Nürtingen

Akteure und Publikum haben viel Spaß

13.11.2017, Von Lutz Selle — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Licht der Hoffnung: Die Vokalartisten des Opernensembles „The Cast“ sorgen für eine fulminante Auftaktveranstaltung

Dieser Auftakt hat schon einmal richtig Spaß und Lust auf mehr gemacht. Mit dem Programmtitel „Oper macht Spaß“ haben die sechs jungen Vokalartisten der Gruppe „The Cast“ nebst Pianist am Samstagabend in der Gemeindehalle in Oberboihingen vor 220 Zuschauern die sechsteilige Veranstaltungsreihe der Weihnachtsaktion „Licht der Hoffnung“ unserer Zeitung eröffnet.

Das komplette „The Cast“-Ensemble in Aktion: (von links) Pianist Li Chen, Till Bleckwedel, Bryn Vertesi, Guillermo Valdes, Carrie-Anne Winter, Anne Byrne und Campbell Vertesi. Fotos: Holzwarth

NÜRTINGEN/OBERBOIHINGEN. Operngesang ist bekanntlich nicht jedermanns Sache. Aber die Mischung von klassischen Opernstücken mit modernen Elementen sowie sehr viel Humor auf der Bühne kam schon nach den ersten Tönen super beim Publikum in Oberboihingen an – bei den jüngeren genauso wie bei den Zuschauern gehobeneren Alters.

Mit Fortuna im Bunde: Gerda Koßler (Zweite von links) hat für ihre Freundin Margit Hess den Gutschein für drei Übernachtungen im Hotel Sonne in Bad Hindelang aus den Händen von Redaktionsleiterin Anneliese Lieb (ganz links) entgegengenommen. Mit auf dem Foto sind „Glücksfee“ Bryn Vertesi vom Vokalensemble „The Cast“, die Ehefrau des Volksbank-Vorstandes Martin Winkler und Lutz Selle, der Nachfolger von Jürgen Gerrmann als Redakteur der Nürtinger Zeitung.

Dass Elemente von Oper und Popmusik gut zusammenpassen können, das hat schon im Jahr 1975 die britische Rockgruppe Queen bewiesen. Ihr von dem Album „A Night At The Opera“ stammender Song „Bohemian Rhapsody“ landet heute noch jedes Jahr unter den Top drei der SWR1-Hitparade. Wie die Rockmusiker von Queen verzichten auch die Musiker von „The Cast“ ausdrücklich auf einen steifen, formellen Rahmen, den klassische Musik häufig umgibt. Die Sänger treten bewusst in Jeans und TShirts sowie mit bunt gefärbten Haaren auf die Bühne. Die entspannte und ungezwungene Grundhaltung kommt auch bei den Zuschauern gut an.

Anne Byrne räkelt sich in der Carmen-Rolle singend auf dem Steinway-Flügel vor Pianist Li Chen.

„Jeder weiß, dass ein klassisches Konzert nicht ohne strenge Regeln auskommt“, erklärte Till Bleckwedel, Bariton und einziger gebürtiger Deutscher von The Cast, in seinen einleitenden Worten zu Beginn des Konzerts. „Auch wir haben strenge Regeln.“ Fotos und Videos seien jederzeit erlaubt, ebenso wie spontanes Klatschen, Mitsingen und „durch die Gegend tanzen“. Abgesehen vom Tanzen machen die Zuschauer bei der folgenden rund zweistündigen Show von dem Angebot auch gerne Gebrauch. Für die stets gelungenen besonders hohen oder besonders tiefen Töne der jungen internationalen Künstlergruppe gibt es mehrmals spontane Begeisterungsstürme. Nicht selten brachen die Musiker daraufhin den Gesang kurz ab, um dann direkt wieder an der richtigen Stelle einzusetzen.

Die jeweils drei Sängerinnen und Sänger hatten auch alle ihre Soloauftritte, wobei sie den Erfolg ihrer gesanglichen Ausbildung mit geschulten Opernstimmen unter Beweis stellten. Niemand benötigte beim Singen ein Mikrofon. Auch nicht Bariton Till Bleckwedel, der zu Beginn die Zuschauer gleich einmal bat, sich vorzustellen, er sei eine hübsche Sopranistin, um dann in den höchsten Tönen loszuschmettern. Bei geschlossenen Augen wäre die Illusion nicht schwer gefallen.

Noch mehr Beifall erhielt Carrie-Anne Winter, die mit rot gefärbten Haaren und modischem Kurzhaarschnitt auftrat, für ihren Koloratursopran bei Verdis „Sempre libera“ aus der Oper „La Traviata“. Für einen Überraschungseffekt sorgte Guillermo Valdes, der von der Empore am anderen Ende der Gemeindehalle zurücksang und die gute Akustik der Oberboihinger Gemeindehalle zeigte. Der aus Chile stammende Tenor tauchte während des Konzertes auch immer einmal wieder in einer Seitentür und wenig später im Hintergrund der Bühne singend auf.

Wenig später stellte sich mit deutlichem englischen Akzent die Mezzosopranistin Anne Byrne vor und bekannte: „Ich liebe die deutsche Sprache. Aber ich weiß nicht, ob die deutsche Sprache mich liebt.“ Es würde einfach zu viele Wörter für das englische „the“ geben. „Der, die, das, Akkusativ, Dativ and the other one.“ Sie schlug vor, zu allem einfach nur noch „de“ zu sagen. „De Buch, de Wein, de Aufenthaltstitelgenehmigung.“ Dann sagte Anne Byrne „de nächste Stück“ an: Mozarts Duett „La ci darem“ aus „Don Giovanni“. Till Bleckwedel und Bass Campbell Vertesi machen daraus einen witzigen gesanglichen Wettstreit um die Braut, bei dem sie von beiden Seiten an Anne Byrne ziehen, sich später Kopf an Kopf böse angiften, um sich nach dem Schlusston wieder in die Arme zu fallen.

