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„Man kann einem Ort wieder Leben einhauchen“

11.02.2019, Von Peter Dietrich — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Dr. Christian Küpfer von der Hochschule Nürtingen-Geislingen macht Vorschläge für weniger Flächenverbrauch

Der Planet Erde schrumpft, zumindest der Lebensraum des Menschen: Durch den Klimawandel wird ein Teil der Erde überflutet und ein anderer zu heiß. Auch weniger global betrachtet gibt es Platznot, vor allem in den Ballungsräumen. Was tun, wenn Landwirtschaft, Wohnen, Gewerbe und Verkehr um Flächen streiten?

Professor Dr. Christian Küpfer ist Studiendekan für Landschaftsplanung und Naturschutz an der Fakultät Landschaftsarchitektur, Umwelt- und Stadtplanung der Hochschule Nürtingen-Geislingen. Foto: Dietrich
Professor Dr. Christian Küpfer ist Studiendekan für Landschaftsplanung und Naturschutz an der Fakultät Landschaftsarchitektur, Umwelt- und Stadtplanung der Hochschule Nürtingen-Geislingen. Foto: Dietrich

KÖNGEN. Dazu sprach Professor Dr. Christian Küpfer, Studiendekan für Landschaftsplanung und Naturschutz an der Hochschule Nürtingen-Geislingen, kürzlich in der Zehntscheuer in Köngen. Beim Bezirksarbeitskreis Kirchheim/Nürtingen des Evangelischen Bauernwerks und bei den Landfrauen Köngen-Denkendorf fand er sehr engagierte Zuhörer und Diskutanten.

Der Mensch wolle eben alles, sagte Christian Küpfer mit Kurt Tucholskys „Ideal“ aus dem Jahr 1927: Vorne die Ostsee und hinten die Friedrichstraße, im Grünen wohnen und trotzdem zum Kino nicht weit. Wohnen, Erholung, Transport, Energiegewinnung, für alles werden Flächen gebraucht. Flächen, die sich nicht vermehren lassen. Wo haben sich Menschen angesiedelt, wo hat sich die Bevölkerung vermehrt? Dort wo die Böden gut waren, also etwa auf den Fildern. Dadurch werden bei weiteren Baumaßnahmen genau diese guten Böden der Landwirtschaft entzogen. „Die Region Stuttgart nimmt zehn Prozent der Fläche Baden-Württembergs ein, dort wohnen aber 25 Prozent der Bevölkerung und diese erwirtschaften 30 Prozent des Bruttosozialprodukts.“ In eine so attraktive Region zögen immer mehr Menschen. „Das wird nicht abreißen, es ist vielleicht nur nicht mehr so auf die Stadt Stuttgart bezogen.“

Heute bedarf es mehr Quadratmeter pro Einwohner als in 1960er-Jahren

Zur Bevölkerungsentwicklung kommt der Bedarf an Wohnfläche pro Einwohner. Lag sie im Deutschland der 1960er-Jahre noch bei etwa 15 Quadratmeter, wurden im Jahr 2017 in Baden-Württemberg 46 Quadratmeter erreicht. Ein Grund sind immer mehr Singles, ein anderer der Remanenzeffekt: Die Kinder sind aus dem Haus, so bleiben zwei Menschen auf womöglich 200 Quadratmetern zurück. „Manchmal sind es 200 Quadratmeter für null Menschen, ein Haus steht lange leer“, sagte Christian Küpfer.

Der Flächenverbrauch pro Einwohner kann aber sehr unterschiedlich sein: Braucht es in urbaner Bauweise für 100 Einwohner rund 1,2 Hektar, sind es bei suburbaner Bauweise schon 2,3 Hektar und bei ländlicher Bauweise 4,5 Hektar. Die Frage sei nun: „Welche Dichte ist zumutbar und sozialverträglich?“ Eine zu lockere Bebauung mit vielen Lücken mache die ÖPNV-Erschließung schwer, bei zu weitem Weg zur Haltestelle führen die Leute mit dem Auto.

Es gibt Gebiete, die keine Nachverdichtung erlauben, wie die mittelalterliche Stadt. Eine Luftaufnahme von Laichingen, mit 165 Einwohnern pro Quadratkilometer, zeigte genau das Gegenteil, dort wäre in den vielen Lücken noch einiges möglich. „Bei aller Kritik, das Planungssystem in Baden-Württemberg ist ziemlich gut“, sagte Christian Küpfer. Grünzüge und Grünzäsuren dürften in der Regel nicht bebaut werden, das sei gut so. „Man will nicht, dass die Orte zusammenwachsen und ihre Identität verlieren.“

Die Prüfung der Innenentwicklung sei im Baugesetzbuch vorgeschrieben. Bei dieser Innenentwicklung hat der Referent nicht nur unbebaute Grundstücke im Blick. „Das größte Potential hat die untergenutzte Bausubstanz.“ Eine Untersuchung in einem schwäbischen Ort ergab, dass zwischen zehn und 15 Prozent der Bausubstanz aus Scheunen bestand. „Oft standen Autos drin.“ Christian Küpfers Vorschlag ist, die Scheunen neu zu nutzen und Nebengebäude durch Einfamilienhäuser zu ersetzen. „Man kann einem Ort wieder Leben einhauchen.“ Bei unbebautem Bauland, das oft für den Enkel aufgehoben werde, könne das Land die Besteuerung ändern, so einen Anreiz zur Bebauung schaffen. Kommunen könnten eine Rückkaufsatzung erlassen: Werde ein Baugrundstück innerhalb von fünf Jahren nicht bebaut, falle es zum Vorzugspreis an die Gemeinde zurück. „Wir alle“, bat der Referent, „sollten auf die Familie und die Verwandtschaft einwirken, dass untergenutzte Bausubstanz im Ort nicht gehortet, sondern aktiviert wird.“ Das könne ein Abriss sein, eine Sanierung und Vermietung oder ein Verkauf. „Lassen Sie sich beraten.“

„Das Bewusstsein der Politiker fehlt, die rufen noch immer nach Flächen“, beklagte ein Zuhörer, er bezog sich auf vier derartige Zeitungsmeldungen an einem einzigen Tag. „Das geht so nicht weiter.“ „Es wird viel zu viel Fläche verbraucht“, stimmte Christian Küpfer zu. Auf massive Kritik stieß auch, dass tiefgaragenfreie Discounter riesige Flächen für Parkplätze versiegeln, da bestehe beim Planungsrecht Nachholbedarf. Eine Zuhörerin schlug vor, leerstehende Häuser höher zu besteuern, Christian Küpfer hält das für einen guten Vorschlag.

Zum Schluss machte er Vorschläge für ein besseres Miteinander von Landwirtschaft und Freizeitnutzern von Wegen wie Jogger und Radfahrer. Serien im Amtsblatt und Hinweisschilder könnten informieren, was zur jeweiligen Jahreszeit auf den Äckern passiere. Durch die Ausschilderung lasse sich der Radverkehr auf bestimmte Strecken konzentrieren. Auch Landwirtschaft und Naturschutz können zusammenfinden: Das Rebhuhnprojekt in Wolfschlugen präsentierte Christian Küpfer als ein gutes Beispiel, wie ein Landwirt – gegen eine Vergütung von 800 Euro pro Hektar – zum engagierten Naturschützer werden kann. „Dort haben sich von sich aus weitere Landwirte gemeldet und gefragt, ob sie bei dem Projekt mitmachen dürfen.“

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