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Paulas Nachrichten

11.01.2021 05:30, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Die Schule soll mehr als ein Lernort sein: ein Lebensort, eine Startrampe. Die Mörikeschule ist so ein Ort. Auch für junge Menschen, deren guter Weg nicht von Anbeginn an vorgezeichnet ist. Wie zum Beispiel für den erst vor vier Jahren aus Kroatien eingewanderten Benjamin Martinjak. Er träumt von einer Profifußballer-Karriere, Schule und Berufsausbildung haben aber Priorität.

NÜRTINGEN. Man hat sich ja mittlerweile pandemietechnisch daran gewöhnt, seinem Gesprächspartner nicht immer leibhaftig gegenüber zu sitzen. Dennoch fällt es manchmal schwer, die digitale Distanz zu überwinden. Zumal, wenn man das Gespräch gleich mit zwei Partnern führt. Bei Mörikeschüler Benjamin Martinjak und Schulsozialarbeiter Uwe Schietinger ist das anders. Man merkt gleich: Da ist ein Team am Start. Und so nimmt man es dem offenen, selbstbewussten und stets freundlichen jungen Mann gerne ab, wenn er berichtet, wie bedeutsam das Zusammentreffen mit Schietinger für ihn war: „Uwe hat mir sehr geholfen. Er ist mein Mentor. Ohne ihn wäre ich nicht so weit gekommen.“

Da spielt der Fußball natürlich eine Rolle. Denn Schietinger war unter anderem ein erfolgreicher Jugendtrainer – und betreut heute mit seiner Agentur „Step by Step“ junge, aufstrebende Talente mit einem ganzheitlichen Ansatz.

Benjamin ist geerdet genug, um zu wissen, dass Schietingers Bedeutung für ihn vor allem der Tatsache erwächst, dass er ihm in der Schule einen Weg gezeigt hat. Ein Weg, der dem 17-jährigen aller Voraussicht einen Werkrealschulabschluss mit einer Eins vor dem Komma bescheren wird, da seine Zeugnisse bislang super sind, wie Schietinger lobt – was ihm auch schon einen Ausbildungsplatz bei Daimler eingebracht hat.

Was er da lernen wird, weiß Benjamin Martinjak für einen 17-Jährigen erstaunlich genau. Mechatroniker für Personenwagentechnik wird er. Da ist man spezialisiert auf KfZ-Systeme und Elektromotoren. „Das ist zukunftsträchtig, darauf hat er geachtet“, sagt Uwe Schietinger.

Auch bei der Ausbildung strebt er gute Noten an. Denn Benjamin will einmal Ingenieur werden. Für die Entwicklung. „Das ist mein großes Ziel.“ Der Fußball aber bleibt sein großer Traum. „Ich werde immer weiter spielen wollen“, sagt er. Ein Traum, der nicht unbedingt platzen muss, bestätigt Fachmann Schietinger: „Realistisch gesehen ist die Profikarriere möglich.“ Ein großes Kompliment aus dem Munde eines Mannes, der es wissen muss.

Ziele und Träume, Wünsche und Hoffnungen: Anpfiff für Benjamin war vor über vier Jahren. Als er 13 Jahre alt war, zog er mit seinen Eltern, die hier Arbeit und ein neues Glück suchten, ins Schwabenland, wo Benjamins Tante schon lebte. Nur die Grundlagen der deutschen Sprache hatte er in der alten Heimat schon ein bisschen gelernt. Aber die ersten ein, zwei Monate musste er sich in der Schulvorbereitungsklasse an der Mörikeschule mit seiner Lehrerin Jennifer Bürkle englisch unterhalten.

Dann ging er parallel in die fünfte Klasse, ehe er ganz normal in die sechste Klasse einstieg. Sein Lehrer war ab dieser Zeit Michael Eisenhardt. Das Sprachelernen ist ihm leichtgefallen. Benjamin: „Das ging schnell, nur die Grammatik ist schwer.“

So trafen denn auch Benjamin und Uwe Schietinger, der in der Schulsozialarbeit gerade für Sport und Bewegung zuständig ist, zusammen. Im ersten Jahr habe er ihn nicht so wahrgenommen, räumt Schietinger ein. Aber in den Pausen habe er schon gemerkt, wie gut der Junge mit dem Ball umgeht. Ihm fiel die gute Feinmotorik auf, das Gefühl, die Fähigkeit, kognitiv zu denken.

