Wendlingen

„Ich verstehe die direkt Betroffenen gut“

20.08.2018 00:00, Von Sylvia Gierlichs — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

S 21-Chef Manfred Leger blickt fünf Jahre nach Gründung der Projektgesellschaft auf gute und schwierige Momente zurück

Seit fünf Jahren gibt es die Gesellschaft DB-Projekt Stuttgart-Ulm, die für den Bau von Stuttgart 21 verantwortlich ist. Und seit fünf Jahren ist Manfred Leger Geschäftsführer der Gesellschaft. Im Interview spricht er über Verbesserungen, aber auch darüber, wo es Verbesserungspotential gibt.

Herr Leger, vor fünf Jahren hat die Bahn eine neue Organisation für das Projekt Stuttgart 21 ins Leben gerufen: die Projektgesellschaft wurde gegründet und Sie kamen als deren Geschäftsführer zum Projekt. Oder wäre es besser zu sagen: als Krisenmanager?

Die Bahn hat 2013 einen neuen Finanzierungsrahmen für das Projekt beschlossen und im Rahmen dessen wurde vom Aufsichtsrat ein Paket geschnürt, das beinhaltete, dass das Projekt anders geführt werden sollte. Aus der Erfahrung, dass man für ein solches Großprojekt in einem Konzern Freiheitsgrade schaffen muss, hat man eine eigene Gesellschaft dafür gründet und diese direkt beim DB-Vorstand angegliedert. Ich würde nicht sagen, dass ich damals als Krisenmanager geholt wurde, aber es hat damals viele Dinge gegeben, die neu ausgerichtet werden mussten.

Wenn Sie auf die fünf Jahre zurückblicken: Was hat sich, abgesehen von der in manchen Teilen des Projekts zügig vorangehenden Bautätigkeit, mittlerweile geändert?

Die Zusammenarbeit mit den Projektpartnern, also vor allem dem Land Baden-Württemberg und der Landeshauptstadt Stuttgart, steht auf völlig anderen Beinen. Wir reden miteinander und verstehen uns. Auch meine Aussage von damals, dass uns die Projektpartner nicht unterstützen, gilt heute nicht mehr. Das Verhältnis hat sich völlig geändert. Die Projektpartner wissen, dass sie das Projekt brauchen, sie akzeptieren, dass die Bürger es wollen. Und jetzt ist schon lange der gemeinsame Wille: lasst es uns gemeinsam und so schnell wie möglich fertigbauen. Wir verstehen uns und bekommen die Unterstützung, die wir brauchen. Als Projektgesellschaft haben wir ein absolut kompetentes Team aufgestellt und sind bereits dabei, die Phasen, die nach dem Rohbau kommen, strukturell aufzustellen. Auf der Neubaustrecke Wendlingen–Ulm sind wir mit der ersten Hälfte der Rohbauarbeiten im Dezember fertig. Der Bau der Bahntechnik ist vergeben, das läuft in die richtige Richtung.

Blicken Sie auf die letzten fünf Jahre, woran denken Sie ganz besonders gerne zurück?

Ich denke besonders gerne an positive Momente zurück. Beispielsweise das Zusammenwachsen mit den Projektpartnern Land und Stadt. Ich denke auch gerne an die eine oder andere Tunnelfeier. Die emotionalste für mich war die, als wir nach Ulm gekommen sind. Das war bisher die beste, was auch damit zu tun hat, dass sich dort tausend Leute gefreut haben, dass wir kommen. Und das haben sie auch lautstark zum Ausdruck gebracht.

Was war weniger erfreulich?

