Von Standesamt und Kirche

Pfarrerin Mattausch, was ist eigentlich Liebe?
Birgit Mattausch: Ach du liebe Güte! Spontan sag ich das warme Gefühl, das man anderen Menschen oder auch der Welt gegenüber hat und das andere einem entgegenbringen. Die Bibel sagt: „Gott ist die Liebe.“ Für mich heißt das, dass in menschlicher Liebe immer auch etwas Göttliches aufleuchtet.

Und deshalb hat dieses zutiefst menschliche Gefühl etwas mit Gott und der Kirche zu tun?
Birgit Mattausch: Ja, Liebe hat immer auch ein göttliches Element. Für die Liebe braucht man Gott, weil wir Menschen begrenzt sind und weil unsere Liebesfähigkeit begrenzt ist und von außen Bestärkung braucht. Das geschieht in der kirchlichen Trauung. Liebe ist größer als ich und die Gefühle, die ich habe.
Und in der kirchlichen Trauung setzte ich mich mit diesem Größeren in Zusammenhang, um die menschliche Liebe zu stärken. Dafür ist Kirche auch da.

Frau Seus, bei einer Hochzeit möchten Braut und Bräutigam glücklich und schön sein. Was ist für Sie Schönheit?
Saja Seus: Schön ist für mich eine Situation, wenn sie echt ist. Ich mache nicht immer Bilder, die klassisch schön sind. Die Paare halten nicht ständig Händchen oder strahlen in die Kamera. Oft sind sie auch einfach bei sich und man spürt ihre Liebe zueinander. Die schönsten Bilder mache ich mit Paaren, die locker sind und ihre Hochzeit nehmen, wie sie kommt, welche eine Situation
sehen, wie sie ist. Die keine Panik bekommen, wenn es regnet oder wenn die Oma nicht perfekt in die Kamera schaut. Schönheit ist demnach auch Authentizität.

Pfarrerin Mattausch, wann gelingt aus Ihrer Sicht ein schöner Gottesdienst?
Birgit Mattausch: Wenn ich den Eindruck habe, dass die Menschen von dem berührt sind, was passiert. Wenn die Gäste den Gottesdienst nicht nur absitzen, nicht nur Publikum sind. Der Moment, in dem ich das Paar segne, ist mir am allerwichtigsten. Wenn ich spüre, dass da etwas fließt, eine göttliche Energie und Kraft, die die Menschen berührt. Das ist das, was eine kirchliche Trauung auch von einer standesamtlichen unterscheidet.

Saja Seus, warum ist Fotografie bei einer Trauung wichtig – welche Bedeutung haben Bilder?
Saja Seus: Fotos können Erinnerungen hervorrufen und auch unterstützen.
Das kann Kraft geben, aber auch Kummer bereiten. Bilder sind wie ein Spiegel der Person, welche sie interpretiert. Positives wie Negatives ist möglich. Da sind wir dann wieder bei der Authentizität und der Schönheit. Fotografien sind also nicht nur – wie oft vermutet – die bloße Abbildung der Realität, sie haben eine große emotionale Macht und für mich als Fotografin deshalb auch eine große Bedeutung.

Frau Mattausch, spüren Sie den Druck der Paare, einen perfekten Tag inszenieren zu müssen?
Birgit Mattausch: Ich empfinde schon, dass auf den Paaren ein großer
Druck lastet, dass es super sein muss. Manche rufen 1000-mal an und schicken noch sieben Mails und würden sich am liebsten viermal mit mir treffen, damit auch alles ganz toll ist. Ich versuche sehr, auf die Wünsche einzugehen und zu spüren, was hinter den Wünschen steckt. Bei den meisten ist es schon der Wunsch, etwas Gutes für die Beziehung zugesprochen zu bekommen. Der Wunsch, das eigene Leben in einen großen Zusammenhang zu stellen, gesegnet zu werden. Schön finde ich es, wenn die Leute sich selbst beteiligen am Gottesdienst durch Musik oder einen Text.
Saja Seus: Ich habe zum Teil ähnliche, aber auch andere Erfahrungen gemacht. Es kommt auf das Paar drauf an. Es gibt authentische Paare, die machen sich keinen Druck, und es gibt Paare, die sind sich unsicher. Tatsächlich kommt es oft vor, dass ich auch als Begleiterin und nicht nur als Fotografin das Brautpaar unterstütze und Sicherheit gebe – auch wenn es dabei um die banalen, medienorientierten Fragen geht wie zum Beispiel: „Auf welcher Seite sitzt denn die Braut in der Kirche?“

Und kommt man als Pfarrerin in Konflikt mit den Fotografen?
Birgit Mattausch: Es ist immer die Frage, was geht, was geht nicht. Für mich persönlich – aber das entscheiden alle Kollegen und Kolleginnen für sich mit dem Leitungsgremium, dem Kirchengemeinderat – für mich ist es okay, wenn eine Fotografin fotografiert. Aber nicht jeder mit seinem Handy! Am idealsten ist es, wenn man sich vorher abspricht. Wenn die Fotografin 15 Minuten vor dem Gottesdienst kommt, dann kann ich mit ihr den Ablauf durchsprechen.
Was nicht geht, ist, dass eine auf die Kanzel steigt oder einfach die Osterkerze im Altarraum wegträgt, weil da die Kamera hin muss – hatte ich alles schon.

