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Als Mädchen für alles am Ende der Welt

30.12.2017, Von Horst Jenne — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Nicole Kasprzak aus Wendlingen hat sich in Chile verliebt – Die 18-Jährige arbeitet als Kinderfrau, Küchenhilfe und Bedienung

Etliche ihrer Altersgenossinnen haben einen festen Freund. Auch Nicole Kasprzak hat sich verliebt. Aber nicht in einen jungen Mann. Die 18-Jährige aus Wendlingen ist Feuer und Flamme für Chile. Sie war ein Vierteljahr in dem südamerikanischen Staat und kehrte ganz begeistert von Land und Leuten zurück.

Eine Fahrt im Ochsenkarren: Nicole Kasprzak aus Wendlingen bei einem Ausflug zu den Mapuche. Foto: privat

WENDLINGEN. „Diese drei Monate sind für mich ein einmaliges Erlebnis und eine wichtige Lebenserfahrung gewesen“, freut sich Nicole Kasprzak über die unvergessliche Zeit fern der Heimat. Sie arbeitete als Mädchen für alles am Ende der Welt. Nämlich als Kinderfrau, Küchenhilfe, Bedienung und Handwerkerin. Lauter Tätigkeiten, von denen sie bisher nicht den leisesten Schimmer hatte.

Warum nach Chile? Und dann noch ausgerechnet in ein Kuhnest, 780 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago gelegen? Nach dem erfolgreich abgeschlossenen Abitur wollte sie weit weg. In ein Land, in dem Spanisch gesprochen wird. Diese Sprache hatte sie am Wendlinger Robert-Bosch-Gymnasium gelernt. Auf einer Touristik-Messe lernte die 18-Jährige die Organisation „Chileventura“ kennen. Diese bietet Work-and-Travel-Reisen an. Der Reisespezialist stellte den Kontakt nach Puerto Saavedra her, einem 14 000-Seelen-Ort am Pazifischen Ozean in der Region Araucania. Als Ansprechpartner dort wurde ihr ein Ehepaar mit drei Kindern genannt. Nicole Kasprzak sagte zu und wischte auch die Bedenken ihrer Eltern, die sich Sorgen gemacht hatten, vom Tisch. Voller Euphorie, Erwartung und Tatendrang packte die junge Schwäbin ihren Koffer und machte sich auf die lange Reise.

Von der Gastfamilie mit offenen Armen empfangen

Gleich die erste Begegnung in Chile wurde zu einem besonderen Ereignis. Nach drei Flügen stand noch eine Busfahrt bevor. Sie wartete an einer Haltestelle – vergeblich. Es war dunkel, mit zehn Grad ungewöhnlich kalt für Chile und es regnete in Strömen. „Da hat mich schon ein bisschen die Verzweiflung gepackt.“ Plötzlich tauchte wie aus heiterem Himmel eine alte Frau auf. Sie sprach Nicole Kasprzak sofort an und erklärte sich bereit, sie bis zum Ziel zu begleiten. Das Vehikel würde demnächst eintreffen. „Diese Hilfsbereitschaft habe ich während meines Aufenthaltes immer wieder erlebt. Auch die Liebenswürdigkeit und Gastfreundlichkeit der Leute haben mich beeindruckt. Ich war öfter zu Geburtstagen eingeladen“, meint die Wendlingerin, die von ihrer Gastfamilie mit offenen Armen empfangen wurde.

Zu Carolina, Marcelo und den drei Kindern entwickelte sich im Laufe der Zeit ein herzliches Verhältnis. Weniger angetan war sie anfangs von ihrer einfachen Unterkunft. Keine Heizung. Nur kaltes Wasser im Bad. Durch die löchrige Bretterwand in ihrem Zimmer pfiff der Wind. Wenigstens war das Wellblechdach dicht. Beschwert hat sie sich nicht. „Man kann sich an alles gewöhnen, wenn man nicht unsere Maßstäbe anlegt“, so die 18-Jährige.

Nicole wurde nicht mit ihrem Vornamen angeredet, sondern alle riefen sie nur „Gringa“. Die „Ausländerin“ fiel vor allem durch ihre blonden langen Haare auf und wurde deswegen ständig angesprochen. Aber blöde Bemerkungen oder plumpe Anmache erlebte sie nie. Auch nicht im Restaurant oder in der Bar, wo sie abends bediente.

