Nürtingen

Ein Mord liegt in der Luft

01.12.2018, Von Peter Dietrich — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Das Theaterstück „Who’s Who“ zeichnet ein bitterböses, groteskes Bild des „guten alten Hollywood“

Im Theaterstück „Who’s Who“ geht es um Leben und Tod. Wie hoch die Überlebensrate der vier Darsteller ist, sei hier nicht verraten, schließlich wollen wir keinem den Spaß und die Spannung verderben. Die Überlebensaussichten des neuen, extrem engagierten Ensembles „Foursemble“ auf der Bühne erscheinen jedenfalls glänzend.

Das Gourmet-Theater in der Villa Behr mit vier Künstlern und vier Gängen. Foto: Dietrich

WENDLINGEN. Beim „Gourmet-Theater“ am Donnerstagabend in der Wendlinger Villa Behr gab es alles doppelt oder vierfach, das wird auch am Sonntag nochmals so sein. Zu einem sehr leckeren viergängigen Gourmet-Menü kamen die vier Künstler Robert Velemir, Sophie Schneider, Agnieszka Bonomi und Mario Danic auf der Bühne.

Das in zwei Akten präsentierte Stück war mindestens doppelbödig, der Hintergrund der zwischen den Szenen eingespielten Zwischenmusik ebenfalls. „Fly Me To The Moon“ und viele andere Hits sang Frank Sinatra, der Mann mit der goldenen Stimme und der mehr als 2000 Seiten dicken FBI-Akte. Verurteilt wurde er zwar nie, doch gibt es genügend Hinweise, dass die Mafia bei Sinatras Karriere mit schlagkräftigen Argumenten nachgeholfen hat.

Sinatra – der Mann mit den zwei Gesichtern, Goldkehlchen und Gangster? Das passt ja ganz vorzüglich. Denn auch bei „Who’s Who“ ist nichts so, wie es zuerst scheint. Es ist ein Schauspiel über das Schauspiel, genauer das Filmschauspiel in Hollywood. Es ist ein Spiel auf der Metaebene, wie es dieses etwa auch in „Kleine Haie“, Sönke Wortmanns Filmkomödie aus dem Jahr 1992, gab. Es kann dabei die Rolle eines guten Schauspielers sein, einmal „schlecht“ zu spielen, vielleicht muss er gerade dazu besonders gut sein.

Wer ist Täter wer ist Opfer?

Das Foursemble spielte durchweg sehr präsent, überzeugend und mit höchstem Einsatz. Dieser Einsatz ist auf dem Weg nach oben dringend nötig, denn er ist mit Eitelkeiten, Intrigen und Lügen gepflastert. Er führt zuweilen auch durch die Horizontale, siehe das im Stück zitierte „MeToo“ und die Anklage gegen Harvey Weinstein. Das Stück übersteigert alles ins Groteske, immer wieder ist unklar, wer nun welche Rolle spielt, wer Täter und Opfer oder beides zugleich ist. Sam Norton, gespielt von Sophie Schneider, ist mächtig, sie entscheidet über die Besetzung von Rollen.

Doch ist sie tatsächlich so krank, wie sie tut, und durch Entzug ihrer Tabletten leicht aus dem Weg zu räumen? Sie merkt, was gespielt wird: „Ein Mord liegt in der Luft, und sie denken, ich weiß von nichts.“

Wie wäre es mit einem Kriminalstück, bei dem das Verbrechen, das in der Luft liegt, womöglich gar nicht passiert, in dem es auch keinen ermittelnden Detektiv gibt, der Umgang der Mitspieler miteinander aber dennoch rücksichtslos kriminell ist? Das Verbrechen beginnt lange vor dem Mord. Um über Leichen zu gehen, muss die Leiche ja nicht unbedingt vor einem auf dem Boden liegen. Dann tut sie es scheinbar doch – oder ist das wieder nur Teil des abgekarteten Spiels?

Robert Velemir hat als einziger zwei Rollen abbekommen, er ist zugleich der Filmproduzent Bob als auch der gealterte Stummfilmstar Joey. Agnieszka Bonomi spielt Rachel, die Assistentin von Sam Norton, Maria Danic den jungen Gelegenheitsschauspieler Alex, der hoch hinaus will. Zwischendurch wird auch mal Tango getanzt, darauf hat die Tangoliebhaberin und Sophie Schneider – zugleich Produzentin des Stücks – großen Wert gelegt. Ein Tanz rund um Dominanz und Unterwerfung, der gut zu den gezeigten Machtkämpfen passt.

Geschrieben wurde die bitterbörse Farce über die Traumfabrik Hollywood von Ariel und Rodrigo Dorfman. Regie führt Matthias Bulling, unter anderem für acht Spielzeiten Intendant des Alten Theaters Heilbronn.

Für das ständig wechselnde Bühnenbild hat Werner Klaus gesorgt. Es füllt einerseits beim Transport einen ganzen Anhänger. Auf der anderen Seite ist nichts unnötig, jedes Objekt wird bespielt, es gibt keine Schrankwand, die einfach so als Deko herumsteht. Foursemble lernte sich durch die Stuttgarter Schauspielschule „CreArte“ kennen, alle sind deren Absolventen.

Am 11. November war die Premiere von „Who’s Who“, zwei Jahre lang will Foursemble nun damit auf Tournee gehen, eventuell noch länger. Die Verbindung vom Ensemble zur Villa Behr ist schnell erklärt: Die Mitspielerin Agnieszka Bonomi ist die Ehefrau des Wirtes der dortigen Osteria Bonomi. Diese verwöhnte die Besucher in vier Gängen und will das am Sonntag gerne nochmals tun. Der Erlös der beiden Veranstaltungen kommt „Licht der Hoffnung“, der Weihnachtsaktion der Nürtinger Zeitung, zugute.

Für das Gourmet Theater am Sonntag, 2. Dezember, um 17 Uhr gibt es noch Karten. Das Stadtbüro der Nürtinger Zeitung ist bis 12.30 Uhr geöffnet, danach Buchung über die Villa Behr Telefon (0 70 24) 5 01 95 51.

Licht der Hoffnung