Kultur

„Kreativ zu sein ist wie atmen“

19.10.2013, Von Andreas Warausch — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Der Stuttgarter Illustrator Davor Bakara findet Bilder für die Lebensgeschichte des Dichters Peter Härtling

Davor Bakara: „Die Menschen erzählten schon immer Geschichten.“ Foto: Holzwarth

Es ist eine gelebte Geschichte. Das Leben Peter Härtlings. Der Dichter hat diese Geschichte in seinen Romanen, seinen Gedichten erzählt. Mit seinen Worten. Davor Bakara erzählt diese Geschichte in Bildern. Der Stuttgarter Illustrator findet diese Bilder zu acht Lebensstationen Peter Härtlings. Monatlich, bis zu Härtlings 80. Geburtstag am 13. November. In der Nürtinger Zeitung.

Zur Person

Davor Bakara

Geboren wurde Davor Bakara am 13. Juli 1971 in Stuttgart. Nach dem Abitur studierte er von 1993 bis 1999 Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Illustration an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Professor Heinz Edelmann und Professor Niklaus Troxler mit dem Diplomabschluss Grafik Design/Illustration mit der Diplomarbeit „Was ist Mythos?“.
Seitdem ist er selbstständig tätig als freier Illustrator und Diplom-Designer, zuerst in Berlin, dann in Stuttgart. Nebenberuflich ist er als Dozent tätig, unter anderem seit 2012 an der Freien Kunstschule Baden-Württemberg im Fach Comics.
Bakara nahm an zahlreichen Ausstellungen teil, wurde mehrfach ausgezeichnet, ist Co-Autor von „Das Lexikon der visuellen Kommunikation“ und Gründer, Zeichner, Autor und Redakteur des Projektes „Moga Mobo”.

Bilder finden. Ideen, Gedanken visualisieren. Das ist sein Job. Beruf und Berufung. Dabei, gibt er zu, ist er nicht mit dem sprichwörtlichen Pinsel in der Hand auf die Welt gekommen. „Ich war nie derjenige, der in der Klasse die Karikaturen gezeichnet hat“, sagt er. Auch die Phase, in der die Jungs für gewöhnlich die Titelseiten der Superhelden-Comics abzeichnen, hat er nicht gehabt.

Das bedeutet aber nicht, dass ihm Comics nichts bedeuteten. Eher im Gegenteil. Mit neun, zehn, elf Jahren hatten es ihm die alten, klassischen Disney-Comics angetan. Und das „Yps mit Gimmick“. Darin gab’s auch viele Comics. Gute Comics. Aus Ländern wie Frankreich, wo Comic-Kunst einen ganz anderen Stellenwert genießt als hierzulande. Aber auch die Gimmicks waren wichtig. Solche wie die Maschine, die Eier eckig macht. Kult. Für Bakara damals Teil einer komplett eigenen Welt.

Eine Welt, in die sich das Kind kroatischer Migranten flüchtete, in die es sich hineinblätterte. „Ich hatte engen Bezug zum Kiosk“, erinnert er sich augenzwinkernd. Eben dort gab’s die Comics. Dort konnte geblättert werden, konnte in Zeitschriften nach Illustrationen gesucht werden. Zeitschriften, Comics, Kino. „Meine Sozialisation lief ein bisschen anders“, sagt er. Mit Büchern hatte er zuerst nicht viel zu schaffen: „Dass Bildung ein Wert an sich ist, musste ich erst einmal lernen.“

Dann noch eine Kehrtwende. Ein Freund, der Kunst nach eigenem Bekunden hasste. Bakara lässt sich beeinflussen. Und dann endlich der Kunst-Leistungskurs. Ein guter Lehrer, der Zugang zu scheinbar unscheinbaren Dingen öffnete. Spinnenweben zum Beispiel. „Ich bin damals ein verkopfter Typ gewesen“, sagt Bakara. Gedanken, Gedanken. Deshalb sei in ihm in dieser Zeit der Drang gewachsen, etwas zu schaffen, das nicht nur in seinem Kopf existiert. „Ich möchte kreieren, schaffen“, sagt er. Bis zum Abend soll etwas entstehen, das am Morgen noch nicht da war. Das ist sein Credo. Bis heute. Und sicher darüber hinaus.