Da gibt es eher Anekdoten zu erzählen: In meinem ersten Jahr bin ich an einem Montagabend, ohne daran gedacht zu haben, mit einem Vorstandsmitglied eines unserer Auftragnehmer in eine Kneipe gegangen. Die, wie es der Zufall will, ganz nah am Hauptbahnhof war. Und zufällig auch Getränkestation derer war, die gerade von der Montagsdemo kamen. Wir saßen noch nicht einmal richtig, als mich einige der Demonstranten erkannt hatten, ihre Plakate wieder aufnahmen und skandierten: „Oben bleiben, oben bleiben“. Das haben wir in den Griff bekommen, weil wir sie eingeladen haben, sich zu uns zu setzen. Wir haben eine halbe Stunde über das Projekt diskutiert, danach war alles gut.

In der Bevölkerung ist die Stimmung gemischt. Die einen hassen das Projekt wie die Pest, die anderen verhalten sich eher pragmatisch oder freuen sich darauf. Gelingt es Ihnen nach Ihrer eigenen Einschätzung, die direkt betroffenen Bürger, aber auch die Bevölkerung insgesamt mitzunehmen, wenn es darum geht, seriös und transparent über die Fortschritte der Bauarbeiten zu informieren?

Klar ist doch: Wenn auf dem Grundstück neben einem gebaut wird, ärgert einen das, denn möglicherweise hat man ein Jahr Staub und Dreck und es stehen nicht mehr alle Parkplätze zur Verfügung. Man freut sich, wenn das bald wieder vorbei ist. Deswegen verstehe ich die direkt Betroffenen gut. Und ich habe immer gesagt, dass wir alles tun müssen, um so wenig Betroffenheiten wie möglich zu erzeugen. Da sage ich offen und ehrlich: es gelingt uns meistens, aber nicht immer.

Manfred Leger (rechts) und der ehemalige Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium Norbert Barthle (Zweiter von links) auf der S 21-Baustelle in Stuttgart Foto: pm
Manfred Leger (rechts) und der ehemalige Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium Norbert Barthle (Zweiter von links) auf der S 21-Baustelle in Stuttgart Foto: pm

Mit kontinuierlicher Information schaffen wir es aber, das Projekt transparent darzustellen. Es gibt wohl kein Projekt, das so transparent ist wie unseres. In den meisten Bereichen, je nachdem wo und wie wir gerade bauen, machen wir regelmäßig eine Bürgerinformation. Ich habe mir zur Aufgabe gemacht, bei diesen Veranstaltungen die Geschäftsführung der Projektgesellschaft zu vertreten. Damit, dass ich persönlich an diesen Veranstaltungen teilnehme, möchte ich auch signalisieren, dass uns die Information der Bürger wichtig ist. Manchmal übersehen wir aber auch eine wichtige Information für betroffene Bürger oder Gemeinden. Das tut mir ehrlich leid und wir arbeiten daran, noch besser zu werden.

Lassen Sie uns auf die Wendlinger Baustelle schauen. Hier wird im Spätherbst aller Voraussicht nach der Bau der Güterzuganbindung beginnen. Werden Güterzüge auf der Neubaustrecke fahren?

Ob es später einmal Güterzüge auf der Strecke geben wird, kann ich nicht sagen – ich bin ja nur der, der die Strecke baut. Das wird die Entscheidung der Güterzuganbieter und deren Kunden sein, ob sich die leichten Güterzüge, die man über die Neubaustrecke schicken kann, für sie lohnen. Da gibt es ja neben der DB noch viele weitere Anbieter. Die Güterzuganbindung hat dafür jetzt für die Zeit zwischen der Inbetriebnahme von Stuttgart 21 und der Neubaustrecke eine ganz besondere Bedeutung gewonnen . . .

. . . aber das ist eine ein wenig teuere Bedeutung . . .

. . . dafür war sie ja auch nicht gedacht. Nun jedoch ist sie für uns das Vehikel, das uns hilft, die Neubaustrecke früher als den Knoten Stuttgart in Betrieb nehmen zu können. Denn über die Güterzuganbindung können wir die ICEs auf die Strecke Tübingen–Stuttgart lenken und so den Stuttgarter Hauptbahnhof erreichen. Hierfür laufen gerade die fahrplantechnischen Untersuchungen.