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Das Mädchen von der Sonneninsel

13.02.2016, Von Silke Katenkamp — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Reyna lernt Spanisch, Englisch, Französisch, Portugiesisch und Aymara in der Schule

Reyna ist 13 Jahre alt und gehört zum Volk der Aymara. Ihr Zuhause ist eine Insel in Bolivien, 4000 Meter hoch, mitten im Titicacasee. Das ist der größte See in Südamerika – und einer der höchstgelegenen der Erde!

Reyna hat zwei Lamas. Beide heißen Lola. Mit ihnen geht sie manchmal auf der Isla del Sol spazieren. Heute ist ihr kleiner Bruder dabei. Foto: Silke Katenkamp

Wer Reyna besucht, kommt ganz schön aus der Puste. Wenn man mit dem Schiff am kleinen Hafen Yumani angelegt hat, muss man Hunderte Stufen hochsteigen, um zu ihrem Haus zu gelangen. Es liegt ganz oben auf der Isla del Sol. Das ist Spanisch und heißt: Insel der Sonne. Sie gehört zum Land Bolivien.

Hier wohnt Reyna mit ihrer Familie: den Eltern Juan und Eusebia, der älteren Schwester und den beiden Brüdern. Dann ist da noch die Familie von ihrem Bruder Diego.

Reynas Familie hat in ihrem Haus Zimmer für Urlauber eingerichtet. Sie lebt vom Tourismus, wie viele andere hier auch. Denn Menschen aus der ganzen Welt kommen, um sich die Sonneninsel anzuschauen.

„Die Insel ist etwas ganz Besonderes“, sagt Reyna. Die Isla del Sol liegt hoch über dem Meeresspiegel, etwa 4000 Meter! Zum Vergleich: Der Gipfel von Deutschlands höchstem Berg, der Zugspitze, liegt nur rund 3000 Meter über dem Meeresspiegel.

Es gibt hier keine Autos

Autos fahren hier nicht. Dafür laufen viele Esel herum. Immer wieder hört man ein lautes „Iah!““ über die Insel schallen. Die Inselbewohner nutzen die Tiere, um schwere Lasten zu transportieren. Reynas Familie bringt mit ihnen zum Beispiel die Koffer und Rucksäcke ihrer Gäste den anstrengenden Weg vom Hafen zum Haus hinauf.

Reyna hilft ihren Eltern häufig bei der Arbeit in der Herberge, zum Beispiel beim Saubermachen. Nach der Schule geht sie außerdem die 400 Meter zum Hafen hinunter. Dort wartet sie auf Urlauber, die sie dann hoch zum Haus führt.

Wenn sie größer ist, will Reyna auch etwas mit Tourismus machen. „Ich möchte Urlauber über die Insel führen und ihnen über die Geschichte erzählen“, sagt die 13-Jährige. „Deswegen ist es wichtig, dass ich später viele Sprachen spreche.“

In der Inselschule lernt Reyna Spanisch, Englisch, Französisch, Portugiesisch und Aymara. Aymara ist die Sprache des Aymara-Volkes. Die meisten Bewohner der Sonneninsel gehören dazu, auch Reyna.

Ein bisschen als Reiseführerin arbeitet Reyna aber auch jetzt schon hin und wieder. Dann zeigt sie zum Beispiel Reisenden, die in der Pension der Eltern übernachten, die Sonneninsel. Auf der gibt es viel zu entdecken. Alte Inka-Ruinen zum Beispiel. Die Inka waren ein Volk, das vor Hunderten von Jahren in Teilen von Südamerika gelebt hat.

An diesem Tag aber geht Reyna mit den Besuchern zu einem Aussichtspunkt in der Nähe ihres Hauses. Auf den Ausflug hat sie ihre beiden Haustiere mitgenommen: zwei braune, flauschige Lamas! „Es sind Mutter und Tochter“, erklärt Reyna. „Beide heißen Lola. Weil sie sich so ähnlich sehen.“

Warme Wollsachen

Lamas und Alpakas spielen bei vielen Aymara eine wichtige Rolle. Aus der weichen Wolle der Tiere wird Garn gesponnen. Damit kann man viele Dinge herstellen, die sich gut an Touristen verkaufen lassen. Auch Reyna strickt häufig: Handschuhe, Mützen und Wadenwärmer. „Die verkaufe ich dann am Aussichtspunkt den Touristen, die frieren.“ Auf der Sonneninsel wird es nämlich häufig ziemlich kalt. Das liegt daran, dass sie so hoch liegt.

An diesem Tag hat Reyna aber nichts zum Verkaufen dabei. Entspannt sitzt sie auf einer Mauer am Aussichtspunkt und schaut über die Insel. Auf den tiefblauen Titicacasee, die schneebedeckten Berge der anderen Seeseite und ihren kleinen Bruder Jonathan. Er lässt einen Drachen steigen, den er selbst gebaut hat.

Ob sie sich vorstellen kann, woanders zu leben? Reyna schüttelt den Kopf. „Ich liebe die Isla del Sol“, sagt sie. „Die Luft hier ist frisch und sauber.“ Dann steht sie auf und rennt mit ihren beiden Lamas den Hügel hinunter, zurück nach Hause.

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