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Weinen ist eine Geheimsprache

17.09.2016, Von Viktoria Spinrad — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Der Mensch weint vor allem, wenn er sich hilflos, überwältigt oder frustriert fühlt

Manchmal überkommt es uns einfach: Wir schluchzen, die Tränen kullern die Wangen herunter – wir weinen. Warum ist das so? Dafür interessieren sich sogar Forscher.

Erklärgrafik: Der Weg der Tränen. Grafik: C. Goldammer

DÜSSELDORF. Heulen, Flennen oder Plärren. Es gibt viele Worte für das Weinen. Wir Menschen tun es zum Beispiel, wenn wir traurig sind. Tiere weinen hingegen nicht. Warum bei uns die Tränen fließen, erforscht der Wissenschaftler Ad Vingerhoets aus den Niederlanden.

Herr Vingerhoets, wann haben Sie das letzte Mal geweint?

Ach, mich berühren die schönen, erhabenen Dinge. Das letzte Mal ist es wieder vor einer Woche passiert. In einer Brauerei. Da kümmern sich Mönche um Menschen, die ganz viel Unterstützung brauchen – so berührend! Schon liefen die Tränen.

Wie wird man denn Tränen-Experte?

Vor 25 Jahren fragte mich jemand auf einer Party: „Ist Weinen eigentlich gesund?“ Ich hatte keine Ahnung. Das hat mich geärgert! Dazu kam noch der berühmte Forscher Darwin. Er meinte vor fast 150 Jahren: Die Tränen beim Weinen aus Traurigkeit haben eigentlich keinen Sinn. Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen und habe losgeforscht!

Und was haben Sie herausgefunden – wann laufen bei uns die Tränen?

Wir weinen vor allem, wenn wir uns hilflos, überwältigt oder frustriert fühlen. Also wenn wir nicht wissen, wie wir mit einer Situation umgehen sollen. Dann sind wir entweder traurig oder wütend. Bei Kindern laufen natürlich die Tränen, wenn sie Papa oder Mama vermissen. Bei den Eltern kullern auch in anderen Situationen die Tränen. Zum Beispiel wenn sie einen Film oder einen Moment besonders schön finden.

Und wie helfen die Tränen in solchen Momenten?

Ich bin der Meinung: Ohne unsere Tränen wären wir Menschen im Vergleich mit Tieren nicht das, was wir sind. Das Besondere an uns Menschen ist: Wir helfen uns gegenseitig und geben unser Wissen weiter. Das geht nur, wenn wir die Gefühle unserer Mitmenschen verstehen. Und wenn jemand weint, wis-sen wir sofort: „Der braucht jetzt meine Hilfe!“

Dann ist Weinen eine Art Hilferuf?

Das Besondere am Weinen ist eigentlich die Wirkung auf andere Menschen. Zum Beispiel in Situationen wie: Ein kleines Kind vermisst seinen Papa – und die Kindergärtnerin umarmt ihn. Die Mama ist ganz gerührt vom Film – und bekommt einen dicken Schmatzer vom Papa. Und das ohne jede Bewegung oder Worte! Weinen ist eine echte Geheimsprache.

Und für den, der weint – ist das nun gesund oder nicht?

Besonders gesund ist Weinen nur manchmal: Zum Beispiel wenn wir lange traurig waren und das nicht zeigen konnten. Dann fühlen wir uns erleichtert und glücklicher. Aber manchmal ist Weinen nicht so gut. Menschen, die ständig sehr traurig sind, fühlen sich nach dem Weinen noch trauriger. Die Reaktion der Mitmenschen ist entscheidend: Wir fühlen uns noch schlechter, wenn andere unsere Tränen nicht ernst nehmen oder uns sogar dafür auslachen. Aber wenn andere uns trösten und unsere Reaktion bestätigen, fühlen wir uns besser. Dann haben die Tränen gewirkt.

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