Nürtingen

Sich selbst erfunden

30.12.2008, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Was haben „Magic Bus“, „Not Fade Away“ und „Who do you Love?“ gemeinsam? Neben ihrer unbestreitbaren Hitqualität den in gleicher Weise synkopierten Viervierteltakt, dessen Vater, Bo Diddley, heute 80 Jahre alt geworden wäre, wenn ihn nicht im Juni dieses Jahres eine Herzattacke hinweggerafft hätte. „Er hat sich fast komplett selbst erfunden“, schrieb ein amerikanisches Magazin in einem Nachruf, „seinen Namen, seinen Rhythmus und seine Gitarren.“ Denn ursprünglich hieß der Mann, der „dem Rock ’n’ Roll seinen Rhythmus gab“, Ellas Otha Bates und gründete mit fünfzehn seine erste Band, The Hipsters. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten, schließlich war man in Chicago zu Hause und die farbige Bevölkerung drängte sich nach Feierabend in den verrauchten Spelunken des Viertels, wo der Blues elektrisch wurde. Ellas Macdaniels (er hatte mittlerweile den Namen seiner Tante angenommen, in deren Obhut ihn seine Mutter gegeben hatte) nannte sich fortan Bo Diddley, nahm eine alte Gretsch-Gitarre auseinander, baute einen Haufen Elektronik in einen rechteckigen Bakelit-Kasten und setzte den Hals des Ausgangsinstruments daran. Sein Sound eroberte nicht nur die Konzertsäle, sondern auch die Hexenküchen der Gitarrenmanufakturen ebenso wie die Herzen der Rock-’n’- Roll-Rebellen, wie Johnny Otis und Buddy Holly, die seinen Dreischläge-Pause-Zweischläge-Rhythmus dankbar in ihren „Werkzeugkoffer“ packten – und Riesenerfolge damit feierten, wie die Stones mit „Mona“ oder die Doors. „Ich habe einer Menge Leute die Türen geöffnet und bin selbst mit der Klinke in der Hand stehen geblieben“, resümiert er ein wenig bitter, dass ihm der ganz große Publikumserfolg versagt geblieben ist – wie so vielen, die als „Musicians Musician“, als vor allem von den Kollegen bewunderter Künstler, statt Geschichten Geschichte schrieben. heb

Nürtingen

Weitere Nachrichten aus Nürtingen Alle Nachrichten aus Nürtingen