Nach der Schule reifte der Wunsch weiter. Design, Kunst: Solch ein Studium sollte es sein. Die Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart sollte es sein. Er arbeitete an seiner Mappe für die Bewerbung. Doch er interessierte sich nicht nur fürs Zeichnen, für Comics, für Illustrationen. Er machte Filme. Er fotografierte viel. Sein Interesse galt und gilt der visuellen Kunst überhaupt. „Das ist gut für einen Art director“, sagt Bakara. Er zeichnet ja nicht nur. „Viele wollen als Illustratoren aber genau das tun“, räumt er ein. Und so male man in der Wahrnehmung vieler Menschen den lieben langen Tag nur. Bakara: „Oft muss man sich rechtfertigen.“

„Frage um Rat, aber gehe deinen eigenen Weg.“

Davor Bakara

Er tut’s beharrlich. Und auf seine Art. Mit seiner Kunst. Die ohne Kämpfen und Beharren nicht sein könnte. Das hatte ihn schon der Weg zur Akademie gelehrt. Er hatte sich nur dort beworben. Vor Selbstbewusstsein strotzend. Er hat eben an sich geglaubt. Noch heute sagt er seinen Studenten: „Frage um Rat, aber gehe deinen eigenen Weg.“ Dennoch fiel er durch. Beim ersten Mal. Die zweite Bewerbung klappte. Er studierte bei Heinz Edelmann. Der war Art director des Beatles-Films „Yellow Submarine“, gestaltete für den Klett-Cotta-Verlag den „Herr der Ringe“-Umschlag. Kreativität pur also. Doch bei dem Begriff muss Bakara schlucken. Zumindest bei seiner alltagssprachlichen Verwendung. Für Bakara ist Kreativität nämlich nicht nur eine Floskel: „Kreativ sein heißt, immer neue Wege zu gehen.“ Immer die Augen und Ohren offen. „Immer auf Empfang“, so Bakara. Und: „Kreativ zu sein ist wie atmen.“ Jeder kann’s. Jedes Kind. Bis ihm erklärt wird, dass der Elefant nicht rosa ist. Bis die Excel-Tabellen das Regiment übernehmen.

Offen sein also als weiteres Credo. So ging er auch die Härtling-Sache an, zu der er durch den Kontakt mit Kathrin Burtschell von der Freien Kunstakademie in Nürtingen kam. „Das Werk Peter Härtlings kannte ich nicht so“, gibt er zu. Deshalb musste er zuerst recherchieren. Akribisch. Die Recherche dient dazu, Ideen zu finden. Bei Härtling, aber auch in der Werbung. Ideen finden, und dann diese Ideen visuell umsetzen. In Deutschland werde Illustrieren oft aufs Dekorieren reduziert. Eben das aber ist sein Ding nicht. Die Kunst des Illustrierens als intellektueller Vorgang. Zugang zum Leben des Dichters ermöglichte ihm Detlef Berentzens biografisches Härtling-Lesebuch „Vielleicht ein Narr wie ich“. Notizen machen. Sichten. Einteilen. Mit Tagen Abstand etwas rauspicken. Und dann die Frage: „Lässt es sich visuell umsetzen?“ So wurden aus 20 Stationen die acht, die in der Nürtinger Zeitung erscheinen.

Und so näherte er sich dem Menschen Härtling. Jetzt möchte er ihn persönlich kennenlernen. Denn beim Dichter geht’s immer um Geschichten. Und nun eben um die Geschichte dieses Menschen, der diese Geschichten erzählt. Geschichten erzählen. „Das taten die Menschen schon immer“, sagt Bakara. Zuerst in Bildern. Wohlgemerkt. Dann erst in Buchstaben. In Buchstaben, die aus Bildern entstanden. Wieder wohlgemerkt.

Auch Härtlings Themen faszinieren Bakara. Die Art, wie der Dichter sich um Außenseiter kümmert. Wie er das Fremdsein thematisiert. Geografisch oder emotional. Und irgendwie scheinen sie sich zu ähneln. Zwei Geschichtenerzähler. Der eine mit Worten. Der andere mit Bildern. Beide geben einem Drang nach. Dem Drang, etwas in die Welt bringen zu wollen, zu müssen, zu können. Am Freitag, 6. Dezember, 19 Uhr, in der Glashalle des Nürtinger Rathauses werden die beiden Geschichtenerzähler sich tatsächlich spätestens kennenlernen. Dann spricht Peter Härtling auf dem Podium mit den Menschen, die ihm zum Geburtstag die Reihe „Gelebte Geschichte“ widmeten.

Den siebten Teil von „Gelebte Geschichte“ finden Sie heute auf Seite 25 – und die ganze Reihe im Internet unter www.ntz.de. Mehr zu Davor Bakara im Netz unter www.davorbakara.com