Paulas Nachrichten

Paula würde für den Salatpokal rennen

07.07.2018, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Hallo, liebe Kinder,

in dieser Woche bin ich zum Andreas gekommen. Im Fernsehen lief wieder einmal Fußball. „Na gut“, habe ich mir gedacht, „es ist ja gerade Weltmeisterschaft.“ Also habe ich gleich meinen Hut mit den deutschen Farben Schwarz, Rot und Gold aufgesetzt.

Aber, ach, die beiden Mannschaften hatten die falschen Sachen an. Die einen waren ganz weiß. Die anderen blau. Das waren natürlich gar keine deutschen Fußballer. Die waren ja schon ausgeschieden. Also habe ich mein kleines rundes Entenköpflein gesenkt und wollte meinen Hut schnell wieder abnehmen. Bevor das irgendjemand sieht.

Da habe ich plötzlich eine ganz sanfte Hand hinten an meinem Köpflein gespürt. Und die hat mir den Hut wieder auf den Kopf geschoben.

„Kopf hoch – und die Mütze auch“, hat eine Stimme ganz lieb und leise zu mir gesagt. Das war natürlich die Stimme vom Andreas. Das hat mich gewundert. Beim Fußball ist er nämlich sonst eigentlich immer ziemlich laut. Ich habe gesagt: „Wieso denn? Unsere Deutschen sind doch rausgeflogen!“

„Ja“, hat der Andreas gemeint, „aber trotzdem bleiben wir doch ihre Fans! Und ein berühmter Trainer hat mal gesagt: ,Das Leben geht weiter‘. Auch nach einer Niederlage.“

„Na ja“, habe ich geantwortet, „das ist ja klar. Wegen Fußball stirbt ja keiner!“

„Genau“, hat der Andreas erklärt, „das meint er ja damit. Es gibt wichtigere Dinge. Man darf beim Verlieren traurig sein. Aber dann geht’s weiter! Und würdest du immer gewinnen wollen?“

„Na ja“, habe ich überlegt, „schlecht wäre es ja nicht . . .“

„Ja, aber stinklangweilig“, hat mich der Andreas unterbrochen. „Und übrigens ist manchmal ein Sieg ein Problem fürs nächste Spiel oder fürs nächste Turnier!“

„Äh“, habe ich gemeint. Denn ich habe das nicht so richtig verstanden. „Wieso soll denn das ein Problem sein? Wenn ich gewinne, freue ich mich. Und dann gehe ich viel lustiger ins nächste Spiel!“

„Ah, siehst du“, hat der Andreas gesagt, „und dann bist du nicht mehr so motiviert!“

„Mo-was? Ich habe doch keinen Motor!“, habe ich gesagt. „Ich watschele von ganz alleine!“

Der Andreas musste lachen. Dann hat er gesagt: „Das hast du zwar nicht ganz richtig verstanden, Paula. Aber auch nicht ganz falsch! Das Wort ,Motivation‘ kommt nämlich vom Römerwort ,movere‘. Das heißt einfach so viel wie ,bewegen‘. Das Wort ,motor‘ kommt auch von dem Römerwort. Du hast natürlich keinen Motor. Du kannst von alleine watscheln. Aber nur wenn du willst. Und diesen Willen nennt man Motivation. Wenn ich zum Beispiel auf den Tisch da drüben einen schönen, grünen, saftigen Salatkopf lege – watschelst du gleich los. Dann ist der Salat sozusagen dein Antrieb, der Grund für deine Bewegung. Also: Er bewegt dich. Er motiviert dich.“

„Ah“, habe ich gemeint, „das habe ich verstanden. Aber was hat das mit den deutschen Fußballern zu tun? Hm, haben die zu wenig Salat bekommen?“

Der Andreas musste wieder lachen. Dann hat er gesagt: „So ähnlich! Ihr Salat war eben der Weltmeister-Pokal! Den sollten sie eigentlich wollen. ,Wollen sollen‘ klingt ja komisch. Aber so ist das schon richtig.“

„Ja, aber warum rennen die dann nicht so schnell nach dem Pokal wie ich nach dem Salat?“, wollte ich wissen.

„Ganz einfach“, hat der Andreas erklärt. „Weil die den Pokal ja schon einmal gewonnen haben. Vor vier Jahren. Stell dir mal vor: Du hast gerade einen ganzen Salat gegessen. Und dann liegt da noch einmal einer.“

„Na ja“, habe ich kleinlaut gesagt, „zwei Salate würden schon gehen . . .“

„Ja, na gut“, hat der Andreas gesagt und gelächelt. „Dann stell dir halt vor: Du hast schon mehrere Salat gegessen. So richtig genug. Und du könntest immer Salat bekommen. Wann immer du willst. Dann watschelst du auch nicht mehr so schnell! So ist das auch mit den Fußballern und allen anderen Dingen auch. Für etwas Bekanntes oder Altes strengt man sich nicht so sehr an. Das steuert das Gehirn einfach so. Ohne dass wir das wirklich wollen. Es überlegt sich, wie viel Kraft und Anstrengung für irgend etwas wirklich nötig ist. Sonst würden wir ja immer alle unsere Kraft geben. Und wären bald richtig platt und fertig. Deshalb gibt man vielleicht lieber mal vorsichtshalber ein bisschen weniger. Und dann klappt das nicht mehr mit dem Gewinnen. Weil die anderen Mannschaften halt auch gut sind und sich viel mehr anstrengen – weil sie den Sieg viel mehr wollen.“

„Ah ja“, habe ich gemeint, „so kann ich mir das vorstellen. Na ja, aber meine Motivation, ein Spiel ohne Deutschland anzugucken, ist halt jetzt auch kleiner.“

„Das kann ich verstehen“, hat der Andreas gemeint. „Dann lass uns doch wetten, wer beim Spiel ohne Deutschland gewinnt. Dann macht uns das auch wieder mehr Spaß.“

Das haben wir gemacht. Und es hat gestimmt mit dem Spaß. Obwohl das blöde Spiel gar nicht so ausging, wie ich gewettet habe. Verlieren gehört halt zum Spiel und zum Sport. Eure Paula

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