Wendlingen

Stadtbus: Es gibt Optimierungsbedarf

25.06.2019, Von Sylvia Gierlichs — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Eine Werbeoffensive könnte nach Meinung der Stadtbusnutzer helfen, das Angebot bekannter zu machen

Klimawandel, Feinstaubalarm, Staus ohne Ende und Öko als neuer Trend – der Run auf den ÖPNV müsste eigentlich kaum zu bremsen sein. Stattdessen kommt der Stadtbus, der mit zwei Linien durch Wendlingen kurvt, eher gemächlich in die Puschen. Doch woran liegt das?

Die Linie 155 ist immer noch nur leidlich gut ausgelastet. Foto: sg
Die Linie 155 ist immer noch nur leidlich gut ausgelastet. Foto: sg

WENDLINGEN. Mario Landwehr ist Busfahrer. Die Linie 154 ist seine Tour. „Der Bus wird schon viel mehr angenommen als noch vor zwei Jahren. Vor allem morgens, wenn die Pendler zur S-Bahn wollen und abends, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommen, ist der große Bus richtig voll“, sagt der Wendlinger, der schon am Steuer saß, als die beiden Stadtbuslinien 154 (Weinhalde) und 155 (Unterboihingen) vor zwei Jahren in Betrieb gingen. Am Freitagnachmittag fährt er mit einem Kleinbus die Weinhalden-Runde ab. Schließlich sind Pfingstferien. Viele seiner sonstigen Mitfahrer haben Urlaub oder nutzen den Brückentag nach Fronleichnam für einen freien Tag.

Dennoch, ein paar Leute steigen zu. Beispielsweise Kathrin Herspiegel, die mit dem zehnjährigen Maximilian unterwegs ist. Der Junge ist ein begeisterter Busfahrer, kennt die Route aus dem effeff. Und auch Kathrin Herspiegel ist froh über das Angebot: „Gerade wenn man mit Kind unterwegs ist und womöglich noch Einkaufstüten schleppen muss, ist der Weg zur Weinhalde zu Fuß schon mühevoll“, sagt sie. Auch Brigitte Dobler fährt regelmäßig Bus. „Ich möchte nicht mehr mit dem Auto fahren. Schon, um die Umwelt zu schonen, aber auch, weil ich mir so die Suche nach einem Parkplatz spare“, sagt die Rentnerin. Sie findet es sehr schade, dass nicht mehr Menschen auch außerhalb der Hauptverkehrszeiten den Bus nutzen. Vielleicht, überlegt sie, müsste man mehr Werbung machen, um die Leute auf den Bus aufmerksam zu machen. „Für Menschen, die nicht gut zu Fuß sind, sollten außerdem die Haltestellen nicht so weit auseinanderliegen“, sagt Dobler. Die anderen Mitfahrer, die mittlerweile zugestiegen sind, geben ihr recht.

Während die Linie 154 also relativ gut angenommen wird, herrscht bei der Unterboihinger Linie 155 immer noch ziemliche Flaute. Klar, morgens, wenn die Schüler zum Schulzentrum auf dem Berg transportiert werden, herrscht drangvolle Enge. Doch danach ziehen die Fahrer oftmals einsam ihre Kreise. Wie man dieses Dilemma beheben kann? Mario Landwehr weiß da auch keinen Rat. Doch auch hier zeigt ein Blick auf die Lage der Haltestellen – sie liegen zu weit auseinander.

Großer Wunsch: Haltestellen enger zusammenlegen

Die schwache Resonanz auf die beiden Buslinien hatte die Stadtverwaltung schon im vergangenen Jahr dazu veranlasst, das Angebot genauer anzuschauen. Und so fahren seit dem Fahrplanwechsel im Dezember beide Linien auch die Bushaltestelle in der Stadtmitte an. Zudem gab es eine Taktverdichtung. Von 5 bis 9 Uhr und von 12 bis 19 Uhr fahren die Busse im Halbstundentakt. An den Haltestellen wollte die Stadtverwaltung allerdings nicht rütteln und berief sich in der damaligen Gemeinderatssitzung auf Vorgaben des Landkreises: erst nach Ablauf von zwei Jahren werde genau überprüft, welche Haltestellen überhaupt nicht angenommen werden.

Doch bei den Mitfahrern scheint der Wunsch groß zu sein, die Haltestellen enger zusammenzulegen. Denn so könnten Menschen, die schlecht zu Fuß sind, die Haltestellen besser erreichen. Fred Schuster, bei der Stadtverwaltung Leiter der Abteilung Ordnung und Soziales und damit auch für das Verkehrswesen zuständig, der die Linienführung der beiden Buslinien mit ausgetüftelt hat, hält dagegen: „Der Regelabstand der Stopps beträgt 800 Meter.“

Schaut man allerdings auf die Nürtinger Buslinie, die das Roßdorf und die Braike mit der Innenstadt verbindet, dann ist zwischen der Schulze-Delitzsch-Straße und der „Siedlerstube“ keine Haltestelle weiter als 250 Meter von der nächsten entfernt. Zwischen Neuffener Straße und Busbahnhof betragen die Abstände immer noch lediglich 500 Meter. Handelte die Stadt Nürtingen also eigenmächtig und setzte sich über bestehende Regeln hinweg? Nein, denn eine Anfrage beim VVS ergab die Auskunft, dass die Haltestellenabstände in der Ortslage zwischen 200 und 500 Meter betragen sollten, außerhalb der Ortslage auch zwei bis drei Kilometer zulässig seien. Der VVS beruft sich auf die Richtlinie des Verbandes deutscher Verkehrsunternehmen. Eine Regelung, die auch im Nahverkehrsplan des Landkreises Esslingen enthalten ist.

