Weihnachtsgrüße

Statt heimeliger Weihnacht gibt es in diesem Jahr eine kommerzielle Glitzerwelt

24.12.2014, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Moritz Goll ist am Ende seines Master-Studiengangs in Japan gelandet – Jetzt freut sich der passionierte Skifahrer schon auf die Tiefschneeabfahrten in Japan

Der unverwechselbare Mount Fuji, das Nationalsymbol Japans

Hier in Tokio und auch in ganz Japan ist wie in Deutschland offensichtlich Weihnachtszeit, denn Weihnachtsbäume, bunte Lichterketten und Weihnachtsverlockungen der Geschäfte sind auch hier allgegenwärtig.

Moritz Goll auf einer seiner Wandertouren außerhalb der Großstadt

Allerdings muss ich akzeptieren, dass die vertraute Duftwelt aus selbstgebackenen Gutsle, Glühwein und frischer Nordmanntanne dieses Jahr der kommerziellen Glitzerwelt weichen muss. Es ist ein im wahrsten Sinne künstliches Fest: selbst meine befreundeten Japaner gestehen mir ein, dass aufgrund mangelnder religiöser Tradition eben die Gewerbetreibenden sich das „Event“ unter den Nagel gerissen haben, etwa auf einer Stufe mit Halloween. Aber es ist auch eine Lebensbereicherung, dieses „Weihnachten“ zu erleben, um dann nächstes Jahr mit noch größerer Vorfreude die Jahreszeit zu Hause im Ländle zu erleben.

Eindrucksvoller Sonnenuntergang über Tokio

Schon viele Jahre lang habe ich die Weihnachtsgrüße in der Nürtinger Zeitung gelesen und nun kann ich selber einen Beitrag beisteuern.

Mein Masterstudium in International Business an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen hat mich im Abschlussjahr an die Rikkyo-Universität in Tokio geführt. Die akademischen Rahmenbedingungen sind an der privaten Uni hervorragend und ich habe es bisher nicht bereut, hierherzukommen. Aber natürlich wage ich auch den Blick hinaus auf diese enorme Großstadt und die weiteren Highlights dieses Landes. So habe ich in den vergangenen vier Monaten schon diverse Reisen unternommen.

Die Megacity Tokio ist mit ihren 18 Millionen Einwohnern auf dem Papier genauso ungreifbar groß wie sie tagtäglich mit ihren unzähligen Stadtteilen vor meinen Augen vorbeizieht. Schon jetzt weiß ich: Auch mit elf Monaten Lebenszeit hier werde ich nicht alle Ecken dieser Stadt kennenlernen. Also suche ich mir meine Ziele nach und nach aus, am liebsten mit Ausblick von einem der Wolkenkratzer.

Den ganz besonderen Eindruck erhält man aber erst bei Nacht, wenn alles glitzert und funkelt, in dieser einmaligen unglaublichen Konsumwelt. Das bestätigt auch das allgemeine Vorurteil von Japan, jenes der überfüllten Großstädte. Dabei ist dieses Land ebenso gesegnet mit Bergen, Küsten und einem farbenprächtigen Baumbestand, der im Herbst und Frühjahr die Natur zum Leuchten bringt. Und das Beste ist: das perfekte Transportwesen bringt einen innerhalb einer Stunde aus der hektischen Metropole in nie erahnte Oasen der Natur. Land und Leute sind in Japan in ihrem Charakter und Verhalten untrennbar miteinander verbunden. Ein Land mit unzähligen Bergen, beginnend direkt an der Küste, bietet wenig Platz zum Leben für 140 Millionen Menschen.

Die Ballungszentren in Tokyo, Osaka oder Nagoya lassen sich nur bewältigen, wenn man gewisse Eigenschaften verinnerlicht: Akzeptanz, Uneigennützigkeit und Freundlichkeit. Gerne würde ich einmal so manchen Zeitgenossen mit mir die täglich überfüllte Bahn fahren lassen – das wäre Bewusstseinsbildung für ein respektvolles Miteinander, auch in unangenehmen, stressigen Situationen. Ohne Konsens für die Masse funktioniert hier gar nichts.

Hat man dann doch einmal abseits von Tokio einen freien Blick auf den Vulkan Fuji-san, das 3776 Meter hohe Nationalsymbol, so erkennt man weitere japanische Werte: Innovationskraft, Fleiß und Perfektion – im Hochgeschwindigkeits-Schienenverkehr wie auch im Reisanbau.

Womit ich bei der Kulinarik angekommen wäre. Die Hauptstadt Tokyo hat laut Gerüchten mehr Restaurants als Einwohner; und nach meinen Erkenntnissen ist die Auswahl an internationalen Leckereien wirklich unübertrefflich. Die klassische japanische Küche zeigt sich in ihrer größten Vielfalt aber vor allem außerhalb der Städte, wenn regionale Speisen auf den Teller kommen.

Ich esse brav so gut wie alles – und oft weiß ich auch danach noch nicht, was ich gegessen habe.

Ein Lieblingsgericht habe ich aber schon: Ich bezeichne sie als japanische Maultasche, Gyoza genannt, optisch und geschmacklich ein Gefühl der Heimat für alle Schwaben! Analog zu unserer Heimat sind Speisen in allerlei Variationen auch hier höchstes Kulturgut.

Und Kultur und Religion haben in Japan nicht nur enorm viel Tradition und Vielfalt, nein, sie sind auch zum Großteil heute noch nach Jahrhunderten greifbar und frei zugänglich. Schon jetzt habe ich weit mehr UNESCO-Weltkulturerbe-Stätten besucht als in meinem ganzen Leben zuvor.

Und im Angesicht eines zwölf Meter hohen, friedlich ruhenden Buddhas wird einem auch die japanische Demut erst richtig bewusst. Die Eindrücke in diesem Land sind bedeutend und die erste Hälfte des Jahres 2015 wird mir weitere bescheren. Jetzt steht erst einmal der Winter an und als passionierter Skifahrer werde ich mir den besten Tiefschnee auf diesem Planeten nicht entgehen lassen.

Liebe Leser der Nürtinger Zeitung, aus der japanischen Hauptstadt Tokio grüße ich Sie und wünsche Ihnen eine frohe Weihnachtszeit und einen guten Rutsch ins neue Jahr 2015.

 

Viele Grüße Moritz Goll

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