Nürtingen

Je höher der Preis .?.?.

03.08.2009, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

(heb) Dass der Preis eines Wirtschaftsgutes sich gemäß dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage entwickelt, gilt den Vertretern der Marktwirtschaft als Binsenweisheit, die man am besten schon der „Kundschaft“ in den Kindergärten eintrichtert. Gemeint ist damit, zumindest der reinen Lehre nach, dass ein Überhang an Nachfrage den Preis erhöht und, umgekehrt, eine geringere Nachfrage dafür sorgt, dass die Anbieter des betreffenden Gutes mit Preissenkungen regieren müssen. So weit, so einleuchtend, doch wie man weiß, birgt fast jede noch so klar erscheinende Regel ein gewisses Ausnahme-Potenzial, auch und gerade da, wo es halt – auf gut schwäbisch – „menschelet“. Für einen Schwaben jedoch ist gerade jene Ausnahme unbegreiflich, die uns hier interessiert, jene Ausnahme, die die oben geschilderte Grundfunktion des „Marktes“ scheinbar, ja, nicht nur außer Kraft setzt, sondern in ihr Gegenteil verkehrt. Es handelt sich dabei um das Segment der echten Luxusgüter und ihrer Konsumenten, denen das Teuerste gerade gut genug ist. Anders als der erfolgreiche, im Geist des Pietismus erzogene Schwabe, dessen Tun und Schaffen ausschließlich dem Ruhm seines Herrgotts dient („soli dei gloria“), ist der eher calvinistisch orientierte Angelsachse zumeist der Überzeugung, dass sein, wie auch immer erworbener, Reichtum ein äußeres Zeugnis dafür ist, dass er zu den wenigen Erwählten gehört, die in den Himmel kommen. Genau das aber will er seinen Mitmenschen mitteilen. Alle Welt soll sehen, was sich der Reiche leisten kann und je höher der Preis seines Hauses, seines Rennpferdes oder Autos, desto exklusiver ist es folglich und der höhere Preis dementsprechend gerechtfertigt. Der Entdecker dieser besonderen Preis-Leistungs-Relation, Thorstein Veblen, starb am 3. August 1929 einsam in einer kalifornischen Holzhütte an Herzversagen.

Nürtingen