Annemarie Schubert hat einen weiteren Grund für die geringe Resonanz ausgemacht: Stadtbus und Bürgerbus führen fast identische Routen. „Meiner Meinung nach müssten sich Stadtbus und Bürgerbus ergänzen und sich nicht gegenseitig Konkurrenz machen“, sagt sie. Denn Bürgerbus und Stadtbus fahren in den schwach ausgelasteten Zeiten zwischen 9 und 15.45 Uhr im Abstand von nur wenigen Minuten hintereinander her. Warum, fragt sie, fahre der Bürgerbus denn nicht in entgegengesetzter Richtung zum Stadtbus? „Das wäre dann wirklich eine Ergänzung.“

Marianne Erdrich-Sommer geht noch einen Schritt weiter und fragt: „Ist denn der Bürgerbus neben dem Stadtbus richtig eingesetzt?“ Sie hat Zweifel. Denn das Prinzip basiert auf dem ehrenamtlichen Engagement der Fahrer für die Mobilität, die das öffentliche Angebot nicht leistet. So könnte der Bürgerbus die Gebiete und Haltestellen bedienen, die nicht auf der Stadtbuslinie liegen, aber zum Beispiel für ältere Menschen wichtig sind. Daher würde sie sich wünschen, dass ein Verkehrsplaner sich die ÖPNV-Situation in Wendlingen einmal genau unter die Lupe nimmt „und auch die Frage analysiert, welche Aufgaben der ÖPNV in Wendlingen erfüllen sollte und welche Aufgaben in diesem Konzept der Bürgerbus hat“.

Kannibalisieren sich Stadtbus und Bürgerbus?

Eine Überprüfung des Stadtbusangebots wird es nächstes Jahr geben. Das macht Erdrich-Sommer ein wenig Sorge. Denn, sagt die Kreisrätin, es könnte sein, dass dann das Angebot einer Stadtbuslinie auch wieder zurückgenommen werden kann. Das Landratsamt Esslingen bestätigte der Wendlinger Zeitung auf Nachfrage, dass man nach drei Jahren tatsächlich immer neu eingeführte Angebote überprüfe. In die Bewertung der Überprüfung flössen jedoch nicht die fixen Zahlen allein ein. Hier spiele auch eine Rolle, ob eine Stadt in der Größe von Wendlingen einen Stadtverkehr haben sollte. Gegebenenfalls werde das Angebot nochmals verlängert.

Für Marianne Erdrich-Sommer steht fest: Fällt der Stadtbus weg, könne der Bürgerbus das weggefallene Angebot nicht auffangen, denn er fahre ja nur zwischen 9 und 15.45 Uhr. Für Pendler wäre das ziemlich enttäuschend. Und ein herber Rückschlag für den ÖPNV, den man doch eigentlich stärken müsse. „Ich möchte nicht den Bürgerbus schlechtreden, aber im Moment scheint es ein wenig so, als ob sich die beiden Angebote kannibalisieren“, bestätigt Erdrich-Sommer, deren Mann im Übrigen selbst ehrenamtlicher Bürgerbusfahrer ist, die Beobachtungen Annemarie Schuberts.

Dass sich viele ältere Wendlinger auch einfach nicht trauen, den Stadtbus zu nutzen, diese Erfahrung hat Annemarie Schubert schon gemacht. Wie viel kostet ein Ticket? Wo löst man es? Welche Fahrkartenangebote gibt es? Komme ich mit Rollstuhl oder Rollator überhaupt in den Bus hinein? „Eine Schulung, vielleicht im Rahmen eines kleinen Ausflugs, könnte unsicheren Mitfahrern die Hemmungen nehmen, Neues auszuprobieren“, ist sie sicher.

Mehr Werbung für den Stadtbus – das halten die beiden Damen, die regelmäßig den ÖPNV auch über Wendlingens Stadtgrenzen hinaus nutzen, für unbedingt notwendig. Und auch die Mitfahrer der Freitagstour finden: Werbung schadet nicht. Weil auch der Landkreis das weiß, hat er der Stadt einen kleinen Werbetext mitgeliefert, als vor zwei Jahren der Startschuss für den Stadtbus fiel. Genutzt hat die Stadt den Werbetext allerdings bisher nicht. Mit einem eigenen Text und einer eigenen Grafik will man das Werbedefizit nun ausgleichen.

Zu wenig, in den Augen der beiden Nahverkehrsfans Schubert und Erdrich-Sommer. Mit großen Bannern gegenüber dem S-Bahnhalt am Bahnhof, aber auch an den Ortseingängen müsste für die Busse geworben werden, finden sie. Und erhalten wieder Unterstützung von den anderen Busnutzern. Die sich im Übrigen auch über die Einführung eines Stadttickets freuen würden, wie es die Stadt Kirchheim ab dem kommenden Jahr einführen wird (wir berichteten). Darüber, so Fred Schuster, werde mit dem Gemeinderat nach den Sommerferien beraten. „Uns ist das Angebot des Stadtbusses wichtig“, beteuerte er. Und so kommt dieser nach zwei zähen Jahren vielleicht doch noch in die Puschen.

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