs Spiel, um ein Junges aufzuziehen.“ Wie man Nachwuchs großzieht, wissen viele Tierweibchen nicht nur durch den angeborenen Mutterinstinkt. „Auch Tiere lernen bei der Aufzucht dazu und werden mit der Zeit besser“, sagt die Zoologin. „Affenkinder zum Beispiel schauen von ihren Müttern und Tanten ab, wie man mit den Jungen umgeht.“ Da gibt es innerhalb einer Gruppe gewaltige Unterschiede. „Wir haben ein Gorillaweibchen, das vorsichtig ist und ihr Kind kaum aus den Augen lässt“, erzählt Ulrike Rademacher. „Eine andere Gorillafrau geht viel sorgloser mit ihrem Jungen um.“ Welche Kinderstube ein Tier hat, hängt also nicht nur von der Art ab. Auch Vorbilder und die Persönlichkeit eines Tiers bestimmen, ob die Erziehung der Kleinen eher gluckenhaft behütet oder etwas entspannter abläuft.

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