Und wie ist das bei der Segnung, fotografieren oder nicht?
(beide seufzen) Saja Seus: Segen fotografiere ich nicht. Dennoch ist es als Dienstleisterin immer mit Unbehagen verbunden, an einer Hochzeit falsch zu liefern oder nicht liefern zu können, was die Brautpaare möchten. Da ist Druck dahinter. Es gibt ja auch den wirtschaftlichen Aspekt. Aufgrund dieses Drucks passiert es oft, dass der Respekt vor der kirchlichen Trauung bei Fotografen verloren geht und das resultiert dann in den schlechten Erfahrungen der Pfarrer.
Birgit Mattausch: Ich finde, diesen dichten Moment kann man nicht fotografieren. Es lenkt einfach ab. Die Menschen müssen in dem Moment innerlich ganz da sein und sollen sich nicht überlegen „Oh, sitzt jetzt meine Frisur auch gut, damit ich nachher schön aussehe?“ – Und das denken die meisten einfach beim Fotografieren.

Saja Seus, Sie haben viele Hochzeiten als Fotografin erlebt. Welchen Tipp haben Sie für die Paare?
Saja Seus: Etwas, das ich immer sage, ist: Ich kann nicht unsichtbar sein, aber die Paare sollen trotzdem sie selbst sein dürfen. Sie sollen nicht auf mich achten. Ich bin Beiwerk an dem Tag und halte mich auch im Hintergrund. Vor allem auch während der Trauung. Sie sollen den Tag genießen, sich Zeit lassen, nicht durch den Tag hetzen.
Birgit Mattausch: Manchmal ist es komisch: Im Traugespräch sehen sie aus wie ganz normale Frauen und in der Kirche erkenne ich sie kaum wieder. Der sogenannte schönste Tag im Leben, und sie sind wie nicht dabei, weil sie nicht aussehen, wie sie selbst. Aber vielleicht versteh ich das auch nur nicht, weil ich noch nie geheiratet habe. Die Tatsache, dass man in die Kirche geht, ist doch das Eingeständnis: Ich kann es nicht alleine. Ich möchte etwas – ich nenne es Segen, andere göttliche Kraft oder Glück – das kann ich nicht selber machen, nicht im Laden bestellen, die Friseurin kann es mir nicht in die Haare kleben.
Wenn wir in die Kirche gehen, heißt das auch: wir sind nicht perfekt und wir müssen es nicht sein. Wir sollen einfach nur Menschen sein.

Für immer und ewig – und ganz privat
Wie sie sich ihre Zukunft als Paar vorstellten, wussten die beiden genau:
Sie wollten einander vertrauen, den anderen respektieren und lieben.
Und sie wollten sich gegenseitig darauf verlassen, aus freien Stücken zusammen zu sein. Deshalb war auch früh klar, was nicht infrage kommt: eine standesamtliche oder kirchliche Trauung. Für Paare gibt es viele Gründe, auf eine kirchliche oder standesamtliche Hochzeit zu verzichten.
„Eine freie Trauung gibt ihnen die Möglichkeit, ganz individuell ihre Gefühle füreinander vor ihrer Familie und ihren Freunden auszudrücken“, sagt Friederike John, Hochzeitsplanerin in Germering in Bayern. Wie die Zeremonie genau aussehen soll, bleibt jedem Paar selbst überlassen. Ein Versprechen ohne rechtliche Grundlage könne für das Paar genauso verbindlich sein wie eine Heiratsurkunde: „Man verspricht nur dem anderen etwas, das ist sehr persönlich und intim“, sagt Dirk Wisny, Diplom-Psychologe im brandenburgischen Hohen Neuendorf. Dieser Moment könne sich echter anfühlen als eine standardisierte Heiratszeremonie. Entscheiden sich Paare für ein privates Versprechen, sollten sie vorab ein paar Sachen bedenken: „Dazu gehört zum Beispiel: Wie präsentieren wir das nach außen?“, sagt Wisny. Symbole seien in diesem Zusammenhang sehr wichtig, etwa ein Ring. Hier gebe es zwischen Paarversprechen und Heirat keinen Unterschied: „Ein Ring erinnert mich daran, dass da noch jemand ist.“Das könne Paaren zum Beispiel in einem Moment der Krise Kraft geben. Egal, auf welche Art ein Paar sich etwas verspricht, wichtig ist seine Einstellung dazu: „Wir bleiben so lange zusammen, wie wir zusammenbleiben wollen“, hält Werner Gross für die beste Haltung. Er arbeitet als Diplom-Psychologe im Psychologischen Forum Offenbach.

Gründe fürs Standesamt
Oft seien aber rationale Gründe für eine standesamtliche Heirat ausschlaggebend, etwa der Wunsch, finanziell abgesichert zu sein, oder im Krankenhaus Auskunft zu bekommen, wenn der andere krank ist. Auch Unterhaltsverpflichtungen gegenüber dem Partner und den Kindern, erbrechtliche Ansprüche, Rentenansprüche sowie steuerrechtliche Vorteile sind für viele wichtige Gründe für eine Ehe vor dem Standesamt. Bei einem Paarversprechen gelten diese Regelungen allesamt nicht. Für den Alltag mache es häufig keinen Unterschied, ob Paare verheiratet seien oder nicht. „Es gibt aber eine Tendenz, dass Paare, die sich etwas versprochen haben, besser schwierige Zeiten durchstehen“, erklärt Gross. Das liege aber nicht am Jawort an sich, sondern an der Tatsache, dass Verheiratete häufiger eine Immobilie besitzen oder Kinder haben als Unverheiratete. Um auch als unverheiratetes Paar ohne gemeinsamen Besitz ein starkes Band zu knüpfen, ist es für viele wichtig, ein Versprechen ähnlich dem Jawort zu formulieren: Es sei gut, das Versprechen schriftlich festzuhalten, sagt der Psychologe. In schwierigen Momenten könne es guttun, noch einmal nachzulesen, warum man sich für den anderen entschieden hat.
dpa