Eigentlich wollte Nicole Kasprzak im Touristik-Unternehmen von Marcelo mithelfen. Doch die Saison für Wanderungen, Rundfahrten und Kajaktouren beginnt erst im chilenischen Sommer. Dann pilgern viele Reiselustige zum Beispiel an den Lago Budi, einen großen Salzsee. Weil dies alles noch nicht stattfand, strich sie das Haus komplett von außen. Außerdem bastelte sie Schilder sowie Garderoben und schraubte Regale an. Diese handwerklichen Arbeiten hätten erstaunlich gut geklappt, ist sie von sich selber überrascht. Nachmittags passte sie auf den elfjährigen Jungen und die beiden Mädchen im Alter von drei und sieben Jahren auf. Spielen und Malen standen oft auf dem Programm. „Besonders mit der Kleinen hatte ich ein prima Verhältnis, obwohl ich sie kaum verstanden habe.“

Noch schwieriger war die Konversation mit den Mapuche. Die Ureinwohner Chiles leben heute vor allem in Araucania und unterhalten sich noch teilweise in ihrer indigenen Sprache. „Diese Sprache ist total anders als Spanisch“, erklärt die 18-Jährige. Sie besuchte ein nahe gelegenes Mapuche-Dorf und staunte über die Rukas. Die primitiven Hütten sind mit Stroh bedeckt und haben nur Lehmböden. In den Straßen rattern keine Autos, sondern Ochsenkarren. Daran sieht man, dass dieses Gebiet zu den ärmsten in ganz Chile gehört. Auch Nicole Kasprzak saß auf so einem klapprigen Gefährt.

Die Mapuche pflegen noch ihre alten Traditionen

Viele Mapuche pflegen noch ihre alten Traditionen und sind wie früher gekleidet. Männer tragen Ponchos, Frauen Kopfbedeckungen, die einem Turban ähneln. Die Moderne hält aber auch hier Einzug. Manche Einheimische ziehen Jeans vor. Die Mapuche haben zusätzlich zur Landwirtschaft eine neue Geldquelle entdeckt: den Tourismus. Aber der hat sich noch nicht richtig entwickelt.

Während des Essens mit Fleisch, Quinoa und Gemüse bekam die Wendlingerin Mapuche-Geschichten serviert. Beispielsweise die vom weltweit größten Erdbeben, das 1960, genau am 22. Mai, in der Region stattfand. Es hatte eine Stärke von 9,5 auf der Richterskala, die bis zehn reicht. Das Beben löste eine riesige Tsunamiwelle aus, die einen immensen Schaden im gesamten Pazifikraum anrichtete. Eine Schätzung geht von etwa 1655 Toten, 3000 Verletzten und zwei Millionen Obdachlosen aus.

Noch etwas erfuhr Nicole Kasprzak: seit Jahren ist das Verhältnis zwischen den Mapuche und dem chilenischen Staat durch Landrechtskonflikte arg getrübt. Mittlerweile gab es in gewissem Umfang Landrückgaben, aber auch neue Streitereien und umstrittene Gerichtsurteile gegen militante Mapuche-Angehörige. Die rechtliche Stellung ist auch deshalb schwierig, weil die chilenische Verfassung indigenen Gruppen (anders als in den meisten südamerikanischen Ländern) keine ethnisch-kulturelle Sonderstellung einräumt.

Die Zeit in Puerto Saavedra verflog wie im Nu. Bald hieß es für Nicole Kasprzak, Abschied zu nehmen. „Das ist mir sehr schwer gefallen, denn ich habe die Leute richtig ins Herz geschlossen.“ Als sie eine chilenische Flagge mit vielen persönlichen Aufschriften erhielt, flossen bei der „Gringa“ Tränen. Zehn Tage hängte sie noch in Santiago dran, bevor sie mit Wehmut Chile verließ. Doch jeder Abschied beinhaltet ja bekanntlich ein Wiedersehen. Die Wendlingerin hat fest vor, zurückzukehren. Vielleicht schon, bevor sie im September mit ihrem Tourismus-Management-Studium beginnt.

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