Anne Byrne sorgt wenig später erneut für Gelächter im Publikum. Zunächst räumte sie ein, aus Upstate New York zu stammen. Dort gebe es nur Traktoren und Bauernhöfe. Upstate New York stehe im Kontrast zu New York City mit seinen Wolkenkratzern. „Das ist wie Stuttgart und Pforzheim.“ Schnell schob die Amerikanerin unsicher hinterher: „Kommt hier jemand aus Pforzheim?“ Dort stehe immerhin der schönste Bauernhof, den sie in ihrem Leben bisher gesehen habe.

Dann hatte die Mezzosopranistin aus der Opernband, die sich auch selbst gerne auf den Arm nimmt, einen weiteren ulkigen Auftritt. In der Rolle der „Carmen“ aus Bizets Oper kletterte sie mit großer Mühe und auf sehr ungeschickte Art auf den Steinway-Flügel des Pianisten Li Chen und sammelte damit beim Publikum weitere Sympathiepunkte und einen Sonderapplaus. Der Pianist hatte einen Fächer für die Sängerin parat und erklärte, auf sich zeigend: „Beides made in China.“

Der chilenische Tenor zerreißt alles andere als zufällig sein T-Shirt

Beim nächsten Stück stand die blonde Bryn Vertesi, ehemalige Miss Indiana und unter den Top Ten bei der Miss-America-Wahl, im Mittelpunkt. Sie hatte die Formation The Cast im Jahr 2012 zusammen mit ihrem aus Kanada stammenden Ehemann Campbell Vertesi in Köln gegründet. Zusammen mit Carrie-Anne Winter und Anne Byrne sang sie eine kokette Version von Franz Léhars Lied „Meine Lippen, sie küssen so heiß“.

„Nessun dorma“ von Puccini, „Brindisi“ aus Verdis „La Traviata“ und Campbell Vertesis tiefe Bassversion von „Ol’ Man River“ sind weitere Höhepunkte eines kurzweiligen und sehr unterhaltsamen Konzertabends, zu dem es als Zugabe noch „O Sole Mio“ gibt.

Kurz zuvor hatten die drei Männer des Ensembles noch eine Freiwillige aus dem Publikum gesucht, die sie auf der Bühne anschmachten konnten und suchten sich Senner-Verlegerin Monika Krichenbauer aus. Sie sangen ihr zu Ehren mit amüsanten Boygroup-Choreografien „Dein ist mein ganzes Herz“ aus Franz Léhars Operette „Das Land des Lächelns“. Und der chilenische Tenor Guillermo Valdes zerriss dabei – alles andere als zufällig – sein T-Shirt, um den Blick auf seinen Oberkörper frei zu machen.

Die 220 Zuschauer in der Gemeindehalle waren nach bester Unterhaltung allesamt restlos begeistert von dem Konzert des Ensembles, das Jürgen Gerrmann, der vor 27 Jahren die Aktion „Licht der Hoffnung“ ins Leben gerufen hatte, noch engagiert hatte, ehe er im vergangenen Sommer in den verdienten Ruhestand gegangen ist. Noch begeisterter dürfte nur eine Person sein, die das Konzert am Samstagabend verpasst hat: Margit Hess. Ihr Name wurde in der Pause von der Glücksfee Bryn Vertesi aus der Lostrommel gezogen, in der sich die Namen aller Käufer von Abos für alle sechs Veranstaltungsabende der Reihe „Licht der Hoffnung“ befanden. Ihren Preis – ein Gutschein für zwei Personen für drei Übernachtungen im Romantik-Hotel Sonne in Bad Hindelang – nahm ihre Freundin Gerda Koßler entgegen.

Den gelungenen Veranstaltungsauftakt ermöglicht hatte einmal mehr die Volksbank Kirchheim-Nürtingen mit einer Spende von 2000 Euro. Dafür bedankte sich auch Anneliese Lieb, Redaktionsleiterin der Nürtinger/Wendlinger Zeitung, in ihrer Begrüßungsansprache in Oberboihingen. Insgesamt seien in den bisher 27 Jahren der Aktion „Licht der Hoffnung“ rund 2,5 Millionen Euro an Spenden zusammengekommen, mit denen bisher 150 soziale Projekte bedacht werden konnten. In dieser Saison werden wieder sechs Projekte von Vereinen und Gruppierungen aus dem Verbreitungsgebiet der Zeitung unterstützt.

Die nächsten Veranstaltungen im Rahmen der Weihnachtsaktion „Licht der Hoffnung“ sind: Am Sonntag, 26. November, 18 Uhr, in der Festhalle Beuren „Kleinkunst im Doppelpack“ mit Stefan Waghubinger und Uta Köbernick; am Sonntag, 10. Dezember, 18 Uhr, in der Rudolf-Steiner-Schule in Nürtingen „Whisky and Music“ mit Tenor Andreas Winkler; am Montag, 18. Dezember, 20 Uhr, im Treffpunkt Stadtmitte Wendlingen „Weihnachten mit Berta Epple“.

Alle Veranstaltungen und Projekte finden Sie auf unserer Übersichtsseite zu Licht der Hoffnung.

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