Benjamin kickte damals in Neckarhausen bei den C-Junioren. Schietinger schaute dann bei einem Spiel in Raidwangen zu. Sein Urteil: „Das ist ein außergewöhnliches Talent.“ Ein Talent, das zu einem höherklassigen Verein musste. Gute Kontakte hat Schietinger zum Beispiel zum Regionalligisten TSG Balingen. Dorthin wechselte Benjamin dann, spielte als jüngerer Jahrgang mit den älteren B-Junioren in der Oberliga, der zweithöchsten Jugendspielklasse.

Nur wenige schaffen es in den bezahlten Sport

Das bedeutete auch für Benjamins Vater einen großen Aufwand. 60 Kilometer hin, 60 Kilometer zurück: Viermal die Woche brachte er den jungen Fußballer zum Training, einmal zum Spiel. Klar, irgendwann musste eine Entscheidung fallen: Passt der betriebene Aufwand zu den Möglichkeiten? Schule und Sport brachte Benjamin zwar perfekt unter einen Hut, sagt Schietinger. Aber: „Nur ein Prozent der Spieler aus den Nachwuchsleistungszentren schaffen es zu den Profis.“ Deshalb legte Benjamin ganz vernünftig den Fokus auf die Schule – und man suchte einen höherklassigen Club in der Nähe von Nürtingen.

Fündig wurde man in Kirchheim, beim VfL. Dessen U19 spielt wie die Altersgenossen in Balingen in der Verbandsliga, in der Spitzengruppe. Und der traditionsreiche VfL war schon oft Sprungbrett für eine gute Karriere. Dort mischt nun auch Benjamin mit, wieder als jüngerer Jahrgang. Schietinger: „Er überspringt immer.“

„Die Mörikeschule als Plattform ist ein Geschenk“

Uwe Schietinger, Schulsozialarbeiter

So hat man das Sportliche weiter im Auge, aber das Fundament für Benjamins starke Lebensgeschichte wird mit der Schule und der Ausbildung gelegt. „Das war die richtige Entscheidung“, ist Uwe Schietinger sicher. Und was dann bei den Aktiven wird? Derzeit spielt die erste Kirchheimer Mannschaft nur in der Bezirksliga. Bis dahin habe er noch ein Jahr Zeit zum überlegen, sagt Benjamin ganz unaufgeregt.

So richtig Zeit hat Benjamin natürlich gewöhnlich nicht immer. Training, Schule, Ausbildung – das fordert ihn ganz. Und nebenbei arbeitet er auch noch. Seit seinem 16. Lebensjahr be- und entlädt er bei einem Paketkurierdienst in Wendlingen die Fahrzeuge. Gibt es da noch andere Hobbys? Ja. Eine Gitarre hat er sich zugelegt, er will lernen, sie zu spielen. Zeit für Freunde bleibt da eigentlich nur samstags. Aber gerade kann man ja zwecks Corona sowieso nicht raus.

Auch der Ball rollt gerade nicht. Wie beim ersten Lockdown. Im Frühjahr, da sei die Situation komisch und schwer gewesen, räumt der 17-Jährige ein. Fünf Kilo hatte der junge Sportler zeitweise zugelegt. Dann hat er aber gleich wieder Vollgas gegeben. Beim zweiten Lockdown nun macht er lieber gleich vieles selbst. Er ist nun disziplinierter, genießt es, laufen zu gehen. Und ist fleißig beim Online-Workout. Denn irgendwann rollt die Kugel wieder. Und dann wird sich auch die Frage nach der fußballerischen Zukunft wieder mehr in den Vordergrund drängen.

Natürlich spiele bei den nächsten fußballerischen Schritten auch der Verlauf der Ausbildung eine entscheidende Rolle, merkt Uwe Schietinger an. Auf jeden Fall hat der Fußball bei Benjamin eine beispielhafte Entwicklung befeuert, sagt der engagierte Schulsozialarbeiter. Er förderte das schnelle Erlernen der Sprache und das Sozialverhalten. Und man sehe, was man alles tun muss, um es zu schaffen – und wie wichtig Disziplin da ist.

Dafür leiste die Schulsozialarbeit Entscheidendes. Die sei aber, wie beim Fußball eben auch, immer Teamarbeit, unterstreicht Schietinger. An der Mörikeschule werde generell unter der Leitung von Rektorin Viola Berlin Bildung und Soziales gefördert. „Dabei haben wir ständig mit Klischees zu kämpfen“, bestätigt Schietinger. Aber das mache auch den besonderen Reiz aus. Und: „Die Mörikeschule als Plattform ist ein Geschenk.“ Wenn die Schüler das verstehen. Benjamin Martinjak hat das verstanden. Und er hat die ihm gegebenen Möglichkeiten bis jetzt ergriffen und genutzt – und wird es sicher weiter tun.

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