Paulas Nachrichten

Paula mag den Einheitskuchen lieber

01.10.2016, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Hallo, liebe Kinder,

in dieser Woche bin ich durch die Stadt gewatschelt. Den Andreas habe ich nicht getroffen. Aber dafür sind mir zwei Kollegen von ihm über den Weg gelaufen. Der eine hatte wie immer seinen großen Fotoaapparat dabei. Hm, und der andere . . . das war echt komisch. Der hatte nämlich eine Deutschlandfahne dabei.

Ich habe zu ihm gesagt: „He, was machst du denn mit der Fahne? Ist schon wieder eine Fußball-Meisterschaft? Die von Europa war doch erst. Ist jetzt die von der ganzen Welt wieder?“

Die beiden Kollegen vom Andreas haben gelacht. Dann hat der eine mit der Fahne gesagt: „Nee, nee, Paula. Kein Fußball. Ich schreibe einen Bericht über den Tag der Deutschen Einheit. Der ist doch jetzt dann! Das weißt du doch als schlaue Zeitungsente!“

Ich habe kurz überlegt. Dann habe ich ein bisschen herumgestottert: „Äh, na ja, jajaja, klar, der Tag der deutschen Eins, zwei, drei und so . . . Klar! Äh, also dann macht’s mal gut!“

Ich hatte an den komischen Tag nicht gedacht. Hm, und ich wusste auch gar nichts Genaues mehr über ihn. Aber das wollte ich den beiden nicht verraten. Schließlich will ich ja wirklich eine schlaue Zeitungsente sein.

Deshalb bin ich auch gleich danach zum Andreas gewatschelt. Der saß gerade am Esstisch. Er hatte etwas Seltsames vor sich stehen. Das sah ein bisschen aus wie, na ja, ich weiß auch nicht. Es war in einer kleinen Schale. Irgendwie schwamm etwas Müsli oder so darin. In Milch oder so.

Ich habe das ganz interessiert angeguckt und gemeint: „Äh, du, wann ist das jetzt mit eurem Tag der Ein-, Zwei-, Drei . . . -heit oder so noch mal . . .?“

Der Andreas hat nicht gleich geantwortet. Er hat zuerst ganz ruhig in meine Augen geguckt. Und ich habe ja auf die Schale geguckt. Deshalb hat er dann auch wieder in seine Schale geguckt. Und dann hat er gesagt: „Äh, was? Wie viele Tage lang ich noch meinen Einheitsbrei esse? Also, hör’ mal, liebe Zeitungsente: Das mag ja Brei sein. Aber sicher kein Einheitsbrei. Das sind gesunde Körner. Und die weiche ich in Milch und Yoghurt auf. Denn so werden die ganz besonders gesund. Und da kann man auch noch Früchte in den Yoghurt hineinschmeißen. Hm, oder Kakao in die Milch. Dann schmeckt der jeden Tag anders. Von wegen Einheitsbrei. Frechheit! Dann ist das beinahe ein richtiges Festessen!“

Er klang richtig beleidigt. Das wollte ich aber nicht. Ich hatte doch nur eine Frage gehabt. Also habe ich es noch einmal versucht: „Na ja, ich habe das doch nicht böse gemeint! Sei doch nicht beleidigt! Aber, weißt du, den Tag des deutschen Einheitsbreis feiere ich dann lieber nicht mit . . .“

Jetzt hat mich der Andreas endlich angeguckt wie ein Auto. Dann hat er losgeprustet und losgelacht. Ich hatte schon Angst, dass er ein paar Breistücke in meine Richtung lacht. Aber es ist dann doch nichts passiert. „Ach, Paula, so ist das mit den Missverständnissen! Du hast vom Tag der Deutschen Einheit gesprochen. Dabei hast du in meinen Müslibrei geguckt. Und da habe ich einfach Einheitsbrei verstanden. Ja, und ein Einheitsbrei ist nichts Schönes oder Gutes. Das Wort Einheitsbrei ist eigentlich wie ein Sprichwort gedacht. Damit meint man: Alles ist immer gleich und gar nicht richtig gut.

Aber du wolltest was vom Tag der Deutschen Einheit wissen. Habe ich dir das nicht schon erklärt? Na ja, macht ja nichts. Man kann sich auch nicht immer alles merken. Auch nicht als schlaue Zeitungsente!

Also: Der Tag der Deutschen Einheit wird am kommenden Montag gefeiert. Das ist der 3. Oktober. Früher gab es ja zwei Deutschlands nach dem letzten großen Krieg. Das im Westen hat mehr zu den Amerikanern gehört. Und das im Osten mehr zu den Russen. Das waren die mächtigsten Länder der Welt. Zwischen den beiden Deutschlands stand ein Zaun und im geteilten Berlin sogar eine Mauer. Das wollte aber eigentlich nur die Regierung von dem Deutschland im Osten. Das Volk von dem Land hat sich dann gewehrt. Die Mauer ist umgeschmissen worden. Die Teile von dem Deutschland im Osten haben sich dann mit einem Vertrag dem Deutschland im Westen angeschlossen. Das war am 3. Oktober 1990. Danach war das Land also eine Einheit. Ja, und das feiern wir heute.

Aber weißt du was, Paula? Es geht vielen Menschen in Deutschland so wie dir. Viele können mit dem Tag der Deutschen Einheit nichts anfangen. Und das ist schade. Man sollte das schon noch feiern!“

Ich habe überlegt. Dann habe ich gesagt: „Na ja, vielleicht sollte ich dann doch mit dir einen Einheitsbrei essen . . .“

Der Andreas musste lachen. „Das musst du nicht, liebe Paula! Meine Frau hat einen Kuchen gebacken! Der ist lecker. Wir legen einfach eine Deutschlandfahne als Tischdecke auf den Tisch – und dann bekommst du ein Stück!“

Ich musste auch lachen. Ich habe gesagt: „Super, Einheitskuchen ist auch besser als Einheitsbrei!“ Eure Paula

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