Paulas Nachrichten

Paula nimmt Platz auf der Sofa-Tribüne

11.06.2016, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Hallo, liebe Kinder,

gestern war ja echt tolles Wetter. Endlich gab es mal keinen Regen. Und kein Gewitter war weit und breit zu sehen und hören. Deshalb bin ich gleich mal zum Andreas in die Redaktion gewatschelt. Aber sein Schreibtisch war leer. Na ja. Nicht ganz. Es sind eine Menge Papiere darauf herumgelegen. Und ein paar Kugelschreiber. Wie immer. Aber er selber war nicht da. Sein Kollege hat gesagt: „Hallo, Paula, na, suchst du den Andreas? Da musst du dich beeilen und schnell loswatscheln. Der ist nämlich nach Frankreich gefahren!“

„Was?“, habe ich losgeschnattert, „nach Frankreich? Was macht er denn da? Schon wieder Urlaub?“

Sein Kollege hat geantwortet: „Aber Paula, in Frankreich beginnt doch heute die Fußball-Europameisterschaft!“

„Ach so“, habe ich weiter geschnattert, „natürlich! Fußball! In Frankreich! Und da ist er hin? Ohne mir was davon zu sagen? Vielleicht wäre ich ja mal mitgegangen?“

„Ja“, hat der Kollege gesagt, „der ist echt ganz schön frech! Ohne dir etwas zu sagen!“ Dann hat er gelacht und an mir vorbei zur Türe geguckt.

Ich habe mich schnell umgedreht – und da kam dann der Andreas.

Ich habe ihn gleich angeschnattert: „Was machst du denn da? Bist du nicht in Frankreich? Sind unsere Jungs schon ausgeschieden?“

Der Andreas hat mich angeguckt wie ein Auto. Dann hat er einfach nur „Hä?“ gesagt. Dann hat er ein bisschen überlegt und gemeint: „Frankreich? Jungs? Ach so! Die Europameisterschaft! Aber da gehe ich doch gar nicht hin! Ich werde wieder auf meiner ganz privaten Tribüne sitzen. Da habe ich ja schon das letzte Mal den Weltpokal gewonnen. Du warst doch immer dabei! Weißt du das nicht mehr? Und du kannst dich ruhig freuen. Unsere Jungs sind natürlich noch nicht ausgeschieden. Die spielen doch am Sonntag erst zum ersten Mal!“

„Klar kann ich mich erinnern“, habe ich gesagt. Damals haben wir nämlich der Nationalmannschaft ein Bild von mir mit einer ganz alten Postkarte nach Brasilien geschickt. Die hat uns ein Leser gezeigt. Die war von der WM 1954. Da hatten die Deutschen gewonnen. Der Leser hatte dem Trainer geschrieben – und er hatte ihm tatsächlich geantwortet. Und die Karte sollte ihnen Glück bringen. Das hat ja auch gut funktioniert. Denn unsere Jungs sind ja dann glatt Weltmeister geworden. Ich habe mir tatsächlich auch immer die Spiele mit dem Andreas angeguckt. Aber von einer Tribüne weiß ich nichts mehr.

Ich habe zu ihm gesagt: „Was soll denn das mit der Tribüne? Wir waren doch gar nicht im Stadion! Wir haben doch Fernsehen geguckt. Meistens bei dir zu Hause!“

Der Andreas musste lachen. Er hat gesagt: „Genau! Wir haben Fernsehen geguckt! Mit meinem lieben Nachbarn! Von meiner privaten Tribüne aus! Das ist nämlich mein Sofa!“

„Ach so“, habe ich gemeint. Der Andreas hat ein sehr bequemes Sofa. Da liege ich auch sonst gerne herum. Da ist es schön kuschlig. Auch im kalten Winter! Und jetzt im Sommer ist sie eben unsere private Tribüne.

Deshalb habe ich mir etwas überlegt. Dann habe ich zum Andreas gesagt: „Hm, ist dann ,Tribüne‘ vielleicht das Römerwort für ,Sofa‘?“

Der Andreas musste kurz überlegen. Dann hat er gemeint: „Das ist eine sehr gute Überlegung. So ähnlich ist es auch. Pass’ auf, ich erkläre dir das:

Also, die alten Römer wurden in drei Stämme eingeteilt. Die hießen ,tribus‘. Jeder ,tribus‘ hat einen Chef gewählt. Das war dann der ,tribun‘. Und der hat Versammlungen seines Stammes geleitet. Dafür hat er sich auf einen Stuhl gesetzt. Der stand hoch über den anderen Menschen. So konnte ihn jeder sehen. Und jeder wusste: ,Der ist da oben, der ist der Chef.‘ Dem Stuhl hat man ,tribunal‘ genannt. Ja, und aus diesem Wort wurde dann bei uns die Tribüne. Denn die Tribünen in Stadien bieten ja zum Beispiel auch immer erhöhte Sitze.“

„Das ist toll“, habe ich gemeint. „Dann ist ja dein Sofa wirklich unsere Tribüne. Denn wir sind da ja die Chefs. Und wir rufen unseren Jungs von unserer Tribüne aus rüber nach Frankreich: He, ihr müsst gewinnen!“

„Stimmt“, hat der Andreas gesagt. „Dann fehlen nur noch die Klamotten. Ich ziehe mein Trikot an, Paula. Und du kannst dich ganz als Dame von Fußballwelt in feine Farben kleiden.“

Mit diesen Worten hat er mir eine Fahne mit unseren Nationalfarben gegeben. Die habe ich mir gleich mal übergelegt. Ich finde, die Farben stehen mir gut! Oder, liebe Kinder? Eure Paula

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