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Das innere Kind tanzt mit

09.01.2017, Von Jürgen Gerrmann — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Licht der Hoffnung: Das Trio Rosenrot hob beim Unterensinger Dreikönigskonzert einen vergessenen Schatz: das deutsche Volkslied

Verhöhnt, verlacht, vergessen – kein allzu glänzendes Schicksal war dem deutschen Volkslied spätestens seit der Generation der 68er beschieden. Das Liedgut der eigenen Heimat zu pflegen, galt als von (vor-)gestern: verpönt, ja geradezu reaktionär. Aber welcher Schatz da in die falsche Ecke gestellt wurde – das spürte man am Freitag beim Unterensinger Dreikönigskonzert.

Sie sind das Trio Rosenrot: Gitarrist Hub Hildenbrand, Sängerin Dana Hoffmann und Schlagzeuger Denis Stilke begeisterten mit ihrer Interpretation deutscher Volkslieder. Fotos: Jüptner

UNTERENSINGEN. Um einen Abend mit dem Trio Rosenrot so richtig genießen zu können, braucht es vor allem eines: ein offenes Herz, befreit von der Last der Vorurteile.

Dann spürt man zum Beispiel schnell, dass das zumeist im Bundeswehr-Singsang heruntergeleierte „Zogen einst fünf wilde Schwäne“ in Wahrheit ein Antikriegslied ist: Von den Schwänen nämlich ist am Ende genauso wenig mehr zu sehen wie von den Birken am Wegesrand – und den fünf jungen Burschen, die stolz und kühn in den Kampf ziehen. Und in Wahrheit sinnlos verheizt werden, sodass die fünf schlanken und schönen Mädchen niemand mehr haben, für den sie den Brautkranz winden könnten. Und der Memelstrand, an dem sie aufwuchsen, ist auch verloren. Wegen eines wahnwitzigen Krieges.

Sehnsucht und Liebe, Eifersucht und Bindungsangst

„Du, du, liegst mir im Herzen“ wiederum verkommt oft zum Schunkelsong zu später Stunde. Von denen, die ihn dann singen, vertieft sich keiner groß in den Text. Sonst würde auffallen, dass sich da in diesen wenigen Zeilen die großen menschlichen Gefühle widerspiegeln: Sehnsucht, Liebe, Eifersucht.

„Zum Tanze da geht ein Mädel“: Jenes bayerische G’stanzl (bei dem die Berliner Göre Dana Hoffmann mit einem astreinen Jodler brilliert) entlarvt die Bindungsangst der Männer (wirklich nur der Männer?) von heute.

„Es saß ein klein wild Vögelein“ wird in der Interpretation des Trios Rosenrot zu weit mehr als einem harmlosen Kinderlied. „Und niemand kann mich zwingen“ heißt es da. „Drückt mich der Reif, der Reif so kalt, Frau Sonn’ wird mich erquicken!“: Zeilen wie diese sind es, an denen sich Tyrannen die Zähne ausbeißen. Da können sie nichts machen. Denn es geht ja nur um ein klein wild Vögelein. Und nicht um die unterdrückten Untertanen.

„Weißt du, wie viel Sternlein stehen?“: In Wahrheit ist das nicht nur ein Gute-Nacht-Lied, sondern weit weit mehr: ein Manifest der Wichtigkeit eines jeden Menschen: „Gott im Himmel hat an allen seine Lust, sein Wohlgefallen, kennt auch dich und hat dich lieb.“ Gekannt und erkannt in dem, was einen ausmacht, Grund zur Freude zu sein, geliebt zu werden – das ist eine Ur-Sehnsucht. Und daher tut die Botschaft dieses Liedes ganz sicher nicht nur Kindern gut.

Bei „Brüderchen, komm tanz mit mir!“ laufen Hub Hildenbrand, der begnadete Gitarrist, der die Arrangements für dieses wahrlich außergewöhnliche Programm geschrieben hat, und der Top-Schlagzeuger Denis Stilke zur Hochform auf, und die Stimme von Dana Hoffmann wird zum nachgerade choreografischen Instrument – sie rührt sich nicht von ihrem Stuhl, aber so, wie sie singt, sieht man im Geiste Hänsel und Gretel fröhlich durchs Udeon tollen.

Dass man kaum noch stillzusitzen vermag, liegt aber auch am furiosen Feuerwerk von Drummer Stilke und von Hildenbrand, der seine Gitarre auch als Trommel einsetzt. Unverkennbar die Stilelemente aus Türkei, Indien und Afrika, in die sich die beiden vertieft haben. Ein Volkslied ist eben etwas anderes als ein völkisches Lied: Es verbindet, statt zu isolieren. Es tänzelt leichten Fußes daher, statt im Knobelbecher einzumarschieren.

Und beim Trio Rosenrot, da tanzt auch das innere Kind mit. Man fühlt plötzlich gerade körperlich, was in einem schlummert und wachgeküsst werden möchte. Und sich auch wachküssen lässt, wenn man ihm nur die Chance dazu gibt – man spürt förmlich die Hand der Mutter an und in der eigenen. Dann lebt all die Unbekümmertheit, all das Urvertrauen, die einem in der Kindheit geschenkt waren, unversehens und unverhofft wieder auf. Genau: „So treiben wir den Winter aus“ . Den Winter im Herzen.

Dana Hoffmann ist eine Sängerin, die es (unterstützt von zwei großartigen Musikern) schafft, aus all diesen Liedern das herauszuholen, was wirklich in ihnen steckt.

Viele von denen hat man schon oft gesungen, aber selten gehört. Und fast nie verstanden. Und insofern war dieses Dreikönigskonzert auch ein Abend der Verwandlung. An dem sich nicht nur die Einstellung zu einem verkannten Liedergenre verändern konnte. Sondern auch die zu einem selbst.