Gelebte Geschichte

Peter Härtlings Lebensgeschichte als Comic

20.04.2013, Von Andreas Warausch — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Zum 80. Geburtstag im November widmen verschiedene Projektpartner dem Schriftsteller eine achtteilige Serie – Heute ist der Auftakt

Hildegard Ruoff wurde von den Schülerinnen Sophia Rieger (Mitte) und Anna Garnjost interviewt. Foto: Günther

Eine Würdigung zu einem runden Geburtstag. Für einen Mann, dessen Werk schon so viele Male gewürdigt worden ist. Zu Recht gewürdigt worden ist. Wie kann diese Würdigung aussehen? Zu Peter Härtlings 80. Geburtstag, den er am 13. November feiert? Er ist Schriftsteller. Dichter. Er ist Nürtinger Ehrenbürger. Mit Preisen überhäuft. Eine Schule in Nürtingen, in der Stadt, in der er seine Jugend verbracht, trägt seinen Namen. Wie kann diese Würdigung also aussehen, wenn sie etwas ganz Besonderes sein soll? Wenn sie sozusagen kein 08/15-Geschenk sein soll? Keine Krawatten, keine Socken, im übertragenen Sinn?

Die schönsten Geschenke sind kreativ. Sind etwas ganz Eigenes. Die schönsten Geschenke gefallen nicht nur dem Beschenkten. Sie bereiten auch dem Schenkenden Freude. Und bestenfalls noch vielen, vielen anderen Menschen. Ja, und oft entstehen die schönsten Geschenke, wenn sich mehrere Schenkende zusammenschließen. Vereinte Kräfte, Ideen, Möglichkeiten.

Dieses Geschenk, diese Würdigung, wird tatsächlich nur durch eine konzertierte Kooperation möglich. „Gelebte Geschichte“ heißt das Projekt, heißt die Serie. Die Nürtinger Zeitung hat sich dafür zusammengetan mit der Freien Kunstakademie Nürtingen, dem Peter-Härtling-Gymnasium Nürtingen und – ganz bestimmt nicht zuletzt – mit dem Stuttgarter Illustrator Davor Bakara. Bis zu Härtlings Geburtstag wird einmal im Monat von heute an jeweils am dritten Samstag im Monat eine Seite erscheinen, in der Episoden aus dem Leben Peter Härtlings gezeigt werden. In der Art eines Comics. Dafür sorgt Davor Bakara. Schüler der Comic-AG des Peter-Härtling-Gymnasiums steuern jeweils die Verbildlichung eines Härtling-Gedichts bei. Heute geht’s mit der ersten Episode „Szenen einer Ankunft“ los.

Insgesamt acht Seiten werden erscheinen. Für jedes Lebensjahrzehnt des Schriftstellers eine. Dabei geht es um keine chronologische Geschichte. Es geht um Episoden. Schlaglichter auf eine bewegte Lebensreise. Der Stuttgarter Illustrator hat sich dafür eingehend mit Peter Härtling beschäftigt. Detlef Berentzens biografisches Härtling-Lesebuch „Vielleicht ein Narr wie ich“ ist für ihn der Schlüssel.

Über Umwege kam der Stuttgarter zu Härtling. Die Geburtsstunde des Projekts schlug, als Timo Günther, stellvertretender Schulleiter des Härtling-Gymnasiums, und Dr. Katrin Burtschell, Vorstandsmitglied der FKN Nürtingen, die Köpfe zusammensteckten. Die Idee war geboren: Ein Comic zu Härtlings Geburtstag! So kam Davor Bakara ins Spiel. Der Diplom-Designer ist an der FKN Comic-Dozent. Der 41-Jährige war gleich interessiert an diesem Projekt. „Obwohl am Anfang noch vieles unklar war“, sagt er.

Für die Nürtinger Zeitung war allerdings schnell klar, dass man Partner dieses Projekts sein will. Härtling ist nicht nur einer der großen deutschen Gegenwartsschriftsteller. Und er ist nicht nur Nürtinger Ehrenbürger. Härtling lernte auch als Volontär in den 50er-Jahren bei der Nürtinger Zeitung das journalistische Handwerk. Seine Erinnerungen an diese Zeit hat er unter anderem in einer bewegenden Rede unter dem Titel „Mein Blättle“ anlässlich des 175. Geburtstags der Nürtinger Zeitung im Jahre 2006 in Worte gefasst. Klar, dass es für die Nürtinger Zeitung ein Anliegen ist, Härtling zu würdigen. Mit einem besonderen Geschenk. Eben mit der „gelebten Geschichte“. Auch die Stadt Nürtingen sicherte dem Projekt finanzielle Unterstützung zu.

