Nürtingen

Stillstand und Flut

09.03.2009, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Alle Räder stehen still – wenn nämlich Ferien sind, und die Lehrerschaft nahezu geschlossen die Heckklappe ihres fünftürigen Sicherheitskolosses schwedischer Herkunft über dem Gepäck zudrückt, die windschnittigen Skibehälter auf dem Autodach zur Verschlusssache erklärt und sich langsam Richtung Autobahn nach St. Anton bewegt. Wo dann erstmal – siehe oben. Doch damit (es sind Winter- oder Faschingsferien) fällt auch für alle Kulturträger vorübergehend der Vorhang. Nur der eiligen Flucht aus dem nichtswürdigen Kleinstadtumfeld in den mehr als verdienten Fünfturlaub ist es zu verdanken, dass wenigstens ein Teil der Lehrerschaft bis nahe der Pensionsgrenze durchhält, ohne (völlig ausgebrannt) überlegen zu müssen, ob zuerst der Vorsitz im Liederkranz oder der Posten als Kassier der Bürgerinitiative niederzulegen wäre. Aber diese (Beamten-)Flucht in den Urlaub hat Folgen: wie ein Naturgesetz hat sich auf dem Kulturmarkt der Reflex durchgesetzt, dass die Schulferien jeglicher Jahreszeit für Veranstalter tabu sind, weshalb am Wochenende nach Fasching bis auf eine Lesung und einer Spielart von Rockmusik, die nur die ganz hart Gesottenen ansprach, nichts los war. Alle Räder standen still auf der Rückreise-Autobahn und im Kulturbetrieb. Die Folgen sind bekannt: Am darauffolgenden (mithin: just vergangenen) Wochenende traten nicht nur fast die Flüsse und Bäche über die Ufer, sondern es brandete ein wahres Veranstaltungsmeer über die Nürtinger herein, das wieder einmal den untrüglichen Nachweis für die völlige Unfähigkeit der Nürtinger Kulturträgerschaft, ob frei oder institutionell, erbrachte, sich miteinander abzustimmen, um eine für alle (Veranstalter und Besucher) erträglichere Situation zu schaffen. Rockkonzerte im Kuckucksei und dem Provisorium, Klezmer in der Kreuzkirche, Theater im Schlosskeller und Kabarett im Schlachthof, Salsa-Party in der alten Seegrasspinnerei, Klezmer-Musik in der Versöhnungskirche und zu allem Überfluss auch noch eine Ü-30-Party in der Stadthalle. Bravo! So macht man sich am Besten gegenseitig kaputt – und am längsten hält durch, wessen Etat sich aus Steuergeldern speist. Mein Michel, was willst du noch mehr? heb

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