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Mit dem kleinen n geht es los!

21.10.2017, Von Silke Fokken — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Eine Frau erfindet Schriftarten

Soll das A Schnörkel haben? Oder lieber nicht? Anita Jürgeleit denkt sich neue Schriftarten aus. Für diesen Beruf braucht sie gute Ideen – und viel Geduld.

Schriftarten-Erfinderin Anita Jürgeleit hat gerade viel mit dem ß zu tun. Foto: Silke Fokken

Manchmal zeichnet Anita Jürgeleit morgens im Büro erst einmal eine halbe Stunde Kringel auf ein Blatt Papier. Das macht sie aber nicht aus Langeweile! Es gehört zu ihrem Beruf. Anita Jürgeleit arbeitet bei einem Unternehmen in Hamburg und erfindet Schriftarten.

„Dafür brauche ich eine lockere Hand“, sagt Anita Jürgeleit. Sie ist Grafikdesignerin und überlegt sich, wie die Buchstaben und Zeichen einer neuen Schrift aussehen sollen: etwa schlicht und einfach oder mit vielen Kringeln und Bögen. Wie mit der Hand geschrieben oder wie am Computer getippt. Auf jeden Fall muss alles gut lesbar sein.

Den Auftrag für eine neue Schriftart erteilen zum Beispiel Firmen, die die neue Schrift für ihr Firmenschild nutzen wollen. „Wenn die Firma zum Beispiel jung und modern wirken will, sollte die Schrift dazu passen“, sagt Anita Jürgeleit. Sie entwirft aber auch neue Schriftarten für Werbung, Flugblätter oder auch Programmhefte.

Der Anfang ihrer Arbeit gefällt Anita Jürgeleit meist am besten: Da entwickelt sie die Ideen für das Aussehen neuer Buchstaben. „Ich fange meist mit dem kleinen n an. Denn daraus lassen sich viele weitere Buchstaben wie das m, h oder i gut ableiten“, sagt sie.

Das kleine n bringt sie zunächst in verschiedenen Varianten auf Papier. „Ich versuche dabei zum Beispiel auch, die Handschriften von anderen Menschen nachzumachen“, sagt sie. „Denn ich selbst habe leider keine schöne Handschrift.“

Meist probiert sie mit Bleistift, Pinsel oder anderen Schreibgeräten auf Papier aus, wie das neue n aussehen könnte. Oder sie entwirft es an einer elektronischen Wandtafel, einem Whiteboard.

Neue Ideen für die Form von Buchstaben kommen ihr andauernd, sobald sie draußen unterwegs ist. „Wenn ich einkaufen gehe, achte ich zum Beispiel automatisch ständig auf die Schriftarten, die ich sehe, etwa auf der Butter- oder der Milchpackung“, erzählt sie.

Schließlich entscheidet Anita Jürgeleit zusammen mit Kollegen und Auftraggebern, wie die neue Schriftart aussehen soll. Dann zeichnet sie in dieser Form sämtliche Buchstaben, Zahlen und sonstige Zeichen.

Anita Jürgeleit findet: Die Mühe lohnt sich! „Manchmal schicken mir Kollegen Fotos aus anderen Ländern, in denen sie meine Schriftart gesehen haben, zum Beispiel in einem Schaufenster in Norwegen“, erzählt sie. „Darüber freue ich mich immer sehr, und es macht mich auch stolz. Ein Werbeschild verschwindet meist schnell wieder, aber eine Schriftart bleibt oft sehr lange erhalten.“

Hunderte Zeichen zeichnen

Wenn Anita Jürgeleit eine Schriftart erfindet, muss sie zuerst überlegen, welche Form die neuen Buchstaben haben sollen. Einige Tage lang probiert sie viele Möglichkeiten aus, zeichnet und malt. Wenn dann endlich feststeht, wie die neue Schrift aussehen soll, beginnt eine extrem aufwendige und technische Arbeit.

Denn: Alle kleinen und großen Buchstaben und auch die Zahlen müssen einheitlich gestaltet sein. Dazu kommen noch Satzzeichen wie Komma oder Fragezeichen. Schließlich soll jeder erkennen, dass sie alle zu dieser einen, neuen Schriftart gehören. Das heißt: Für eine neue Schriftart muss Anita Jürgeleit nicht nur die Buchstaben des deutschen Alphabets zeichnen, sondern viel mehr.

Und wenn es die neue Schriftart auch noch mit asiatischen oder russischen Schriftzeichen geben soll? Dann müssen oft Hundert neue Zeichen entworfen werden.

„Das Erfinden einer neuen Schriftart kann deshalb Wochen, Monate oder sogar Jahre dauern“, sagt Anita Jürgeleit. Das macht in der Regel aber nicht ein Schriftarten-Erfinder allein, sondern mehrere Kollegen arbeiten daran. Außerdem helfen spezielle Computerprogramme.

Das ß neu erfinden

Schriftarten-Erfinder wie Anita Jürgeleit zeichnen gerade immer wieder einen einzigen Buchstaben neu. Es handelt sich um das ß.

Bis vor Kurzem wurde dieser Buchstabe immer nur kleingeschrieben. Fachleute haben aber vor wenigen Monaten entschieden: Es soll ab jetzt auch ein großes Eszett geben. Nun muss dieser neue Großbuchstabe in zahlreichen bestehenden Schriftarten ergänzt werden.

Anita Jürgeleit sieht sich dazu eine Schriftart genau an und zeichnet ein neues, großes Eszett dazu. Und zwar so, dass es genau zur Schriftart passt. Danach kommt das Eszett für die nächste Schriftart dran.

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