Paulas Nachrichten

Paula möchte kein Rundauge sein

02.10.2015, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Hallo, liebe Kinder,

in dieser Woche habe ich den Andreas wieder einmal in der Redaktion besucht. Seine Chefin und ihr Mann sind auch gerade gekommen. Der Andreas hat sie begrüßt: „Na, ihr Langnasen, seid ihr auch wieder da?“

Das habe ich nicht so ganz verstanden. Die beiden haben aber gelacht und gemeint: „Ja, wir sind wieder da!“

Ich habe dann später zum Andreas gesagt: „Äh, du, die haben doch gar keine besonders langen Nasen. Warum sagst du denn so etwas zu ihnen? Das klingt ja auch gar nicht nett!“

Er hat mich angeschaut wie ein Auto. Aber nicht lange. Dann hat er lachen müssen. „Ach, Paula, das mit den Langnasen war nur Spaß! Das ist ganz einfach: Die beiden waren in China im Urlaub. Das ist ein riesengroßes Land ganz weit im Osten von Asien. Dort haben die Menschen eher kurze Stupsnasen. An uns Europäern fallen ihnen deshalb am ehesten die Nasen auf. Die sind im Vergleich zu ihren eben lang. Deshalb sagen manche von ihnen auch Langnasen zu uns.“

„Ach so“, habe ich gemeint, „und wir Europäer sagen dann Kurznasen zu ihnen. Oder?“

„Nein, Paula“, hat der Andreas geantwortet, „für uns sind eher ihre schmalen Augen ungewohnt. Deshalb sagen manche Schlitzaugen zu ihnen. Aber das sollte man nicht machen. Das klingt nämlich eher abwertend und ein bisschen böse. Du hast ja auch schon gemeint: Das mit den Langnasen hätte gar nicht nett geklungen. Und stell’ dir vor: Zu dir sagt jemand nicht ,Paula‘ oder ,Zeitungsente‘, sondern einfach nur ,Rundauge‘. Nur weil du runde Augen hast. Aber du bist ja viel mehr als irgendein Rundauge. Du bist doch einmalig. So wie jeder Mensch zum Beispiel auch.“

„Stimmt“, habe ich gemeint. Und dann habe ich den Kollegen vom Andreas gefragt: „Wie war das dann in China? Haben die dann zu euch Langnasen gesagt? Oder waren die nett zu euch?“

„Die waren sogar sehr nett zu uns, Paula“, hat er geantwortet. „Aber Bilder wollten die von uns schon machen!“

„Wie?“, habe ich geschnattert, „ihr schaut euch ihr Land an und die wollen dann von euch Bilder machen?“

„Ja“, hat der Kollege geantwortet, „die wollen dann sogar mit uns auf den Bildern zu sehen sein. Die zeigen sie dann ihren Freunden.“

„Hä?“, habe ich weiter geschnattert. „Aber wenn die euch sehen können, können doch ihre Freunde euch auch sehen!“

„So einfach ist das nicht, Paula“, hat mir der Kollege erklärt. „Stell’ dir mal vor: Es gibt 1,38 Milliarden Chinesen. Damit gibt es ungefähr 17-mal so viele Chinesen als Deutsche. Und ihr Land ist riesengroß. Es gibt auch sehr viele arme Menschen in China. Deshalb verlassen viele niemals ihr Land. Manche machen aber in ihren großen Städten Urlaub. Zum Beispiel in der Hauptstadt Peking. Und dann treffen sie da zum ersten Mal Gäste aus Europa mit der großen Nase. Sonst haben sie die nur im Fernsehen oder so gesehen. Deshalb lassen sie sich mit uns fotografieren. Komm’, ich zeige dir mal ein Bild davon.“

Er hat mir dann am Computer ein Bild gezeigt. Da war seine Frau mit einer Chinesin drauf. Die war hübsch. Aber sie hatte wirklich eine Stupsnase. Die standen auf einem großen Platz.

„Wo war denn das? Ist das der Marktplatz von Peking?“, wollte ich wissen.

„Nein, nein, Paula“, hat der Kollege vom Andreas gesagt. „Das ist der Platz des Himmlischen Friedens. Der liegt direkt vor der Verbotenen Stadt.“

„Was?“, habe ich gemeint. „Verbotene Stadt? Was soll das denn sein? Darf da niemand rein?“

„Das stimmt nicht ganz“, hat mir der Kollege vom Andreas erklärt. „Jetzt kann man sich die Verbotene Stadt angucken. Aber früher durfte da nur der Kaiser mit seiner Familie und seinen wichtigsten Dienern rein. Für die einfachen Menschen war der Zutritt verboten. Deshalb heißt das Gelände Verbotene Stadt. Da gehören beinahe 900 Paläste dazu. Und insgesamt gibt es da drinnen beinahe 9000 Räume.“

„Was? Wieso brauchte der denn so viele Zimmer?“, habe ich geschnattert.

Und der Kollege vom Andreas hat weiter erklärt: „Der Kaiser hatte ja auch nicht nur eine Frau. Der hatte viele, viele Frauen. Deshalb hatte der auch ganz viele Kinder. Zusammen mit den Dienern haben in der Verbotenen Stadt manchmal 3000 Menschen gewohnt.“

Der Andreas musste lachen und hat gemeint: „Naja, mit deinen schönen runden Augen hätte er dich vielleicht als Zeitungsente auch noch in den Palast gelassen.“

„Pah“, habe ich gemeint, „da wohne ich doch lieber in der erlaubten Stadt Nürtingen!“ Eure Paula

Paulas Nachrichten