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Interview mit einem Glücksbringer

30.12.2017, Von Insa Kohler — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Viele Leute glauben, dass es Glück bringt, einen Schornsteinfeger zu berühren

Viel Glück im neuen Jahr! Das wünschen sich Menschen häufig zu Silvester. Passend dazu sieht man oft Glückssymbole wie Kleeblätter und Schornsteinfeger. Wir haben mit einem echten Schornsteinfeger über seinen Job und sein Leben als Glücksbringer geredet.

Mit dreckigem Gesicht und dem Besen in der Hand: So steht der Schornsteinfeger in der Vorstellung vieler Menschen auf dem Dach und macht Kamine sauber. Ganz so sieht die Arbeit aber heute nicht mehr aus, verrät Schornsteinfeger Alain Rappsilber.

Bei der Arbeit trägt Alain Rappsilber einen schwarzen Kehranzug aus feuerfestem Stoff. Foto: Insa Kohler

Uns hat er auch erzählt, warum ihn gerade jetzt viele Leute anfassen möchten.

Steht ein Schornsteinfeger tatsächlich auf dem Dach und putzt mit Kugel und Besen die Kamine?

Wir gehen immer noch aufs Dach und schwingen die Kugel wie vor mehreren Hundert Jahren. Wir haben aber auch die modernsten Messgeräte dabei und Kameras, um in die Kamine zu gucken.

Findet man dabei manchmal auch ungewöhnliche Sachen?

Man findet so ziemlich alles. Da fragt man sich manchmal: Wie haben die Leute das hier reingekriegt? Bretter, Stangen, Barbie-Puppen, Geschirr, Besteck, alles Mögliche.

Fegt man den Schornstein immer von oben oder muss man da auch mal von unten reinklettern?

Es gibt ja verschiedene Schornstein-Größen. Die kleinen kann man vom Dach aus mit dem Besen auskehren, aber es gibt auch noch ganz hohe Industrie-Schornsteine. Da muss man dann ganz schön mutig sein und nach oben steigen.

Wie oft ist man als Schornsteinfeger heute noch auf dem Dach?

Nicht mehr so oft. Früher war man fast jeden Tag auf dem Dach. Heute ist die meiste Arbeit im Haus oder im Keller. Wir überprüfen die Heizungsanlagen oder gucken, dass die Kellergänge frei sind von Müll. Das gehört zum Brandschutz. Wir installieren auch Rauchmelder und erklären den Menschen, wie man richtig heizt.

Viele Menschen glauben daran, dass Schornsteinfeger Glück bringen. Woher kommt dieser Glaube?

Spulen wir mal zurück ins 13. und 14. Jahrhundert. Da gab es Lehm, Stroh und Kuhscheiße als Baustoff. Man hatte noch keine Schornsteine und das Dach war aus Stroh. Wenn da ein Funken flog, sind ganze Städte abgebrannt. Dann kamen die Schornsteine. In ihnen verglühen die Funken. Aber sie müssen regelmäßig gereinigt werden. Der Schornsteinfeger hat den Ruß eingesammelt. Immer wenn der Schornsteinfeger da war, hat man gemerkt, hier brennt es nicht mehr so oft und so hatte man Glück.

Man sagt, es bringt Glück, einen Schornsteinfeger anzufassen. Passiert Ihnen das oft?

Also natürlich zu Weihnachten und wenn es beim Lotto viel Geld zu gewinnen gibt. Es sind aber hauptsächlich ältere Leute, die uns Schornsteinfeger anfassen wollen. Jüngere Leute können damit nicht so viel anfangen.

Was bringt denn am meisten Glück? Hand schütteln oder die goldenen Knöpfe reiben?

Es gibt da verschiedene Glücksregeln. Jeder soll es machen, wie er will. Ich habe auch schon Lotto-Scheine angefasst. Ob das was gebracht hat, weiß ich nicht. Aber was ist denn eigentlich Glück? Glück kann auch Gesundheit sein. Ich glaube, dass zu viel Geld die Leute auch nicht glücklich macht. Ich denke, Glück hat man, wenn man eine gute Familie hat: Eltern, die sich kümmern oder viele gute Freunde. Das ist doch viel mehr Glück als der Lotto-Gewinn.

Die Kugel schwingen

Auf dem Dach stehen und eine Kugel schwingen? Das hört sich verrückt an. Aber es gehört zum Job des Schornsteinfegers. Die Kugel, um die es geht, ist Teil des Kehrgeräts.

Das Kehrgerät besteht aus einem runden Besen aus Draht und einer schweren Kugel. Besen und Kugel hängen an einem Seil oder einer Kette. Daran werden sie in den Schornstein gelassen.

Das Gewicht der Kugel zieht den Draht-Besen nach unten. Der Draht-Besen löst Staub, Ruß und andere Verstopfungen im Kamin. Der Schornsteinfeger auf dem Dach hält die Kette fest und zieht dann Kugel und Besen wieder hoch.

Danach geht es wieder runter vom Dach. Zum Schluss müssen noch Ruß und Dreck aus einem Auffangbecken geholt werden. Das befindet sich am unteren Ende des Schornsteins.

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