Paulas Nachrichten

Leuchtschrift für den Notfall

22.11.2011, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Geheimnisvoll sehen sie aus: uralte Gebäude am Straßenrand. Was mag sich wohl hinter ihren Mauern verbergen? Am liebsten würde man hineingehen und ihr Inneres erkunden. In der Hauptstadt Berlin bietet ein Verein Führungen durch alte Gebäude an. Zum Beispiel durch einen früheren Gasspeicher.

„Bitte den Kopf einziehen!“ Diesen Satz muss Daniel Kapanke heute oft sagen. Denn er führt Besucher durch einen alten Gasometer. Das runde Gebäude steht in der Hauptstadt Berlin und wirkt von außen ziemlich mächtig – aber drinnen kann es bei den niedrigen Decken schon mal eng zugehen.

Früher wurde in dem Gasometer, wie der Name schon ein bisschen verrät, Gas gespeichert. Das brauchte man zum Beispiel für die Straßenlaternen in der Stadt. Später nutzte man den Gasometer als Schutzgebäude für Menschen, also als Bunker. Denn es herrschte Krieg – das ist schon etwa 70 Jahre her.

Den ersten Zwischenstopp legt Daniel Kapanke bei seiner Führung im Sanitätsraum des Bunkers ein: Hier kümmerten sich im Krieg Ärzte und Krankenschwestern um Verwundete. An die Wand sind Pfeile gemalt, die in Richtung Ausgang zeigen. Daniel Kapanke knipst das Licht aus – und die Besucher raunen erstaunt auf: Es ist nicht stockdunkel! Stattdessen leuchten die Decke und die Pfeile in grellem Weiß.

„Das hat man mit Leuchtfarbe nachgestrichen“, erklärt Daniel Kapanke. Wenn der Strom damals ausfiel, konnten die Menschen sich so zurechtfinden. Damit die alte Farbe heute noch leuchtet, muss Daniel Kapanke allerdings ein bisschen mit einem Spezial-Licht nachhelfen.

Anschließend führt er die Gruppe durch einen schmalen Gang. Es riecht modrig. In den kleinen Räumen rechts und links sollten im Krieg eigentlich etwa 6500 Menschen unterkommen. „In Wirklichkeit fanden hier zeitweise bis zu 40 000 Menschen Unterschlupf“, erzählt der Tour-Leiter. Gedränge gab es zum Beispiel oft, wenn man aufs Klo musste. Im ganzen Bunker gab es zwar 450 Toiletten, aber bei den vielen Menschen hieß das trotzdem oft: Schlange stehen und warten.

Am Ende der Führung stehen alle im Keller. Jetzt sollen die Besucher raten, wie sie am schnellsten wieder ans Tageslicht kommen. Gar nicht so leicht: Im Labyrinth des Gasometers mit den sechs Stockwerken und den vielen Räumen haben inzwischen alle die Orientierung verloren. Keiner weiß mehr, wie man rauskommt. Daniel Kapanke schmunzelt und zeigt auf eine Tür: Einfach nur die Treppen rauf.

Die beiden Mitarbeiter von „Berliner Unterwelten e. V.“, Daniel Kapanke (links) und Günter Bausch, im Gasometer in Kreuzberg. Sie führen Besucher durch den Gasometer. Foto: Franziska Langhammer

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