Paulas Nachrichten

Paula entdeckt das Wort „Hä“

04.02.2012, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Hallo, liebe Kinder,

in dieser Woche habe ich mich schon über den Andreas aufgeregt. Ich habe ihn gefragt, ob es ihm so kalt ist wie mir. Er hat einfach „Häääääää“ geantwortet.

Das fand ich frech. „He, das heißt ,Wie bitte?‘“, habe ich ihn angeschnattert. Schließlich sagt man das zu den Kindern auch immer. Also darf er das auch nicht.

Der Andreas hat aber gelacht und gemeint: „Aber, Paula, ich wollte nur deine Frage beantworten.“

„Ja, dann mach das doch auch und sei nicht so ungezogen!“, habe ich weitergeschimpft.

Er hat zu lachen aufgehört. „Ich habe doch deine Frage beantwortet. Und zwar mit ,Ja‘. ,Hä‘ heißt auf Bengalisch nämlich einfach ,ja‘“, hat er gesagt.

Da war mir vieles klar. Ich habe gesagt: „Bengalisch? Ach, dann ist das die Sprache der Bengel! Und die sagen dann ,Hä‘. Bengel sind ja nicht gut erzogen. Dann bist du eben auch ein Bengel!“

„Das kann ja schon sein. Vielleicht bin ich wirklich ein Bengel“, hat der Andreas geantwortet. „Aber das Wort Bengalisch hat mit Bengel nichts zu tun. Bengalisch ist eine Sprache. Die wird in Indien gesprochen. Du weißt doch: Da ist gerade mein Kollege zum Arbeiten. Ich habe ihm von unserem Gespräch geschrieben. Du wolltest doch wissen, ob es in Indien auch Zeitungsenten gibt.“

Was habe ich mich gefreut! Ich habe gleich ganz aufgeregt losgeschnattert: „Und auf diese Frage hat er mit ,Hä‘ geantwortet? Mit Ja? Da gibt es tatsächlich auch Zeitungsenten?“

Der Andreas hat mich ganz ernst angeguckt und gesagt: „Da muss ich dich leider enttäuschen, Paula. Er hat nichts von indischen Zeitungsenten geschrieben. Aber er hat mir eine andere tolle Geschichte erzählt. Er hat mir berichtet, wie er das Wort ,Hä‘ entdeckt hat. Und stell’ dir vor: In der Geschichte kommen sogar Enten vor! Allerdings nur in einer Nebenrolle!“

„Na gut“, habe ich gemeint, „dann erzähl mir halt die Geschichte.“

Und der Andreas hat dann gleich losgelegt: „Also, mein Kollege Jürgen ist in dieser Woche raus aus der großen indischen Stadt gefahren. Er hat ein ganz kleines Dorf besucht. Er wollte sich mal die Schule dort anschauen. Direkt neben der Schule war ein Teich. Da haben indische Entenkumpels von dir rumgeschnattert.“

Ich habe ihn unterbrochen: „Natürlich! Die wollten deinen Kollegen halt begrüßen! Enten sind eben gut erzogen! Auch die Enten in Indien!“

„Bestimmt, Paula“, hat er weitererzählt. „Der Jürgen hat einen Mann begleitet. Auf den haben sich die Schulkinder schon gefreut. Er hat nämlich einen Computer dabeigehabt. Mit dem wollte er ihnen etwas zeigen.“

„Und da freuen die sich? Haben die selber keinen Computer?“, habe ich mich gewundert.

Der Andreas hat den Kopf geschüttelt: „Nein, in den Dörfern hat keine Familie einen Computer. Die sind sehr arm. In ihren Hütten gibt es nicht einmal Strom. Deshalb hat der Mann den Kindern mit seinem tragbaren Computer Bilder von Vögeln gezeigt. Der witzigste war der Specht. Der rennt an den Kokospalmen hoch. An denen hängen die großen Nüsse. Die sind dort übrigens grün und nicht braun.“

„Das ist ja toll! Dann essen die Schulkinder in der Pause bestimmt eine Kokosnuss. Dann haben die armen Kinder etwas, was die reichen Kinder hier nicht haben“, habe ich mir überlegt.

Aber der Andreas hat gemeint: „Mein Kollege Jürgen hat mir etwas anderes erzählt: Die essen die Nüsse nicht, die trinken die leer. Man muss sie oben nur mit einem großen Messer aufhacken und dann kann man sie leer trinken.“

„Das ist schön“, habe ich gemeint, „aber ich bleibe lieber bei meinem Wasser.“

Der Andreas hat gleich geantwortet: „Das ist ein Problem in Indien. Das meiste Wasser dort ist dreckig. Da sind viele Bakterien drin. Du weißt doch: Das sind die sehr, sehr kleinen, gefährlichen Tierchen. Die kann man gar nicht sehen. Aber sie würden die Kinder dann krank machen.“

Der Andreas hat dann weiterberichtet: „Jetzt pass auf, Paula. Jetzt kommt dein ,Hä‘. Der Mann aus der großen Stadt hat die Kinder manchmal was gefragt. So wie man das in einer Schule macht. Und dann haben sie ihm manchmal eben mit ,Hä‘ geantwortet. 380 Kinder waren da zusammen in einem Raum. Und der hatte nicht einmal Fensterscheiben, nur Gitter.“

„Was? Eine Schule mit Gittern? Das ist ja wie im Gefängnis. Die armen Kinder!“

„Na ja“, hat der Andreas weitererzählt, „die haben halt kein Geld für Fensterscheiben. Die gehen auch in richtig große Klassen. 90 bis 100 Kinder sind da in einer Klasse. Das wären bei uns drei oder vier Klassen. Sie gehen aber trotzdem sehr gerne in ihre ganz einfache Schule. Die wollen unbedingt in die Schule gehen. Sie wissen nämlich: Nur wenn sie in die Schule gehen, müssen sie nicht immer arm bleiben. Stell dir vor, Paula: Die machen sogar gerne ihre Hausaufgaben! Und die Kleinen gucken ganz neugierig in die Schule. Die haben dort nämlich keinen Kindergarten und wollen auch gerne in die Schule.“

Dazu hat mir der Andreas ein Bild gezeigt. Das hat sein Kollege von den kleinen Kindern gemacht. Die sind echt süß. Und die Geschichte von seinem Kollegen war auch sehr spannend. Vielleicht erzählt er uns ja noch ein paar schöne Geschichten aus Indien. Und vielleicht machen die Kinder bei uns ihre Hausaufgaben jetzt ein bisschen lieber! Eure Paula

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