Begeistert von der Kraft der Erinnerungen

Als die Partner sich gefunden hatten, konnte die Arbeit beginnen. Auch für die Comic-AG des Peter-Härtling-Gymnasiums. Zuerst wurde recherchiert. Wie nähert man sich Peter Härtling, wenn man nicht nur Bücher oder womöglich das Internet bemühen will? In Nürtingen gibt es eine beredte Zeitzeugin: Hildegard Ruoff. Die beiden 14-jährigen Schülerinnen Sophia Rieger und Anna Garnjost besuchten die 93-Jährige, um sie zu interviewen.

Hildegard Ruoff hatte nach dem Krieg für die Flüchtlinge in Nürtingen eine Leihbücherei aufgebaut. Auch Peter Härtling kam. Und er hatte bald alle Bücher gelesen. Da nahm ihn Hildegard Ruoff mit nach Hause, stellte den Bub ihrem Mann, dem Maler und Bildhauer Fritz Ruoff, vor. Der war so alt wie Härtlings Vater. Dennoch nahm er den Jungen als gleichberechtigten Freund auf.

Die Schülerinnen waren begeistert von Hildegard Ruoffs unglaublichem Erinnerungsvermögen und ihrer Mitteilungsfreude. Vor allem aber die Kraft der Erinnerungen, die ihnen Hildegard Ruoff vermittelte, imponierte ihnen.

Aber die Comic-AG zeichnet natürlich auch. Unter Anleitung von Ralf Braun und Martin Knobel von der FKN suchen die Schüler aus einem Pool von Härtling-Texten den aus, der ihnen am meisten zusagt. In der heutigen Ausgabe sind zum Beispiel die Bild gewordenen Assoziationen des 18-jährigen Felix Schob zu sehen. Er nahm sich „Vielleicht ein Narr wie ich“ vor. Es ist das Gedicht, das Härtling selbst „das erste Gedicht, das ich schrieb, das mir haltbar erschien“ nennt. Die Schüler wollen und sollen das Gedicht nicht einfach zeichnerisch interpretieren. Sie sollen Parallelen zu ihrer eigenen Lebenswelt finden, sollen Vergangenes und Gegenwärtiges verknüpfen. Felix Schob stellt heute gar einen lokalen Bezug her. In allen Schülerarbeiten findet sich mindestens eine zweite Ebene, denn Bezüge zur aktuellen gesellschaftlichen und lokalen Situation sind durchaus beabsichtigt.

Die Schülerarbeiten gesellen sich zur von Bakara in Bildern erzählten Lebensgeschichte. Sie tun das aber jeweils ganz unabhängig. Denn das narrative, das tragende Element der Geschichte übernimmt der Profi. Mit dem Tuschepinsel. Und mit einer interpretatorischen Schärfe, Tiefgründigkeit und Klarheit, die ihresgleichen sucht. Ein kleiner Text soll jeweils helfen, die einzelnen Episoden in den Gesamtzusammenhang einzuordnen.

Heute schildert Bakara „Szenen einer Ankunft“. Die Reise in Viehwaggons endete für die Flüchtlingsfamilie des Zwölfjährigen auf einem Abstellgleis in Nürtingen. In einer Stadt, die er zuerst als „unbehelligt vom Krieg geblieben“ empfand. In einer Stadt, deren Einwohner die Flüchtlinge „finster, argwöhnisch und ängstlich“ beobachteten, wie Härtling in der Berentzen-Biographie zurückblickt. Für diese Ankunft findet Davor Bakara heute eine eindringliche, vom Kontrast lebende Bildsprache.

Kann die Serie ein Geschenk für alle sein?

Es ist der Auftakt. Der Serie und der Arbeit. Denn diese Arbeit ist nicht vorgefertigt. Sie ist im Gange. Alles fließt. Ein Versuch, der gelingen soll. Denn die Projektpartner hoffen, dass sich die „Gelebte Geschichte“ auch den Lesern scharf, tiefgründig und klar erschließt. Dann ist diese Würdigung, dieses Geburtstagsgeschenk in Etappen, auch ein Geschenk für alle. Peter Härtling selbst freut sich offensichtlich auf und über dieses werdende Geschenk. Den Titel „Gelebte Geschichte“ tippte er höchstselbst für die Serie auf seiner alten, typischen Schreibmaschine.

Die erste Episode von „Gelebte Geschichte“ mit „Szenen einer Ankunft“ finden Sie hier ...