Weihnachtsgrüße

Wichtig im Leben ist, wie glücklich man andere macht

23.12.2017, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Linda Balz zog es nach Indien – In Rishikesh, der Welt-Yogastadt, ließ sie sich zum „Ayurvedic Therapist“ und zur Yogalehrerin ausbilden

Linda Balz bereist nach ihrer Yoga-Ausbildung in Indien Sri Lanka – hier die Nine Arch Bridge in Kandy.

Nach meinem Abitur dieses Jahr wollte ich die Zeit nutzen, um Erfahrung zu sammeln – Erfahrung in beruflicher sowie in persönlicher Hinsicht und zwar am liebsten beides zusammen. Außerdem war mein Ziel, etwas komplett Neues zu wagen und richtig raus aus meiner gemütlichen Komfortzone im gewohnten Schwabenländle zu gehen. Und wo gelingt einem das in kürzester Zeit besser als im Ausland?

BU

Die typischen Länder, in denen die meisten jungen Leute wie ich Zeit verbringen, ließen mich bei meiner Wahl komplett kalt. Ich wollte keine Standardreise in einer Gastfamilie in Amerika oder „work & travel“ in Australien. Vielmehr zog es mich nach Asien, genau dorthin, wo der Ursprung des Yoga liegt, nach Rishikesh in Indien.

„Indien?! Das ist doch total gefährlich für eine junge Frau alleine!“ Das dachte ich anfangs auch, doch wie sich herausstellte, war Rishikesh, eine kleine Stadt am Fuße des Himalaya, alles andere als gefährlich. Das als „Welt-Yogastadt“ bekannte Rishikesh liegt grob in der Nähe von Neu-Delhi, im Norden Indiens.

Der Flug dorthin über Abu Dhabi und Delhi war sehr aufregend, doch im Vergleich zum indischen Verkehr auf dem Land war er äußerst gelassen. Dort angekommen erlitt ich erst mal einen Kulturschock. Man hört ja so einiges über die Verhältnisse wie den chaotischen Verkehr ohne Regeln, den Müll zwischen den Häusern, die Tiere mitten auf der Straße und die verkaufsfreudigen Inder. Doch das Ganze wirklich am eigenen Leibe zu erfahren war noch mal sehr viel intensiver! Jedoch gewöhnte ich mich in wenigen Tagen sofort an die neue Kultur. Ich lernte, meinen deutschen misstrauischen und rationalen Verstand loszulassen und einfach mit dem Flow der Inder zu leben. Auf einmal offenbarte sich mir eine ganz neue Welt in Harmonie und Frieden. Die Menschen leben so gelassen und geduldig miteinander – das komplette Gegenteil zu dem so hektischen und schnelllebigen Deutschland. „We’re in India, we don’t know stress and hurry“, hört man ständig. So kommt auch die Unterscheidung zwischen „deutscher“ und „indischer Zeit“ zustande. Was so viel bedeutet wie wenn wir uns um 6 Uhr morgens treffen, dann steht ein Deutscher um 5.55 Uhr bereit. Der Inder dagegen kommt ganz gelassen gegen 6.30 Uhr langsam zum Treffpunkt. Wenn du auf dem Weg zur Verabredung jemanden auf der Straße triffst und dich entspannt unterhalten möchtest, kein Problem! Dann kommt man eben eine halbe Stunde später, Hauptsache keine Eile und man genießt das Leben. Wenn die ganze Gemeinschaft so drauf ist, klappt das auch ganz schön gut! Doch für deutsche Standards erst mal eine Veränderung.

Das ist nur ein kleines Beispiel dafür, wie ich die Unterschiede der Kulturen erleben durfte. Alles in einem kann ich nun behaupten, dass sogar – oder viel mehr vor allem – solch weit entwickelten und fortschrittlichen Länder wie Deutschland sich definitiv von anderen Kulturen noch viel abschauen und lernen können. Anstatt schnell die Ausbildung oder das Studium zu absolvieren, um sich dann jahrzehntelang einem Beruf zu verpflichten, in dem effektiv und „voll Stoff“ gearbeitet wird, um dann endlich in die Rente zu gehen, arbeiten die Inder lieber „slowly, slowly“ und dafür ihr Leben lang. Sie arbeiten den ganzen Tag, von früh bis spät, doch sie arbeiten eben gelassen und ohne Stress. Sie brauchen keinen Feierabend, weil sie das tun, was sie lieben, ohne einen Burn-out zu riskieren. Mir wurde bewusst, das ich mich viel zu oft verpflichte und mir unnötigerweise Stress mache. Dabei kann man doch auch entspannt und produktiv zugleich sein!

Nun aber etwas zu meinem Alltag und zu dem Grund, warum ich gekommen bin. Insgesamt waren sechs Wochen Auslandsaufenthalt geplant, welchen ich dann zu zwei Monaten verlängerte, weil ich mich so wohl fühlte! Die ersten vier Wochen verbrachte ich in Rishikesh, um erst eine Ausbildung zum „Ayurvedic Therapist“ und dann zur Yogalehrerin zu machen.

Diese Zeit war sehr intensiv, was bedeutete zwischen 5 und 6 Uhr aufstehen und fast den ganzen Tag über Yoga, Ayurveda, Philosophie, Anatomie, Asanas, Gesundheit, Ernährung, Psychologie, Massagetechniken und vor allem über mich selbst zu lernen. Nun bin ich wirklich überrascht, was ich für einen Sprung in meiner Entwicklung gemacht habe! In wenigen Wochen kann man so viel an Wissen, Erfahrung und Reife gewinnen.

In Indien feierte ich zusammen mit den Leuten aus der Unterkunft das Lichterfest Diwali. Es ist ganz grob vergleichbar mit Weihnachten. Die Inder bringen die ganze Stadt zum Leuchten! Überall werden Lichterketten aufgehängt, ganze Gebäude sind voll damit, an jeder Ecke sind bunte Zeichnungen und Kerzen und jeder bringt das Licht außen sowie im Inneren zum Strahlen. Am Hauptabend werden Zeremonien gefeiert und es gibt ein Festmahl. Im Gegensatz zur Weihnachtsgans natürlich rein vegetarisch und äußerst gesund – was mir sehr entgegenkommt! Sobald es dunkel wird, gehen alle Menschen auf die Straße und lassen Feuerwerkskörper in die Luft rasen. Die ganze Stadt, durch die der heilige Fluss Ganga fließt, wird erhellt. Einen Monat lang werden auch kleine Blumengestecke mit Räucherstäbchen angezündet und in den Fluss gesetzt. In den schmalen Straßen wird jeder herzlichst mit „Happy Diwali“ begrüßt. Alle feiern mit und jeder fühlt diese besondere Zeit. Es fühlte sich wirklich wie Familie an! Es war ein wenig wie Weihnachten und Silvester zusammen.

Wenn ich an meine Zeit in Indien zurückdenke, kommen mir als Allererstes die unglaublich freundlichen und hilfsbereiten Menschen in den Sinn. Egal wobei, einem wird immer geholfen. Die Menschen glauben fest an ihr Karma und leben daher sehr ehrlich und vertrauenswürdig. Hat man an einem Tag nicht genügend Geld für den Einkauf dabei – kein Problem! Dann bringt man es eben morgen oder auch erst im nächsten Leben. Die Menschen dort sind viel hilfsbereiter und offener als in Deutschland. Mit kommt es auch so vor, dass die Menschen trotz ihres geringen Lebensstandards viel zufriedener und ausgeglichener sind. Wichtig im Leben ist, wie glücklich man andere macht und wie glücklich man selbst ist. Das spürte ich vor allem dann, wenn mir geholfen wird, aber nichts als Ausgleich erwartet wird. Diese Art zu leben möchte ich unbedingt weiterführen und zurück nach Deutschland mitnehmen!

Nach meiner erfolgreich bestandenen Ausbildung in Indien ging es dann für gute vier Wochen nach Sri Lanka. Dort verbrachte ich die ersten zwei Wochen in einer traumhaft schönen Unterkunft in der Südprovinz, in der Nähe von Galle. Mein Tag bestand aus Yogastunden, sehr gutem „Rice and Curry“, tollen Strandausflügen inklusive Surfen und weiteren tollen Aktivitäten.

Da es mir dort so gut gefiel, entschied ich mich dann spontan dafür, meinen Heimflug um zweieinhalb Wochen zu verschieben. Nun reise ich quer durch Sri Lanka und erkunde die wunderschöne Insel. Egal wohin man kommt, man trifft immer freundliche Menschen! Ich genieße die Zeit hier sehr, da es sich wirklich anfühlt wie Familie. Vor allem in Indien habe ich „meine indische Familie“ sehr ins Herz geschlossen. Doch so langsam zieht es mich wirklich wieder zurück nach Hause. Ich freue mich schon riesig auf das Zurückkommen in mein Schwabenländle.

Es sind zwei Monate voller Erfahrungen und Momente, die ich ganz bewusst in meinem Herzen speichere, doch selbst der schönste Strand am Indischen Ozean kann mein geliebtes Wolfschlugen nicht ersetzen. Natürlich freue ich mich sehr auf meine Freunde und Familie, aber auch auf die schönen kleinen alltäglichen Dinge. Beispielsweise kann ich es kaum erwarten, endlich wieder bei meiner Oma Linsen und Spätzle zu essen und endlich wieder bei meinem Pferd zu sein. Hier in Sri Lanka sieht man ab und zu Weihnachtsdekoration und hin und wieder hört man leise Weihnachtslieder in den Restaurants und Läden. Doch so richtige Weihnachtsstimmung kam bei mir erst auf, als ich die Bilder vom ersten Schnee daheim gesehen habe.

Dieses Jahr kann ich Weihnachten kaum erwarten. Wie ein kleines Kind freue ich mich auf den Schnee, auf den Weihnachtstee und auf die Plätzchen! Am allermeisten freue ich mich jedoch auf meine Familie, vor allem auf meine Mama. Richtiges Heimweh hatte ich nicht, doch sie hat mir schon sehr gefehlt. Sehr gerne würde ich noch mal für ein paar Monate oder länger reisen, doch auch mein Pferd möchte ich nicht länger missen. An dieser Stelle den größten und herzlichsten Dank an alle, die sich so wundervoll um meinen Aidis kümmern, in erster Linie natürlich an meine weltallerbeste Mama.

Dieses Jahr habe ich nur einen einzigen Wunsch zu Weihnachten: nämlich zusammen mit meiner Familie Plätzchen backen. Denn diese gemeinsame Zeit zu genießen ist alles, was zählt.

Ich schicke herzlichste Weihnachtsgrüße aus Sri Lanka, ganz viel Liebe, Frieden und Harmonie an alle und wünsche ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein gutes neues Jahr!

 

Linda Balz

Weihnachtsgrüße aus aller Welt